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Revolutionär. Martin Luther (Arthur Fischer)
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Revolutionär. Martin Luther (Arthur Fischer)

TV Kritik: Der Luther-Code (Arte)

Jedes Jahrhundert ein neuer Luther

Die sechsteilige Doku-Reihe von Wilfried Hauke und Alexandra Hardorf beginnt einen ehrgeizigen Ritt durch 500 Jahre Geistesgeschichte.

Von Daniel Bickermann

Zum halben Jahrtausendfest der Reformation hat sich das Team um den Kultur-Dokumentar-Veteranen Hauke und die bisher eher als Produzentin aufgetretene Hardorf ein beinahe ebenso ketzerisches, größenwahnsinniges Ziel gesetzt: Sie wollen den ganz großen Bogen schlagen zwischen Luthers 16. Jahrhundert und den tagesaktuellen Entwicklungen unserer Zeit. Nun war Luther sicherlich einer der einflussreichsten Akteure der europäischen Geschichte, aber wie man 500 Jahre Geistesgeschichte vom modernen Atheismus bis hin zur Flüchtlingskrisen auf einen zutiefst gott- und teufelsgläubigen Mönch zurückführen möchte, das erwartet man doch mit Skepsis. 

Bahnbrechende Gedanken

Tatsächlich aber wird man angenehm überrascht. Anstatt Luther kreischend und tretend an den Haaren herbeiziehen, um jedes kleine Thema der Jetztzeit auszulösen, benutzt die Reihe ihn nur als Sprungbrett – als eine Gussform für die Geistesrevolutionäre anderer Zeiten und Jahrhunderte. So absurd es manchmal wirkt, eine Doku-Rehe mit dem schrecklich Dan-Brown-esken Titel „Der Luther-Code“ zu sehen, die ab der zweiten Folge praktisch keine Luther-Erwähnung mehr bringt – es ist ehrlicher und besser so.

Luther steht nicht als singuläre Figur, sondern nur als Fokuspunkt der geistesgeschichtlichen Themen seiner Zeit. In der zweiten und dritten Folge, die direkt im Anschluss laufen (Folge 4 bis 6 folgen am Sonntag) werden Größen wie Leibnitz, Lessing oder Keppler herangezogen, die ähnlich bahnbrechende Gedanken, aber ganz andere Inhalte äußern. 

Und es funktioniert tatsächlich. In jeder Folge beschreiben eine Gruppe aktueller Vordenker – Autoren, Soziologen, Wissenschaftler, Historiker – die große Ideen unserer Zeit. In den leider offenbar unvermeidbaren historischen Spielszenen tut eine Gruppe Vordenker aus dem 15., 16. oder 18. Jahrhundert das gleiche – und siehe da, die Themen sind erstaunlich deckungsgleich.

Die Revolution des individuellen Glaubens spiegelt dabei die moderne, nichtzentralisierte, individualisierte Moral, die in der Flüchtlingskrise oder der Umweltbewegung zum Vorschein kommt. Die moderne Politikverdrossenheit und das Wutbürgertum trifft auf die Krise des kirchlichen und staatlichen Autorität im Mittelalter. Die innere gegen die Urteile und Abhängigkeiten vom allsehenden, allkommentierenden Gott findet heute nicht mehr in der Kirche, sondern im Kampf gegen Zensur und Überwachung im Internet statt. 

Historische Spielszenen meist unfreiwillig komisch

Genauso muss ein ideengeschichtlicher Dokumentarfilm funktionieren: Stets den zeitgeschichtlichen Kontext mitdenken – und jederzeit die aktuellen Themenpunkte im Blick haben. Erst so ergibt der jahrhundertelange, schleichende Fortschritt der Renaissance durch Europa ein wirklich kohärentes Bild, das Geographie, Kunst, Philosophie und Wissenschaft vereint – und so verknüpft man es auch sehr direkt mit der Tagessituation. Auch stilistisch ist die Doku durchaus ansprechend, mit schwarzweißen Passagen, einigen wirklich kunstvollen Stimmungsbildern und schön-schlampigen Hinter-den-Kulissen-Interviews, wo Mikros und Scheinwerfer ins Bild ragen. Schade nur, dass die historischen Spielszenen meist unfreiwillig komisch und überkandidelt daherkommen. Aber selbst das kann die Freude über etwas wirklich kluge Information nicht mehr verderben. 

Im zweiten Teil geht es um Hexenprozesse und Aberglaube im 17. Jahrhundert – und um Alien-Forschung heute; um den revolutionären Wandel des Journalismus damals und heute; um die Durchbrüche der Technologie, die eine Synchronisation der Zeit und der Information weltweit anstreben, sei es durch Uhrhandwerk und Buchdruck oder durch die digitale Revolution. Der dritte Teil denkt über Toleranz und Gleichheit nach, diesmal im 18. Jahrhundert und heute. Der Versuch, eine neuen Moral jenseits von Rassen, Kulturen, Religionen zu formulieren, die Fragen nach dem Leben innerhalb und außerhalb der Gesellschaft, die Geschlechtergerechtigkeit und die neuen, revolutionären Gemeinschaftsformen, die versuchen zwischenmenschliche Orientierung inmitten der chaotischen Informationsüberwältigung aufrecht zu erhalten. 

Und Luther? Hm, nunja. Protestanten sind angeblich die besseren Intellektuellen, mehr Zusammenhang gibt es da schon nicht mehr. Muss es aber auch nicht. Luther war nur der Startbahnhof auf einem wilden Ritt durch die Jahrhunderte, und welche Lehren sie heute noch für uns bereithalten. Eine sechsstündige Geschichts-Einheit, die mal tatsächlich ihre Zeit wert ist.

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