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Festhalten, was man hat: Pietro und Claudia.

"Stilles Chaos"

Jetzt die Welt verändern

An einem Sommertag retten der Mittfünfziger Pietro und sein jüngerer Bruder zwei Frauen vor dem Ertrinken. Als Pietro zu seinem Haus zurückkehrt, ist seine

Von HEIKE KÜHN

An einem Sommertag retten der Mittfünfziger Pietro und sein jüngerer Bruder zwei Frauen vor dem Ertrinken. Als Pietro zu seinem Haus zurückkehrt, ist seine kleine Tochter Claudia in Tränen aufgelöst. Pietros Frau liegt verkrümmt auf dem Rasen des teuren Anwesens und wird gerade mit einem Leichentuch bedeckt. "Warum warst Du nicht da, Papa?" Diese Frage lässt den Manager eines Pay-TV-Senders nicht mehr los. Was wenn der Tod auch vor Claudia nicht halt macht? Als er die Achtjährige nach den Ferien zur Schule bringt, fasst er einen Entschluss. Er wird jeden Tag vor der Schule auf sein Kind warten, um sich dem Schicksal entgegenzustellen.

Nanni Moretti hat das anrührende Drehbuch zu Antonello Luigi Grimaldis Film "Stilles Chaos" geschrieben und die Hauptrolle übernommen. Oberflächlich betrachtet könnte man sagen, der Manager nimmt eine Auszeit. Doch so wie Moretti den lautlos leidenden, doch innerlich in gnadenlos kritische Selbstgespräche verwickelten Pietro spielt, hat Oberflächlichkeit keine Chance. Dass eine Auszeit zu Lebzeiten unmöglich ist, erlebt Pietro, wenn er wartend, auf und ab marschierend oder ein nahes Cafe aufsuchend, in die Lebenszeit anderer hineingesogen wird. Losgelöst von der Routine und den Intrigen seines fusionierenden Senders, erkennt Pietro, dass sein professioneller Tunnelblick bislang eine ganze Welt ausgeschlossen hat.

Während er die fünf Kontinente bereist hat, buchstäblich weit weg von Frau und Kind, war der kleine Platz vor der Schule immer da. Mitsamt den Menschen, die ihn kreuzen und nun zögerlich zu Pietro Kontakt aufnehmen. Auch wenn wir aus Rollen und Funktionen fallen, sagt dieser liebevoll gedachte und gemachte Film, fallen wir nicht aus dem Menschsein und nicht aus der Zeit. Wenn es regnet, flüchtet sich Pietro in sein Auto und ähnelt noch mehr einem Diogenes in der Blech-Tonne. Auch zu ihm, der nichts will, als da sein, kommen die Rat- und Rastlosen. Heiter, weise und sehr melancholisch verzichtet der Film auf alle Wegweiser. Wozu auch. Sobald wir irgendwo bleiben, und sei es auf einer Parkbank, verändern wir die Welt.

Stilles Chaos, Italien 2008,

112 Minuten.

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