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Präsident John F. Kennedy und First Lade Jacqueline Kennedy treffen am 22. November 1963 in Dallas ein.
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Präsident John F. Kennedy und First Lady Jacqueline Kennedy treffen am 22. November 1963 in Dallas ein.

Interview

„JFK Revisited“-Regisseur Oliver Stone: „Ermordung Kennedys war ein Putsch“

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der Dokumentarfilm „JFK Revisited“ kommt in die Kinos: Oliver Stone über seine Recherchen zum 22. November 1963, die tiefe Verstrickung des Geheimdienstes und die weitreichenden Folgen.

Mr. Stone, wie haben Sie den Tag erlebt, als John F. Kennedy starb?

Ich war in der Highschool, im Internat und reagierte wie jeder andere auch. Wir waren wie Schafe, glaubten, was im Fernsehen gesagt wurde. Wir haben diese drei Tage in einem Schockzustand durchlebt. Manche waren einfach überrascht, andere trauerten. Ich hatte keine Meinung dazu, nicht vor 1980, als ich anfing, den Fall zu untersuchen.

Das ist zu einem Teil Ihres Lebenswerks geworden. In der Folge Ihres Spielfilms „JFK – Tatort Dallas“ von 1991 wurde ein Gesetz verabschiedet, dass die Geheimhaltungszeit der Akten auf das Jahr 2017 verkürzte ...

Mich hatte damals die Arbeit der ersten Forschergeneration inspiriert, vor allem Jim Garrisons Buch („Wer erschoss John F. Kennedy?“, 1988, auf Deutsch 1992, d. Red.). Dann kam unser Film heraus mit seiner eigenen Recherche und leitete eine dritte Forschungswelle ein, das Assassination Records Review Board wurde ins Leben gerufen, das bis 1998 40 000 Akten freigab. Doch als die restlichen Akten freigegeben werden sollten, war Donald Trump an der Macht und änderte seine Meinung buchstäblich am Stichtag – auf Druck von FBI und CIA. Dann kam Biden und verlängerte die Geheimhaltung um drei weitere Jahre, wegen Covid – das war seine Ausrede.

Oliver Stone über Ermordung von JFK: „Nichts ist mehr haltbar“

Ist das jetzt die Standardausrede?

Genau.

„Die Kugel, die Flugbahn, der Schütze, das Gewehr – nichts ist mehr haltbar.“

Oliver Stone über die Erkenntnisse der Warren-Kommission, die den Mord an Kennedy untersuchte

Sie haben den Film auf Grundlage der vorhandenen Quellen gedreht. Welche Erkenntnisse waren für Sie persönlich die wichtigsten?

Das Wichtigste ist, dass wir alle originalen angeblichen Beweise unglaubwürdig machen konnten, aufgrund derer die Warren-Kommission urteilte.

Die hatte 1964 gar nicht in Betracht gezogen, dass Lee Harvey Oswald unschuldig gewesen sein könnte oder zumindest kein Einzeltäter ...

Die Kugel, die Flugbahn, der Schütze, das Gewehr – nichts ist mehr haltbar. Die Kommission selbst konnten wir unglaubwürdig machen. Es gibt keine Unterlagen über ihre eigene Uneinigkeit, denn alles wurde frisiert. Drei Mitglieder waren überhaupt nicht überzeugt von der „Magischen Kugel“. Dann haben wir die Oswald-Akten untersucht und bewiesen, dass er in der Tat mit der CIA zusammenarbeitete. Auf unterer Ebene. Er fuhr in die UdSSR, kam zurück, ohne überhaupt befragt zu werden. Er war auch nicht im sechsten Stock des Gebäudes. Drei Zeuginnen sagten aus, sie hätten ihn während dieser Minute nicht auf der Treppe gesehen, aber das hat die Warren-Kommission zensiert. Er war ein Sündenbock, kein Zweifel. Und dann die Autopsie, die war ein Witz! Eine Farce! Nichts daran stimmt. 40 Zeugen beschrieben ein gewaltiges Loch in Kennedys Schädel, aber die Fotos der Autopsie zeigen es nicht. Der Autopsie-Fotograf John Stringer sagte aus, er habe den Film mit diesen Bildern gar nicht aufgenommen.

