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Jerzy Skolimowski, dessen „EO“ jetzt ins Kino kommt: „Esel erwecken im Kino größere Gefühle als jeder Schauspieler“

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Von: Daniel Kothenschulte

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Szenenbild aus dem Film „EO“: „Tiere sind stets sie selbst. Deshalb glauben wir ihnen mehr“, sagt Jerzy Skolimowski.
Szenenbild aus dem Film „EO“: „Tiere sind stets sie selbst. Deshalb glauben wir ihnen mehr“, sagt Jerzy Skolimowski. © Rapid Eye Movies

Der polnische Kinoveteran Jerzy Skolimowski über die Kunst tierischer Tierdarsteller, das Vermächtnis der polnischen Kinoschule und die Melancholie in Eselsaugen.

Es dauert sicher zehn Minuten, bis in Jerzy Skolimowskis Film „EO“ das erste Wort gesprochen wird, einem aufregend modernen Bildgedicht über ein archaisches Thema: Die Menschenwelt betrachtet mit den Unschuldsaugen eines Esels. In der Eröffnungsszene fügen sich rotgetönte Stakkato-Aufnahmen zu einer Choreografie von unwirklicher Anmut: Eine junge Artistin und ihre Eselsdressur. Tierschutz-Protest trennt die beiden kurz darauf, was das Tier zu einer Odyssee verurteilt, die es bis nach Italien führt. Wie der verwandelte Pinocchio lernt es dabei nicht nur gute Menschen kennen. Deutlich inspiriert ist diese Fabel ohne Moral von Robert Bressons Klassiker „Zum Beispiel Balthasar“. Seit Jahrzehnten lebt der auch als Maler renommierte Künstler zurückgezogen in einem polnischen Wald – von dort aus gab uns Skolomowski online eines seiner seltenen Interviews.

Herr Skolimowski, Sie sagten einmal, Robert Bressons Esel-Drama „Zum Beispiel Balthasar“ sei der einzige Film, der Sie zum Weinen brachte …

Das ist nur allzu wahr. Wenn man durch die alten Ausgaben der Zeitschrift „Cahiers du cinéma“ blättert, findet man in der Jahresbestenliste von 1966 Bressons Film auf dem ersten Platz und meinen Film „Walkover“ auf dem zweiten. Dass ich überhaupt genannt wurde, überraschte mich damals – und dass man mich interviewen wollte. Schnell ging ich ins Kino, um vorher „Zum Beispiel Balthasar“ zu sehen. Am Ende entdeckte ich Tränen in meinen Augen. Ich sagte dem Interviewer: Robert Bresson habe mir eine Lektion erteilt. Tierdarsteller können bei uns größere Gefühle wachrufen als menschliche Schauspieler, die sich doch immer nur vorübergehend vor der Kamera verwandeln. Sobald der Regisseur „cut“ ruft, trinken sie wieder einen Kaffee. Immer bleibt der Schatten einer Lüge. Aber der Esel in „Balthasar“ war echt. Wir wissen, dass Tiere nicht spielen können, sondern stets sie selbst sind. Deshalb glauben wir ihnen mehr.

Liegt es auch daran, dass sie unschuldige Geschöpfe sind?

Ja, das Element der Unschuld ist sehr wichtig. Man kann einem Tier keinen Fehler nachweisen.

Ich weiß nicht, ob Sie religiös sind, aber in der Bibel spielen die Tiere ja kaum eine Rolle. Sie werden geopfert, gegessen und von Noah nur sehr notdürftig vor dem Aussterben bewahrt.

Ich bin nicht fromm und gehe nur selten in die Kirche, aber als Künstler – und ehemaliger Dichter – habe ich eine gewisse spirituelle Begabung. Ich denke, in „EO“ gibt es eine Art sehr leise biblische Komponente, welche die meisten wohl kaum bemerken. Aber die Struktur ist auf halben Weg zwischen einem Märchen und einer biblischen Geschichte.

Ich musste auch an „Pinocchio“ denken, der ja für seine Sünden zur Strafe in einen Esel verwandelt wird – und da erst wirkliches Mitleid weckt. Steckt auch in Ihrem Esel ein verwandelter Mensch?

Ja, es ist eine Geschichte unserer Existenz, unserer unerwarteten Schicksalswendungen. So können Sie es verstehen.

Als ich vor ein paar Jahren Ihre Alma Mater besichtigte, die Filmhochschule in Lodz, zeigte man mir stolz einen Tisch, an dem schon Polanski und sicher auch Sie gearbeitet hatten. Noch immer mussten die Studierenden im ersten Jahr auf Schwarzweiß-35mm-Film arbeiten, im zweiten gab es dann etwas Farbfilm als sei Video nie erfunden. Erinnern Sie sich noch gut daran?

