Ellen (Jeanne Balibar, li.) hat sich Tierbefreiungsaktivisten angeschlossen.
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Ellen (Jeanne Balibar, li.) hat sich Tierbefreiungsaktivisten angeschlossen.

Film

Jenseits von Afrika

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Die faszinierende Jeanne Balibar macht Pia Marais’ „Im Alter von Ellen“ zu einem einmaligen Filmkunstwerk. Ähnlich wie Isabelle Huppert oder Tilda Swinton kann sie durch ihre bloße Erscheinung alltägliche Augenblicke kaum merklich verfeinern und überhöhen.

Die französische Schauspielerin und Sängerin Jeanne Balibar ist ein Phänomen. Ähnlich wie Isabelle Huppert oder Tilda Swinton kann sie durch ihre bloße Erscheinung alltägliche Augenblicke kaum merklich verfeinern und überhöhen. Dass die Kamera dabei nicht von ihr ablassen kann, dass diese Frau weibliche wie männliche Zuschauer gleichermaßen fasziniert, hat wenig zu tun mit den üblichen Mustern von Attraktivität. Der portugiesische Kunstfilmer Pedro Costa widmete Balibar zuletzt mit „Ne change rien“ einen ganzen Porträtfilm, der sie bei Proben mit ihrer Band beobachtete, als sei sie ein unwirkliches Naturphänomen.

Man versteht schnell, warum die deutsche Regisseurin Pia Marais ihren Film „Im Alter von Ellen“ derart auf Balibar ausgerichtet hat. Wie in ihrem vorangegangenen Film „Die Unerzogenen“ über eine distanzierte Tochter von Hippie-Eltern blickt die Regisseurin voll innerer Distanz auf eine semidokumentarisch eingefangene Alltäglichkeit. Und Balibar spiegelt diese neugierige Befremdung in der Rolle der Ellen wie eine Besucherin vom anderen Stern. Sie ist eine Stewardess, die ihren Job verliert, weil sie plötzlich nicht mehr zur Routine zurückkehren kann. In einem afrikanischen Land ist sie einem Kindersoldaten begegnet, der behauptet, er ziehe in den Krieg gegen Wilddiebe. Nach dieser widersprüchlichen Begegnung verpasst sie freiwillig den eigenen Rückflug.

Wenn sie sich bald in Deutschland einer Aktivistengruppe von Tierschützern zuwendet, behält sie dennoch die Stewardessenuniform an. Sie ist eine Reisende in einer Welt, deren Fremdheit sie nicht überspielen mag. Und die sie dennoch mutig durchstreift wie eine Forscherin auf unbekanntem Gebiet. Es ist eine rohe Welt, in der sie sich da durchschlägt. Man sieht sie die Trennung von einem untreuen Mann durchstehen und gleichzeitig ihre sexuelle Neugier nicht verlieren. Sie teilt das Schlafzimmer mit einem homosexuellen Paar und begleitet eine esoterische Tierschutzorganisation bei einer Nackt-Demo. Sie stürzt sich in eine Heirat – und umarmt auf ihre distanzierte Art doch eine Welt, die ihr so wenig Gutes tut. Sie befreit Legehennen – als hätte man etwas geahnt vom jetzigen Dioxin-Skandal. Es ist schon erstaunlich, wie dieser Film bereits diesem Ekel, der uns da gerade angesichts der Tierhaltung befällt, einen Ausdruck gibt, weil er die entfremdete Welt zeigt, die ihn entfacht.

„Im Alter von Ellen“ gehört zur seltenen Sorte von Filmen, die innerhalb einer abendfüllenden Erzählung erreichen, was man sonst von Werken der bildenden Kunst erwartet – nämlich eine Wirklichkeit konsequent vom ersten bis zum letzten Bild zu durchdringen und ihre Widersprüche aufzuzeigen: Das, was sich sonst dem Blick entzieht. Dafür ist das Kino eigentlich da, aber doch ist es selten zu erleben. Es ist immer ein kompliziertes Unterfangen, es verlangt eine stete Balance zwischen den Gestaltungselementen: Neben Balibar ist das vor allem das Verdienst der Kamerabilder von Hélène Louvart und der stets maßvollen minimal music von Horst Markgraf und Yoyo Röhm.

Im Alter von Ellen, Regie: Pia Marais. Deutschland 2011, 95 Minuten.

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