Oliver Stone über John F. Kennedy: „Er war wirklich ein Kämpfer für den Frieden“

Sicher haben Sie sich oft gefragt, wie dieses für Sie so prägende Jahrzehnt mit Kennedy weitergegangen wäre. Gerade in Deutschland wurde er von vielen als Mann des Friedens verehrt.

Er war wirklich ein Kämpfer für den Frieden. Er war in Vietnam gewesen, betonte die Belange der Dritten Welt, war gegen die Eisenhower-Doktrin. Nach der Kuba-Krise von 1962 entwickelte er eine merkwürdige Freundschaft mit Chruschtschow. Daraus entstand ein erstaunliches Dokument, der Atomtestbann. Das war eine große Leistung, auf die er sehr stolz war. Danach erreichte er eine Entspannungspolitik mit Kuba. Er hat mehrfach mit Castro Kontakt aufgenommen, was wir jetzt durch die Aktenfreigabe wissen. Wir wissen auch, dass er aus Vietnam herauswollte. In einem freigegebenen Dokument einer Konferenz auf Hawaii sagt Verteidigungsminister McNamara sehr deutlich, dass Kennedy Truppen aus Vietnam abziehen wollte. Er wollte bis 1964 draußen sein. Später schrieb McNamara das auch in seinem Buch, John F. Kennedy wollte raus, egal ob mit einem Sieg oder einer Niederlage. Das ist schon was. All das zeigt uns, dass er viel bewegen wollte, aber das ging nicht vor seiner Wiederwahl 1964. Johnson hat alles, was er erreicht hat – abgesehen von den Bürgerrechten –, rückgängig gemacht. Ich habe die Tonaufnahme im Film, wo Johnson sagt: „Ich war immer gegen den Abzug.“ Er hat das Land zurück in den Kalten Krieg katapultiert.

Glaubt nicht an Trumps Wiederkehr: Oliver Stone.

Sie selbst haben sich noch 1967 als Freiwilliger nach Vietnam gemeldet. Wann hat sich Ihr politisches Bewusstsein entwickelt?

Das war in und nach Vietnam, denn solche Dinge brauchen Zeit. Ich bin viel gereist, habe viele Leute kennengelernt, die Vietnam-Filme gedreht, und das hat mein Bewusstsein geschärft, meinen Blick auf andere Veteranen und das, was da drüben passiert ist. Dann die Akte über Kennedy zu öffnen und das wirklich zu lesen, war schockierend. Es hat mich zu dem Schluss geführt, dass etwas völlig schiefgelaufen ist in der amerikanischen Gesellschaft. Ein Putsch ist damals geschehen, ein Staatsstreich, der die Position Amerikas in der Welt völlig verändert hat. Indem wir nicht in Kennedys Richtung gingen, wurden wir in eine Position des Konservatismus geführt. Unser Kampf gegen den Kommunismus überlagerte alles, und Kennedy hatte das durchschaut.

Olvier Stone: „Ich bin kein Aktivist“

Kürzlich sah ich Ihren Film „Wall Street“ wieder und muss leider sagen, er ist nicht gealtert. Was können wir tun, um die soziale Ungleichheit zu bekämpfen?

Ich bin kein Aktivist. Ich habe mich mit der Wall-Street-Szene beschäftigt, weil mein Vater da 30 Jahre gearbeitet hat. Manche Leute griffen mich an, weil ich zu freundlich mit dem Kapitalismus umgegangen sei, aber ich bin ein Kapitalist. Ich glaube, er kann funktionieren. Ich bin kein Sozialist, aber ich wollte die Exzesse des Kapitalismus in der Figur des Gordon Gekko zeigen. Und das wurde schlimmer, nicht besser.

Woher rührt Ihr Interesse an politischen Führungsfiguren, die Sie ja immer wieder in Ihren Filmen porträtieren?

