Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Jan Böhmermann Bär Tiger Sachsen
+
Jan Böhmermann präsentiert im ZDF den „kleinen braunen Westbär und seinen sachsenfarbig gestreiften Freund“.

TV-Kritik

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann stöbert Nazis in Sachsen nach

  • VonMirko Schmid
    schließen

Jan Böhmermann buddelt in Sachsen nach Nazis. Und ein ehemaliger Ministerpräsident macht Einwanderung für Rechtsextremismus verantwortlich. Die TV-Kritik.

Frankfurt am Main - Im Suezkanal versperrt ein 400 Meter langer Frachter Handelswege. Also Import und Export. Daneben steht ein vergleichsweise sehr kleiner Bagger eines vergleichsweise sehr tapferen Baggerfahrers. Und dieser Baggerfahrer baggert. Unermüdlich. Um den rund 225.000 Tonnen schweren Kahn freizubuddeln, wird er noch ein Weilchen brauchen. Rund 15.000 bis 20.000 Kubikmeter Sand müssen da weg. Auf eine handelsübliche Baggerschaufel passen so in etwa 0,1 bis 0,5 Kubikmeter. An dieser Stelle mögen Sie sich fragen, was der nimmermüde Baggerfahrer mit Jan Böhmermann und seinem ZDF Magazin Royale zu tun hat.

Auch Jan Böhmermann baggert im ZDF. Mit einem kleinen Sendezeit-Schäufelchen schickt ihn der Sender an eine ähnlich komplizierte Baustelle. Der Satiriker soll oder will oder muss in rund 20 Minuten ZDF Magazin Royale aufarbeiten, wie das Land Sachsen zur Neonazi-Hochburg werden konnte und wer dafür verantwortlich ist. Ambitioniert. Doch Böhmermann würde sich untreu werden, würde er nicht wenigstens versuchen, das Problem freizuschaufeln.

Nazis in Sachsen? Jan Böhmermann versucht sich im ZDF Magazin Royale an der Ursachenforschung

Und Jan Böhmermann müht sich, das muss man ihm lassen. Wie meistens hat seine Redaktion in den Archiven gebuddelt und, ganz der tapfere Baggerfahrer, aus der Grube geholt, was aus der Grube zu holen ist. So zum Beispiel den inzwischen verstorbenen Neonazi Michael Kühnen, seines Zeichens Hesse, der schon vor der deutschen Wiedervereinigung durch Ostdeutschland tourte. Und dort Dresden, so Böhmermann, 1990 zur „Hauptstadt der Bewegung“ ausrief.

Oder wie Politik und Sicherheitsbehörden im September 1991 in Hoyerswerda fünf Tage lang dabei versagten, einen von Applaus begleiteten Neonazimob davon abzuhalten, Jagd auf Geflohene zu machen. Und wie eine MDR-Nachrichtensprecherin verkündete, dass „die Politiker immer noch kein gültiges Konzept für die Lösung des Asylantenproblems“ gefunden hätten. Des „Asylantenproblems“. Nicht: Des Rechtsextremismus-Problems. Dafür aber: „Manch braver Bürger klatscht Beifall.“ Ebenfalls nicht: Rassisten freuen sich über die Taten von Rassisten. Jan Böhmermann im ZDF: „Schuld waren also im weitesten Sinne die Ausländer selbst. So, so.“

Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale: „Das riecht nach Saumagen, Spendenaffäre und BILD“

Natürlich darf der Evergreen des damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) nicht fehlen. Der nämlich befand neun Jahre, nachdem er und seine Einsatzkräfte fünf Tage lang weitgehend tatenlosen zugeschaut hatten, wie Hoyerswerda zum Schauplatz des innerorts umjubelten Nazimobs wurde: „Die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus.“ Klingt komisch? Ist aber konsequent. Derselbe Kurt Biedenkopf diktierte der „taz“ nämlich im besagten September 1991 in den Block: „Das eigentliche Problem ist die Einwanderung, die ja weit über das hinausgeht, was wir im Grundgesetz allen Menschen versprochen haben.“ Ein herrlich humanistisches Zitat, das es diesmal leider nicht aufs Schippchen von Jan Böhmermann schafft.

SenderZDF
SendungZDF Magazin Royale
ModeratorJan Böhmermann
Erstausstrahlung6. Januar 2020
MusikRundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld
SendeplatzFreitags ab 23 Uhr

Nach und nach gibt Jan Böhmermann seine eigentliche Botschaft zu erkennen: Der Biedenkopf - das war ein Wessi! Auch noch aus Rheinland-Pfalz. Jan Böhmermann zeigt ein Bild von Biedenkopf und dem damaligen CDU-Übervater Helmut Kohl - seines Zeichens ebenfalls Pfälzer - und erschnuppert: „Das riecht nach Saumagen, Spendenaffäre und BILD.“ Wessis, das waren in Sachsen auch alle bisherigen Oberhäupter des Landesamtes für Verfassungsschutz. Zuletzt wechselten sich Importe aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen in einer erstaunlichen Regelmäßigkeit an der Spitze des Amtes ab.

Jan Böhmermann fehlt es im ZDF Magazin Royale an Sendezeit

Und dieses Landesamt für Verfassungsschutz in Sachsen, das ist immer wieder mal für eine Schlagseite gut. Einem manövrierunfähigen Containerschiff im Suezkanal gar nicht unähnlich liegt es sperrig im Land und sorgt regelmäßig für Schlagzeilen, wie sie auch Jan Böhmermann präsentiert. Eine davon stammt aus der „Zeit“, die findet, dass das LfV Sachsen „zu dämlich gegen die AfD“ sei. Und auch die Frankfurter Rundschau trägt ihren Teil zum ZDF Magazin Royale bei, in der Überschrift eines Artikels aus dem Jahr 2013 heißt es: „NPD Sachsen kennt die Zahl ihrer V-Leute.“ Inzwischen zieht vor Ort der Jurist Dirk-Martin Christian im Führerhäuschen den Hebel.

„ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann

ZDF, von Freitag, 25 März, ab 23.00 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Jan Böhmermann, das wird ersichtlich, will eine Lanze brechen für Sachsen und den landläufigen Ruf des Freistaates. Nicht die Sachsen selbst haben es dort an der Spitze verbockt, das soll hängen bleiben, sondern die, die gerne mit dem Finger gen Osten zeigen. Er lässt durchaus durchschimmern, dass der Import von Nazis in den Osten weitaus reibungsloser ablief, als der Warentransport durch den Suezkanal dieser Tage. Allerdings bleibt er damit zu sehr an der Oberfläche, sodass ein an sich interessantes und wichtiges Thema an diesem Abend auf Grund läuft.

Wirklich verantwortlich für die Havarie dieser Ausgabe ZDF Magazin Royale ist Jan Böhmermann indes nicht. Man muss dem Satiriker zugutehalten, dass seine knapp bemessene Sendezeit dem Gewicht des Problems gegenübersteht wie der kleine Bagger dem riesigen Containerschiff. Tapfer war der Versuch trotzdem. (Mirko Schmid)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare