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Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale: Eine Geste, die zur Themenwahl passt.
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Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale: Eine Geste, die zur Themenwahl passt.

ZDF Magazin Royale

Jan Böhmermann schießt in ZDF Magazin Royale gegen Elke Heidenreich wegen rassistischer Äußerungen

  • VonMirko Schmid
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Wenige Dinge sind derart belanglos wie „True Crime“. Jan Böhmermann widmet der Gafferei trotzdem eine ganze Folge des ZDF Magazin Royale. Die TV-Kritik.

In der Regel folgt eine Folge des ZDF Magazin Royale einem klar strukturierten Ablaufplan. Am Anfang stehen seichte Witzchen, darauf folgt im ersten Sendedrittel klamaukiger Nonsens und dann, ja dann wird es relevant. Dann wird aufgedeckt, aufwändige Recherche präsentiert oder schlichtweg ein Missstand prominent zusammengefasst, der ansonsten ungeachtet der ihm innewohnenden Sprengkraft ein weithin unbeachtetes Dasein fristet. Diesmal nicht.

Denn an diesem Abend im ZDF wirkt es ein wenig so, als müsse Böhmermanns Redaktion nach dem kraftvollen Glanzstück der Vorwoche, als die AfD-nahe Erasmus-Stiftung im ZDF Magazin Royale fein säuberlich filetiert wurde, ein wenig die Füße baumeln lassen. Einfach mal ein Thema machen, das eigentlich niemanden so richtig juckt. Mal locker durch die Hose atmen, wie es der olle Stromberg wohl ausgedrückt hätte.

Gesagt, getan. Relevante Themen wie der peinliche Widerstand antiquierter Polizeigewerkschaften gegen die Legalisierung von Cannabis beziehungsweise die zumindest befremdlich-stereotypen (oder, wie sich so ziemlich ganz Twitter einig war: rassistischen), aber in jedem Fall senilen Stammtischparolen der Elke Heidenreich waren Jan Böhmermann keine fünf Minuten Sendezeit wert. Die Steinzeit-Gewerkschaften wischte er gar mit nur einer Punchline vom Tisch: „Riesenschock für den kleinsten Polizeigewerkschafter der Welt, Rainer Wendt: Wenn Cannabis jetzt legalisiert wird, wird dann Scheiße labern verboten?“

Jan Böhmermann (ZDF Magazin Royale) lässt relevante Themen liegen

Hier die Antwort: nein. Denn wenn Cannabis endlich legalisiert wird, dann führt das zur lange überfälligen Entkriminalisierung friedlicher Kifferinnen und Kiffer, zu einem abrupten Ende der Dealerei mit gestreckter, ungesunder Ware und zu einem steuerlichen Segen für die Staatskasse. Also dazu, dass mehr Geld in Arbeit, Bildung, Rente investiert werden könnte. Eine wahre Zaubersteuer. Wozu das aber nicht führt: zu weniger Scheiße labern. Aus Erfahrung: ganz im Gegenteil. Rainer Wendt kann also aufatmen.

Jan Böhmermann spielt einen der gruseligsten von vielen gruseligen Sätzen ein, welche Schriftstellerin Heidenreich kürzlich in Markus Lanz‘ Studio erbrechen durfte. Über Grüne-Jugend-Sprecherin Sarah-Lee Heinrich sagte die nämlich: „Wenn einer aussieht wie sie, dann frage ich natürlich: Wo kommst du her?“ Muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: „Einer wie sie.“ Einer. Wie sie. Und: „Dann frage ich natürlich.“ Natürlich. Weil Schwarz. Da ist es natürlich „natürlich“, dass man dann Scheiße fragt.

Jan Böhmermann fällt dazu ein: „Wenn jemand aussieht wie Elke Heidenreich, dann frag ich mich schließlich auch: Wo kommst du her? Aus‘m Bett? Aus einem Antiquitätenladen für Trainingsjacken? Vom Ü70-Cindy aus Marzahn-Lookalike-Contest?“ Bei aller Liebe: Darf man vom aktuell wichtigsten Satiriker des Landes nicht erwarten, dass ihm als Replik auf Heidenreichs Totalausfall mehr einfällt als „die sieht alt aus“?

„Spannend“: Jan Böhmermann widmet sich im ZDF Magazin Royale „True Crime“

Egal. Denn: Alles, was danach kommt, wird nicht besser. Weil es um „True Crime“ geht. Was das ist? Das Cambridge Dictionary sagt: „Books and films about real crimes that involved real people.“ Übersetzt: „Boulevardesk überzeichnete Aufbereitung von Kriminalfällen zur Belustigung von Schaulustigen ohne jede Rücksicht auf Moral, Anstand und Gefühle der Angehörigen der Opfer und Täter.“ Immer wieder erstaunt es, dass gebildete, tolle Menschen sich dieser Lust am Leid anderer hingeben.

„ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann

„Profiler - zu true, um wahr zu sein“, ZDF, von Freitag, 15. Oktober, ab 23 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Thematisiert Jan Böhmermann das? Den Umstand, dass dieses Gaffertum einen Markt geschaffen hat, der eine Unzahl von Magazinen, Podcasts, TV-Sendungen und whatever lukrativ macht? Sich also rein aus dem Leid anderer finanziert? Leider nein. Thematisiert Jan Böhmermann stattdessen die (natürlich nicht vorhandene) Integrität selbst ernannter „Profiler“, die sich innerhalb der Szene wichtig machen? Leider ja.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann enttarnt „True Crime“-„Profiler“ als Scharlatane

Da diese Blender absolut keine Daseinsberechtigung in der medialen Berichterstattung haben (oder haben sollten), muss die abschließende Beurteilung des Satirikers über seine drei Beispiele selbsternannter „Profiler“ ausreichen. Böhmermann: „Ich habe das Gefühl, die drei Semikolons sind gar keine Mordexperten, sondern nichts anderes, als mittelmäßige Schriftsteller, schauspielernde Hypnosetherapeutinnen und gescheiterte Jongleure. Ganz schön Fake für True Crime.“

Und ganz schön lasch für eine Folge ZDF Magazin Royale. Gerade, wenn eine Woche zuvor die Latte ziemlich hoch gelegt wurde. So bleibt nur die leise Hoffnung, die Meta-Ebene dieser Themenwahl übersehen zu haben. Denn die war tatsächlich „True Crime“. (Mirko Schmid)

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