Mein Vater war zwar konservativ, aber interessierte sich als Broker brennend für das Weltgeschehen. Ich übernahm das und las mit neun Jahren die „New York Times“. Es hat sich nie geändert, es vertiefte sich nur. Ich merkte, dass die meisten amerikanischen Medien uns belügen – es ist eine Schande, wie komplizenhaft sie gegenüber der Regierung sind.

Oliver Stone: „Man wird nur für einen Verschwörungstheoretiker gehalten“

Können Sie mir das näher erklären?

Niemand fördert jemanden, der über den Mord an Kennedy recherchiert. Das bringt einen nur auf die hinteren Seiten, man wird für einen Verschwörungstheoretiker gehalten. Investigation hat keine Zukunft, sie fördert nur schmerzliche Wahrheiten zutage. Das wissen Sie doch sicher selbst als Journalist: Zeitungen zahlen nicht gerne für Recherchen, die ewig dauern. Journalismus ist ein Luxus, den wir unbedingt brauchen. Wenigstens gibt es gute Arbeit durch das Internet, das eine Alternative bietet zu den etablierten Publikationen.

Es war allerdings die „Washington Post“, die Watergate aufgedeckt hat. Geht es uns heute besser oder schlechter als damals?

Watergate war eine interessante Zeit. 1975 wurde das Church Committee einberufen, um die Rolle der Nachrichtendienste zu untersuchen bei den Attentaten auf Martin Luther King und John F. Kennedy. Das führte zu einem Verlangen nach Wahrheit, das vielen Regierungsmitgliedern Angst machte. Man sagt, das endete unter Reagan, aber eigentlich schon unter Jimmy Carter. Man sieht ihn heute gerne als Lichtgestalt, aber das war er nicht. Als er sagte, der russische Einmarsch in Afghanistan sei das entscheidendste Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg, führte ihm sein antikommunistischer Sicherheitsberater Zbigniew Kazimierz Brzezinski das Wort. Alles Russische war schlecht. Das war der Anfang des neuen Kalten Krieges. Und das war es, was die Konservativen wollten. Unter Reagan bekamen sie dann die massivste Hochrüstung seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber Sie fragten mich nach dem Journalismus: Der wurde zerdrückt durch die Marktkonzentration auf wenige Großunternehmen. Recherche wurde zum Luxus. Deshalb sehe ich das Internet als Alternative.

Oliver Stone: Zensur wird ein Riesenthema

Aber sind nicht just die sozialen Netzwerke wie Facebook auch Nährböden für Fake News und Propaganda?

Davon reden gerade die Konservativen heute den ganzen Tag, und Zensur wird ein Riesenthema. Aber Gedanken kann man nicht zensieren. Die ganze Kampagne gegen Facebook war hässlich. Es roch nach Zensur.

Bei dieser Diskussion über Wahrheit und Journalismus möchte ich Ihre Rolle als Künstler nicht vergessen. „JFK“, „Natural Born Killers“ und auch der neue Kennedy-Dokumentarfilm arbeiten virtuos mit unterschiedlichen Bildmedien und den Mitteln der Montage. Haben Sie als Künstler größere Freiheiten, als sie ein Journalist hätte?

Schon, aber die Freiheiten, die wir als Filmemacher haben, sind vielleicht nicht so, wie Sie es sich vorstellen. Wir brauchen Geld, um diese Sachen zu machen. Unser Film über JFK wurde nicht in den USA finanziert, sondern in England. Dasselbe gilt für meinen Film „Snowden“, da kam das Geld aus Frankreich und Deutschland. Das war verdammt schwer aufzutreiben.

Zur Person

Oliver Stone, 1946 in New York City geboren, hat drei Oscars gewonnen – für das Drehbuch zu „Midnight Express“ und als Regisseur der Vietnamfilme „Platoon“ und „Geboren am 4. July“. Selbst ein Veteran dieses Krieges, beschäftigt sich der Filmemacher in seinem Werk immer wieder kritisch mit der US-Geschichte und -Politik, zuletzt im Biopic „Snowden“. Sein Geschichtsdrama „JFK“ (1991) stellte die offizielle Darstellung der Geschehnisse um die Ermordung Kennedys in Frage und führte zu neuen Nachforschungen und der Freigabe von Geheimdokumenten.

