Filmkritik

Biopic: „Jean Seberg“ im Kino - Und plötzlich kommt das FBI 

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Kristen Stewart verkörpert in Biopic „Jean Seberg – Against All Enemies“ die Schauspielerin als vom FBI verfolgte Rebellin.

  • Das FBI plante die Zerstörung des Ansehens von Jean Seberg.
  • Sie wurde als Revolutionärin gefürchtet.
  • Wird der Film Biopic „Jean Seberg - Against All Enemies“ einer der einflussreichsten Frauen der 60er Jahre gerecht?

Jean Seberg war das Gesicht eines anderen Hollywood, bevor es dieses andere Hollywood überhaupt gab. Schon bei ihrer Entdeckung als 17-Jährige als eine von 18 000 Bewerberinnen für Otto Premingers Verfilmung der „Heiligen Johanna“ war sie am falschen Ort zur falschen Zeit. Erst verletzten sie bei einer Drehpanne die Flammen des Scheiterhaufens. Und dann, schlimmer noch, wie sie es später ausdrückte, die Kritiker. So wurde sie erst durch einen französischen Film zur Ikone der 1960er Jahre, Jean-Luc Godards „Außer Atem“. Schwer zu sagen, wer mehr vom anderen profitierte – die revolutionäre Filmsprache der Nouvelle Vague – oder die revolutionäre Schönheit in ihrem Zentrum.

Ein knappes Jahrzehnt später, Seberg war längst auch in den USA ein Star, fürchtete sie das FBI als andere Art der Revolutionärin. Hier setzt das Biopic „Jean Seberg – Against All Enemies“ des australischen Theaterregisseurs Benedict Andrews ein – als erster Spielfilm über einen Skandal, der bereits das Thema mehrerer Dokumentarfilme gewesen ist. Die Schauspielerin hatte öffentlich ihre Sympathien für die Ziele der Black Panther Party bekundet; über viele Jahre spendete sie Geld für die afroamerikanische Organisation. Behördenchef J. Edgar Hoover persönlich gab die Direktive aus, nach der Seberg „neutralisiert“ werden sollte, was auch immer das bedeuten mochte.

Film Biopic: FBI plante Zerstörung des Ansehens von Jean Seberg

Tausende von Abhörstunden wurden aufgezeichnet, zerstört werden sollten Ansehen und Karriere. Was das berüchtigte FBI-Programm „Cointelpro“ darüber hinaus erreichte, war die Zerstörung von Sebergs psychischer Verfassung. Kurz nach ihrem Suizid 1979 räumte die Behörde die Überwachung ein, auch um sich vom Erbe Hoovers zu distanzieren, der 37 Jahre die Behörde geleitet hatte. Kristen Stewart gehört als Seberg in Otto Premingers „Die Heilige Johanna“ bereits die erste Szene. Die Flammen, die der 18-jährigen Schauspieldebütantin ins Gesicht schlagen, sind nichts im Vergleich zum Kommenden. Ein Zeitsprung führt ins Jahr 1969: Der Star, der zwischen Paris und Los Angeles pendelt, macht im Flugzeug die Bekanntschaft mit dem Black-Panther-Aktivisten Haim Jamal (Anthony Mackie) und posiert demonstrativ mit ihm bei der Ankunft für die Fotografen.

Eine kurze Affäre folgt, die beide jedoch beenden, als das FBI dafür sorgt, dass Jamals Frau Wind davon bekommt. Dass sich die Agenten bei ihren Aktivitäten denkbar ungeschickt anstellen, ist dem gewünschten Effekt nur zuträglich: Im Wissen ihrer Überwachung entwickelt die schwangere Seberg eine schwere Angststörung. Fälschlich spielt das FBI Medien die Falschinformation zu, Jamal sei der Kindsvater. Der Film folgt hier den dokumentierten Tatsachen, schenkt jedoch einen beträchtlichen Teil der Spielzeit einer fiktiven Filmfigur, die weit weniger Interesse weckt: FBI-Neuling Jack Solomon (Jack O’Connell) packt angesichts der Unmenschlichkeit seiner Arbeit das schlechte Gewissen.

Biopic: Zum Whistleblower fehlt ihm der Mut

Doch zum Whistleblower fehlt ihm der Mut. Als er Seberg schließlich direkt anspricht, wirkt dies nurmehr wie eine private Beichte. Mehr als ein Hauch von „Das Leben der anderen“ umweht die Szenen der FBI-Agenten – getragen vom gleichen Bemühen, einzelnen Vertretern diese unseligen Profession auch menschliche Seiten zuzusprechen. Ist das hier wirklich so ein Thema? Die Gewissensbisse des Agenten nehmen nicht nur Kristen Stewart mögliche Leinwandzeit, in der sie Gelegenheit finden könnte, etwas mehr mit ihrer Rolle zu verschmelzen, sondern auch einer Vermittlung der Aktivitäten der Black-Panther-Partei. Bereits vor einem Jahr feierte dieser Film seine Premiere beim Filmfestival Venedig; gut möglich, dass er heute, wenn er unter dem Eindruck der Black-Lives-Matter-Bewegung produziert worden wäre, andere Prioritäten setzte.

Kristen Stewart als Jean Seberg im Film Biopic.

Man kann die Schnörkellosigkeit, mit der die schamlose Überwachung Sebergs und die Schmutzkampagne vermittelt wird, durchaus loben. Auf den zweiten Blick aber ist auch Benedict Andrews’ Inszenierung des Stars kaum sensibler als dessen Beobachtung mit einem Fernglas. Die einzige Situation, in der die Schauspielerin nicht als Modell poppiger Vintage-Mode dient, ist eine entbehrliche Nacktszene. Spätestens seit dem Erfolg der Serie „Mad Men“ (die wahrlich noch andere Qualitäten hatte) werden historische Filme über die 60er Jahre oft als Design-Ausstellungen missverstanden. Es wäre wichtig gewesen, Seberg hier deutlich mehr repräsentieren zu lassen als Trägerin eines Kurzhaarschnitts zu sein.

Jean Seberg begann zunächst ein Filmstudium

Wer also war diese verletzliche Ikone wirklich, die dieser Film lediglich auf die Scherben seiner Karriere reduziert? Geboren im Mittleren Westen, in Mashalltown Iowa, begann Jean Seberg zunächst ein Filmstudium, das sich mit ihrem unvermittelten Starruhm überkreuzte. Wie vorher nur ein anderer kurzhaariger Hollywood-Outcast, der Stummfilmstar Louise Brooks, fand sie erst nur in Europa wirkliche Anerkennung – und konnte auf beiden Seiten des Atlantiks ihre Möglichkeiten nicht annähernd verwirklichen. Es wäre Zeit für einen Film, der einer der einflussreichsten Frauenfiguren der 60er Jahre wirklich gerecht würde.

Jean Seberg – Against All Enemies. USA 2020. Regie: Benedict Andrews. 102 Min.

Rubriklistenbild: © -/PROKINO Filmverleih/dpa

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