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Jean-Luc Godard stellt mit der Schauspielerin Nathalie Baye 1980 in Cannes seinen Film „Sauve qui peut (la vie)“, „Rette sich, wer kann (das Leben)“ vor.
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Jean-Luc Godard stellt mit der Schauspielerin Nathalie Baye 1980 in Cannes seinen Film „Sauve qui peut (la vie)“, „Rette sich, wer kann (das Leben)“ vor.

Regisseur

Jean-Luc Godard zum 90. Geburtstag: Filmkunst außer Atem

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Zum 90. Geburtstag Jean-Luc Godards, des noch immer aktiven Erneuerers des Kinos.

Es gibt ein Kino vor Godard, und eines seit Godard. Als der erfolgreiche Filmkritiker 1960, mit 30 Jahren, seinen ersten Langfilm „Außer Atem“ zeigte, verpasste er dem Medium einen Kulturschock, von dem es sich nicht mehr erholen sollte. So wie es Miles Davis mit dem Jazz anstellte oder Bob Dylan mit dem US-amerikanischen Song. Eine Kunstform, die damals noch mehr als heute als Massenunterhaltung galt (zumindest bei ebendiesen Massen) adelte Godard mit seiner Intellektualität – ohne dass sie deshalb weniger unterhaltsam gewesen wäre.

Letzteres kann man von seinen späten Werken, die inzwischen am heimischen Videoschnittplatz in seinem Wohnort Rolle am Genfer See ihre Form finden, zwar nicht mehr behaupten – doch sie faszinieren deshalb nicht weniger. In den rund siebzig Jahren, die das Kino mit Godard verbracht hat, seit er erste Kritiken schrieb, ist es buchstäblich erwachsen geworden. Zugleich schließt sich aber auch mit Godards Alterswerk der Buchdeckel hinter einer Epoche, die den Film zum Leitmedium erkor und das Kino zum Dreh- und Angelpunkt des urbanen Lebens erhob. Sie schwindet im Zeitalter von Amazon und Netflix vor unseren Augen dahin.

Forderung nach einer öffentlich anerkannten und geförderten Filmkultur

Gemeinsam mit seinen Freunden (und manchmal auch Rivalen) von den Cahiers du cinéma und der späteren Nouvelle Vague entwickelte Godard in den fünfziger Jahren eine kollektive Filmtheorie, die der Autorenschaft in Hollywoods Industrieprodukten nachspürte. Gleichwohl wollte sich niemand dieser Jüngeren, Truffaut, Varda, Chabrol, Rivette, Rohmer, Resnais, um nur die bekanntesten zu nennen, selbst in einer Traumfabrik ausbeuten lassen. So entstand auch die politische Forderung nach einer öffentlich anerkannten und geförderten Filmkultur. Nicht von ungefähr war der Kampf um die Cinémathèque française, bei dem Godard und Truffaut stark engagiert waren, ein Kristallisationspunkt der Mai-Unruhen von 1968. Schwer vorstellbar, dass heute noch jemand für die Filmkultur auf die Straße ginge. „Adieu au langage“ heißt einer der späten Godard-Filme, und die Sprache, von der er sich da verabschiedet, ist natürlich auch jene lingua franca, zu der er selbst das Kino mit erhoben hat.

Wäre dieser Geburtstagstext ein Film, dann käme jetzt ein Ausschnitt aus der Komödie seines schwedischen Zeitgenossen Bo Widerberg als Beleg für Godards Popularität Mitte der 60er. In Widerbergs „Roulette der Liebe“ sagt ein Filmregisseur: „Ich möchte einen Film machen, der so reell ist, als ob er einfach auf dem Frühstückstisch liegt.“ Und zitiert gleich darauf, beim Liebesspiel mit der Frau seines Freundes, seinen Meister: „Godard hat gesagt: Film ist Wahrheit, vierundzwanzig Mal in der Sekunde. Näher lässt er das Kino nicht an sich heran. Und Antonioni glaubt sogar, jede Bildkomposition sei eine Frage der Ethik. Langweile ich dich?“ – „Nein. Aber du liegst auf meinem Arm.“

