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„Kaputt“, über das DDR-Exportprodukt Kleidung.

Trickfilmfestival Stuttgart

Jenseits von Disneyland

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Das Trickfilmfestival Stuttgart stellt entschieden politische Beiträge vor – flankiert von Arbeiten der Videokünstlerin Candice Breitz, die derzeit im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen sind.

Wir dachten schon, die Polizei wäre unseretwegen hier“, sagt Neyla Majdalani lachend. Die Beiruter Hochschullehrerin ist als Trickfilm-Expertin nach Stuttgart gekommen, doch jetzt weiß sie auch alles über die „Alternative für Deutschland“. Gäste, die das 23. Internationale Trickfilmfestival im Maritim-Hotel untergebracht hatte, konnten Frauke Petry leibhaftig beim Frühstückbuffet begegnen, wo sie von Gästen mit spontanen Buhrufen empfangen wurde. Den Kritiker weckte am Samstagmorgen das zackige „Sieg-Heil-Sieg-Heil-oi-oi-oi“ einer Gruppe von Neonazis, die sich offenbar für eine erhoffte Begegnung mit den Gegendemonstranten des AfD-Parteitags in Stimmung brachte.

Die gedrückte Atmosphäre dieses Wochenendes in Stuttgart passte so gar nicht zur heiteren Volksfeststimmung, die das Trickfilmfestival auf dem Schlossplatz und in den umliegenden Kinos alljährlich zu wecken weiß. Doch die Realität lässt sich nun einmal nicht ausblenden, es sei denn, man befindet sich wirklich in Disneyland. Zumal sich Animationsfilmer mehr denn je mit ihr befassen. Schon 1918 brachte Trickfilm-Pionier Winsor McCay mit „Der Untergang der Lusitania“ ein Kriegsverbrechen auf die Leinwand. Spätestens seit dem Erfolg des israelischen Dokumentarfilms „Waltz with Bashir“ tauchen Animationssequenzen regelmäßig in nicht-fiktionalen Filmen auf. „Animadok“ ist der aktuelle Neologismus für dieses Phänomen und zeigt, dass sich auch in der deutschen Filmwirtschaft ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Animation mehr ist als lustige Kinderunterhaltung und ein Medium für Werbung.

Mit „Kaputt“ gewann ein animierter Dokumentarfilm den mit 15 000 Euro dotierten Grand Prix des Festivals. Die Regisseure Alexander Lahl und Volker Schlecht widmen sich darin der Zwangsarbeit und Folter, der politische Häftlinge im DDR-Frauengefängnis Burg Hoheneck ausgesetzt waren. In traditioneller Papier-Animation entwickeln sie in schwarz-weiß und einem stumpfen Grau einen Stil einnehmender Nüchternheit. Technische Zeichnungen setzen den strengen Rahmen für das entmenschlichte Leben an dieser Produktionsstätte für Exportprodukte wie Kleidung oder Tapeten. Aus dem Off sprechen ehemalige Frauen von dem Erlittenen, von wochenlanger Einzelhaft auf nacktem Fußboden oder einer gefürchteten Zelle, die sich bis zum Hals der Gepeinigten mit kaltem Wasser füllte.

Erst in jüngster Zeit entspann sich eine Debatte, die westdeutsche Handelsriesen mit der ihnen teils wohlbekannten Herkunft der Billigware konfrontierte. Dass dieser Film die internationale Jury überzeugte, spricht für die Allgemeingültigkeit der filmischen Darstellung, auch wenn ihm eine längere Laufzeit als sieben Minuten gut getan hätte, um seinen starken emotionalen Appell formal und inhaltlich zu vertiefen.

Eine andere gebräuchliche Verwendung von Animationstechniken im Dokumentarfilm ist die Umwandlung von Fotografien in plastische, für die Kamera scheinbar begehbare Räume. Der Animationsfilmer Ronny Trocker erhebt solch digitales Compositing zu künstlerischem Eigenwert, wenn er ein bekanntes Pressefoto, das Juan Medina am 5. Mai 2006 am Strand von Tarajal auf Fuerteventura aufnahm, zum Schauplatz seines Films „Estate“ macht. Ein afrikanischer Flüchtling schleppt sich in der Verfilmung dieses Fotos aus dem Wasser kommend durch den Strand, vorbei an Badegästen, die im Stillstand der Momentfotografie eingefangen sind. Dann wird er selbst fotografiert und erstarrt zum Teil des bekannten Fotos.

Es ist ein beklemmendes Bild der Stille, das Animation, diese Kunst der Verlebendigung, hier generiert hat. Und das zugleich ein Erlebnis illustrieren könnte, das ein Flüchtling der Videokünstlerin Candice Breitz erzählt hat. Ihre aus acht parallelen Projektionen bestehende Installation „Love Story“ hat nichts mit dem Stuttgarter Trickfilmfestival zu tun, auch wenn sie am selben Schlossplatz im Kunstmuseum ihre Weltpremiere erlebt.

Auf sechs kleinen Leinwänden erzählen Geflüchtete aus ihrem Leben, doch der eigentliche Kinoraum gehört einem Re-Enactment ihrer Interviews durch die Hollywoodstars Julianne Moore und Alec Baldwin. Und so kann man nun aus Baldwins Mund die Geschichte des Syrers hören, der beschreibt, wie er in Deutschland ausgezehrt stundenlang für ein Dokument ansteht, das ihm seinen Flüchtlingsstatus attestiert, während ihn Pressefotografen ablichten ohne zu fragen, wie es ihm nach seiner langen Reise gehe.

Die aus Johannesburg stammende, in Berlin lebende Künstlerin beschäftigt sich in ihrem Werk seit zwei Jahrzehnten mit den Ritualen medialer Inszenierungen. In einer früheren Installation sprach sie emotionale Monologe aus Hollywoodproduktionen mit und destillierte dabei in ihrem eigenen Gesicht die Muster des Hollywood-Acting. Nun kehrt sie den Spieß um, indem sie Moore und Baldwin ihr Handwerk an den Interviews erproben lässt, die ihnen als Drehbücher dienen.

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