„JFK Revisited: Through the Looking Glass“, sein neuer Dokumentarfilm, kommt am Donnerstag ins Kino.

Oliver Stone: Filme über Nixon, Bush und nun über John F. Kennedy

Sie haben so kontroverse Figuren wie Fidel Castro, Jassir Arafat, Hugo Chávez oder Wladimir Putin in Interviewfilmen porträtiert. Oft wurde daraus geschlossen, Sie sympathisierten mit Ihren Protagonisten ...

Ich bin Dramatiker. Ich machte Filme über Nixon und George W. Bush. Keinen davon konnte ich respektieren. Ich mochte sie nicht, wollte mich aber in sie einfühlen. Mit Putin ist das dieselbe Sache. Ich wollte, dass er sich ausdrückt, seine Position erklärt. Gerade weil man ihn in den USA nicht versteht. Da hat mir den Vorwurf eingebracht, ihn mit Samthandschuhen anzufassen. Tatsache aber ist, dass ich mehr als jeder andere aus ihm herausbekommen habe.

Welcher Politiker, den Sie getroffen haben, hat Sie denn am stärksten beeindruckt?

Jeder existierte im Kontext seiner Gesellschaft. Ich war sehr beeindruckt von Gorbatschow, von Putin, von Castro und von Chávez.

Für „South of the Border“, den Film über den damaligen venezolanischen Präsidenten Chávez, sind Sie besonders angegriffen worden.

Ja, weil das amerikanische Imperium ihn gehasst hat. Er war, was sie hier einen Sozialisten nennen, und die mögen sie gar nicht in den Regierungen anderer Länder. Chávez führte eine Revolution an, die Amerika nach links führte, sieben Länder folgten ihm. Er hat viel erreicht. Venezuela bekam ein besseres Bildungssystem und ein besseres Sozialsystem. Die Volksgesundheit verbesserte sich dramatisch. Wie Castro in Kuba brachte er Veränderungen, die für das Volk gut waren. Kapitalisten hassten ihn, aber sie gaben ihm auch keine Chance. Die US-amerikanischen Imperialisten hatten immer eine strenge Hand über Lateinamerika. Es ist schrecklich, dass Bolsonaro in Brasilien durch eine gefälschte Wahl an die Macht kommen konnte. Lula (da Silva, sein Amtsvorgänger, d. Red.) ist ein großer Held für mich. Er war dabei, viel zu verändern für Brasilien, und wird das weiter tun.

Oliver Stone: „Joe Biden ist ein Kalter Krieger“

Wäre Julian Assange ein Thema für Sie?

Ja, sehr sogar. Ich kenne und verehre ihn. Das ist eine andere Horrorshow. Aber ich möchte nicht einfach nur leben und solche Filme machen. Wenn ich einen guten machen kann, wäre es natürlich etwas anderes.

Haben Sie Kontakt? Man hört, dass er sehr unter den Haftbedingungen leidet.

Das höre ich auch. Ich bete für ihn, er hat sich tapfer geschlagen. Er ist eine verehrungswürdige Person und hat die USA schlimm aussehen lassen.

Sehen Sie denn in der aktuellen Situation in Ihrem Land auch etwas Positives? Ist Biden ein Hoffnungsträger?

Es gibt Hoffnung. Joe Biden ist natürlich ein alter Kalter Krieger, er war immer auf der Seite des Imperiums. Aber er ist älter und weiser geworden. Ich mag seine Ruhe. Man hat ihn für vieles angegriffen, aber nach Trumps Lärm ist es gut, zur Abwechslung einen leisen Präsidenten zu haben.

Glauben Sie, Donald Trump kommt zurück?

Nein. Aber auch wenn er ein Spinner ist, repräsentierte er eine in Amerika sehr verbreitete Sicht.

Man sieht ihn gerade wieder in den Startlöchern ...

Das versucht er, aber er wird es nicht schaffen.

Interview: Daniel Kothenschulte

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