Godard kapert das Star-Kino

Wenn man jemals Film im Bett lernen konnte, so wie es Angeber über Fremdsprachen behaupten, dann war das wohl Anfang bis Mitte der Sechziger der Fall, als ein frischer Wind durch das Weltkino wehte, wie nie zuvor und nie danach. Tatsächlich war Godards berühmter Satz über filmische Wahrheit schon in seinem zweiten Film, „Der kleine Soldat“ von 1960 gefallen. Wegen seiner kritischen Haltung zum Algerienkrieg verbot ihn die französische Zensur jedoch sofort, so dass er erst 1963, nach Kriegsende, aufgeführt werden konnte. Unterdessen hatten andere Godardfilme seinen Ruhm gefestigt: Die poesievolle Komödie „Eine Frau ist eine Frau“ und das antinaturalistische Prostituiertendrama „Die Geschichte der Nana S.“ etablierten zugleich seine damalige Ehefrau Anna Karina als Star der Nouvelle Vague.

Mit dem aufwendigen Cinema-Scope-Film „Die Verachtung“ kaperte Godard dann 1963 selbst das Star-Kino und besetzte Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance und Fritz Lang in einem selbstreflexiven Exkurs über das Filmemachen. Bis heute hat dieser verwegene Film nichts von seinem Geheimnis verloren, seine Widersprüche halten ihn buchstäblich in Spannung. Immer wieder gelang es Godard in den 60ern, sich Genres und Konventionen des populären Kinos anzueignen und zugleich subtil zu verfremden. Dadurch entstand eine Distanz zur Konsumkultur, die sie hervorgebracht hatten.

Auf wundersame Weise schien dieser intellektuelle Überbau einen Kriminalfilm wie „Die Außenseiterbande“ oder einen Gangsterfilm wie „Elf Uhr nachts“ nicht zu beschweren, im Gegenteil: Godards Filme fütterten ihr interpretationsfreudiges Publikum mit einem intellektuellen Überschuss, der sich bis heute nicht verbraucht hat. Nie war anspruchsvolles Kino populärer, doch seine Popularität schien für den Filmemacher zusehends zu einer Belastung zu werden. Fast schien er es darauf anzulegen, mit seinen späteren Werken seine Gefolgschaft abzuschütteln. Doch wer ihm noch immer folgte, wurde immer wieder reich belohnt. Etwa mit den immer kunstvolleren Tonmontagen seiner Filme wie „Nouvelle Vague“ (1990), dessen Tonspur als CD beim renommierten ECM-Label erschien.

Godard bleibt Pressekonferenzen fern

Beim Filmfestival von Cannes, das noch immer regelmäßig seine Werke zeigt, hat er das Versteckspiel mit Publikum und Kritik zur Meisterschaft gebracht. Angesetzten Pressekonferenzen bleibt er üblicherweise fern. 2017 hatte dort sein bislang letzter Film, „Das Bilderbuch“, Premiere: Wieder einmal verwandelten seine Montageexperimente das Festivalpalais in eine Platon’sche Höhle, schleuderte er Bild- und Tonfragmente in den virtuellen Denk-raum. Getragen von der musikalischen Idee des Kontrapunkts, blättert sich ein Bilderbuch auf einer sich selbst wiederholenden Geschichte brutalster Konflikte. Godard fächert die jahrtausendealten Vorgeschichten der Kulturkämpfe der Gegenwart in Hunderten Filmausschnitten auf, mischt zu Blitzlichtern verkürzte Youtube-Bilder der Morde des „Islamischen Staats“ mit ikonischen Szenen aus Filmklassikern von Sergeij Eisenstein, King Vidor oder Max Ophüls.

Nach der Vorführung zeigte er sich dann doch überraschend der Presse, wenn auch nur in winziger Größe auf einem in den Saal gereichten Smartphone. Geduldig und charmant beantwortete er alle Fragen, auch die unserer Zeitung nach dem Überleben der Filmtheater in Zeiten des medialen Umbruchs. „Ich kann es nicht wirklich sagen, auch wenn ich mir wünsche, dass dieser Denk-raum überlebt.“ Etwas später schob er einen philosophischen Einzeiler hinterher: „Manchmal kommt mir das Kino vor wie ein kleines Katalonien, das verzweifelt versucht, zu existieren.“ Wünschen wir ihm heute, in sicherer Entfernung von seinen Bewunderern, alles Gute zum Neunzigsten.

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