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Die Geschichte hinter John Lennons 1971 veröffentlichtem Album „Imagine“ ist eine Geschichte der Verschmelzung von Liebe und Politik, Kunst und Musik. 

TV-Kritik

„John und Yoko“: Idol mit feinen Rissen - Arte-Doku über John Lennon und Yoko Ono

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Beinahe eine Hagiographie: Ein Dokumentarfilm über Yoko Onos und John Lennons Zeit nach den Beatles und die Entstehung des Albums „Imagine“.

Im Sommer 1969 erwarben John Lennon und Yoko Ono den 29 Hektar großen Landsitz Tittenhurst Park westlich von London. Mit seinen weitläufigen Anlagen, dem Baumbestand und dem vom Ehepaar in Auftrag gegebenen künstlichen See ein Paradies für Kinder, wie sich Lennons Sohn Julian in dem Dokumentarfilm „John und Yoko“ erinnert. Dort heißt es auch, Lennon und Ono hätten die Investition getätigt, um dem Londoner Trubel zu entkommen, den geschäftlichen und musikalischen Differenzen innerhalb der Beatles, denen Lennon zu diesem Zeitpunkt noch angehörte, der Presse, den zudringlichen Fans. 

Dem widerspricht, dass beinahe durchgängig ein großes Kamerateam zugegen war. Das Paar hatte sich ein eigenes Tonstudio einrichten lassen, um unabhängig Aufnahmen produzieren zu können. Diese Arbeiten wurden auf Veranlassung beider filmisch und auch fotografisch festgehalten. Dem Regisseur Michael Epstein, der 2010 schon den Beitrag „LennoNYC“ zu der Dokumentarreihe „American Masters“ der gemeinnützigen Senderkette PBS beigesteuert hatte, stand somit ein filmhistorischer Schatz zur Verfügung, zumal Yoko Ono das Material bereits hatte restaurieren lassen.

John Lennon auf der Toilette

Die Aufnahmen wirken dokumentarisch, wie spontan aufgenommen. Das gilt aber nur bedingt. Die Kameraleute, darunter der Avantgardist Jonas Mekas, folgten den künstlerischen Konzepten von Lennon und Ono, die beide selbst Filmerfahrung besaßen. Wenn wir beide im Bett zwischen einer Fülle an Presseprodukten bei der Zeitungslektüre und Lennon sogar auf der Toilette sehen, wo sich, wie überall im Haus, die Bücher stapeln, dann handelt es sich nicht um Schnappschüsse eines zufällig zur rechten Zeit auslösenden Kameramanns. Es wurde mit mehreren Kameras gefilmt, sodass Splitscreen-Effekte möglich wurden, die dasselbe Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen. Weitere Sequenzen entstanden später in New York, wo Lennon und Ono dem Album „Imagine“ den letzten Schliff gaben. 

„John und Yoko“, Freitag, 5.7., Arte, 21:45 Uhr, bis 2.9. in der Mediathek

Dem Nachspann lässt sich entnehmen, dass Lennon und Ono bei diesem historischen Material, mit dem unter anderem der Werbeclip zur Single „Imagine“ gestaltet wurde, als Regisseure zeichnen. Michael Epstein ergänzt die historischen Aufnahmen um Archivalien und eigene Interviews. Beteiligte Techniker kommen zu Wort, Musiker wie der deutsche Bassist Klaus Voormann, die Schlagzeuger Alan White und Jim Keltner. Eine Anekdote Keltners gibt einen Einblick in die damalige Arbeitsweise: Er war gerade bei Eric Clapton zu Gast, als Lennons Produzent Phil Spector anrief und Clapton verlangte. Der aber schlief noch. Keltner hatte das Telefon abgenommen – und bekam kurzerhand den Job als Schlagzeuger bei Lennons Album angetragen. Natürlich nahm er an.

Fotograf David Bailey über John Lennon: „Er war ein Arschloch“

Phil Spector war seinerzeit selbst ein Star, hatte in den USA etliche Hits verzeichnen können und betreute neben Lennon unter anderem dessen Frau Yoko Ono und den Ex-Beatles-Kollegen George Harrison, der ebenfalls an den Studioaufnahmen in Tittenhurst Park mitwirkte. Dort ging es, wenn man den Filmbildern glauben darf, sehr entspannt zu, ohne Zeit- und Arbeitsdruck. Aber wenn Spector die Musiker ins Studio befahl, gehorchten alle ohne Widerspruch. Alan White erinnert sich im Film: „Er sah bedrohlich aus.“

Dieses Beispiel zeigt, wie die historischen Filmaufnahmen aus heutigem Wissen heraus neue Bedeutung gewinnen. Die Person John Lennons bleibt dabei weitgehend unangefochten. Viele Interviewte sind des Lobes voll. Mit ein wenig Aufmerksamkeit aber nimmt man versteckte Zwischentöne wahr, so wenn Klaus Voormann, der Lennon gut kannte, höflich sagt: „Er geht von sich selbst aus.“ Der Fotograf David Bailey wird als einziger deutlicher: „Er war ein Arschloch. Deshalb fand ich ihn toll. Ich verstand mich super mit ihm.“

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Dies gesetzt, lässt sich dem Film einiges abgewinnen, was der offenbar intendierten Hagiographie widerspricht. Es fällt beispielsweise auf, dass Lennon und Ono zumeist gemeinsam öffentlich auftraten, er seine Frau, immerhin eine anerkannte Künstlerin, aber nur selten zu Wort kommen ließ, ihr sogar vor laufender Kamera in die Bluse greift. 1980 räumte er ein, dass der Text seines Hits „Imagine“ wesentlich auf ein Gedicht Onos aus ihrem 1964 erschienenen Buch „Grapefruit“ zurückging, sie aber nicht als Koautorin genannt worden sei: „... damals war ich egoistischer und machomäßiger und habe ihre Mitarbeit unterschlagen.“ Was der Film verschweigt: 1973 trennte sich Ono für mehrere Monate von Lennon. Es gab wohl einige Brüche in der im Film zur Schau gestellten Harmonie.

Die Doku wird dem Ansehen Lennons nicht schaden

Dem Ansehen Lennons wird der Film nicht schaden. Dafür war der Einfluss Yoko Onos zu groß. Sehenswert ist er ungeachtet aller Einwände, allein schon einer Sequenz wegen, die man heute mit einigem Gruseln verfolgt: Ein traumatisierter US-amerikanischer Soldat namens Curt Claudio suchte Kontakt zu Lennon und erschien an dessen Wohnsitz. Lennon hielt die Polizei davon ab, ihn zu festzunehmen, sprach mit dem offensichtlich verwirrten jungen Mann im Hippie-Look, bot ihm sogar eine Mahlzeit an. Claudio hatte sich von der Begegnung mit seinem Idol Antworten auf seine Probleme erhofft. Die konnte Lennon ihm nicht geben. „Verwechsle nicht die Songs mit dem Leben“, riet er dem Gast dämpfend. Er sei nur ein Typ, der Songs schreibt.

Am 8. Dezember 1980 wurde Lennon von Mark David Chapman, der sich ihm als Fan genähert hatte, in New York erschossen.

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