Wir hatten sehr strenge Regeln. Jeder bekam nur ein bisschen Material. Es war so wenig, dass wir nur einen Einminutenfilm im ersten Jahr daraus machen konnten. Deshalb sammelte ich alle Filmschnipsel, die mir in die Hände fielen, um doch am Ende mit einem langen Film aufzuwarten. Natürlich musste ich die Hauptrolle aus Not selbst spielen – und das über mehrere Jahre. Ich musste die gleiche Frisur behalten und dieselbe Garderobe. Da hat man es heute mit Video schon viel leichter.

Zur Person

Jerzy Skolimowski, 1938 in Lodz geboren, gehört zu den wenigen Regisseuren, die seit mehr als 60 Jahren Filmgeschichte schreiben. Bereits mit Anfang 20 prägte er – gemeinsam mit seinem Mitstudenten an der Filmhochschule Lodz, Roman Polanski – die polnische Neue Welle. In den 60ern und 70ern schuf er in Frankreich und England mit Filmen wie „Der Start“ und „Deep End“ ebenso unterhaltsame wie künstlerisch provokante Werke.

„EO“, sein neuester Film, trug ihm in diesem Jahr einen Jury-Preis in Cannes ein. Am heutigen Donnerstag kommt er in die Kinos.

Aber hätten Sie sonst auch zu Ihrem schnörkellosen Erzählstil gefunden? Auch in „EO“ gibt es kein Bild zu viel. Man könnte meinen, das Filmmaterial sei so kostbar wie damals.

Sie haben Recht, ich habe es nie realisiert, dass diese harte Erziehung zu dieser Disziplin geführt haben könnte. Ich neige wirklich nicht dazu, nutzloses Zeug zu drehen. Ich arbeite so ökonomisch wie möglich. Das kommt sicherlich noch aus dieser Schule. Jede Entscheidung wurde durchdacht.

In der Malerei können Sie das Bild vollkommen kontrollieren. Ich glaube, sie steht etwas zu Unrecht im Schatten ihrer Filme.

Ich glaube nicht, dass sie im Schatten steht. Ich stelle auf der ganzen Welt aus, berühmte Menschen kaufen meine Bilder. Ich habe mein Leben lang gemalt, aber das Filmemachen gab mir wenig Zeit dazu. Erst als ich in den 90er Jahren eine lange Pause damit machte, wurde ich dann ein professioneller Maler, umgeben von einer Armee von Kunsthändlern. Jetzt bevorzuge ich die Malerei gegenüber dem Filmemachen. Ich kontrolliere jeden Zentimeter, mische meine eigenen Farben, und niemand redet mir hinein. Ich will nur mir selbst damit gefallen. Beim Filmemachen gibt es von allen Seiten Druck, man muss früh aufstehen, was ich hasse. Wenn ich male, dann aus Appetit. Weil ich gerade auf die Farbe Gelb Lust habe, ohne mir noch über die Form Gedanken gemacht zu haben. Ich habe zwei getrennte Gehirnhälften, und die Malerei-Hälfte gefällt mir besser. Ich gerate in eine Zen-Stimmung, ob man es nun Seele nennt oder Ausdruckswillen. Eine selbstlose Aktivität.

Nun hatten Sie sich schon als Filmemacher bewiesen, als Sie mit dem Malen durchstarteten. Obwohl: Als Filmemacher hatten Sie sicher auch nie Angst vor Kritik …

Niemals. Allerdings waren die Kritiker auch meistens sehr nett zu mir. Ich fand so etwas wie einen eigenen Stil, etwas das es auf dem Markt so nicht mehr gibt.

Ist es wahr, dass Sie gerade mit Ihrem ehemaligen Kommilitonen Roman Polanski an einem Drehbuch arbeiten?

Darüber möchte ich jetzt nicht so gerne reden, das lenkt uns nur ab von „EO“. Darüber kann ich nämlich stundenlang reden.

Dann habe ich auch dazu noch eine Frage: Mir kommt es so vor, als seien Esel im Kino fotogener als andere Tiere. Worin besteht ihre Faszination?

Ich habe die Antwort für Sie. Es liegt in den Augen. Sie sind im Vergleich zu denen anderer Tiere oder von uns Menschen überproportional groß. Deshalb wirken sie expressiver. Doch diese Expression ist weder dramatisch noch will sie uns zu etwas verführen. Sie ist eher melancholisch. Die Stärke dieser Tierart liegt in der Melancholie von Eselsaugen.

Interview: Daniel Kothenschulte

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