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Jan Böhmermann während des KI-gescripteten Klamaukstücks „KI Magazin Royale“. Ein Verzicht darauf hätte nicht wehgetan.
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Jan Böhmermann während des KI-gescripteten Klamaukstücks „KI Magazin Royale“. Ein Verzicht darauf hätte nicht wehgetan.

TV-Kritik

Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale: Künstliche Intelligenz tötet

  • VonMirko Schmid
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Jan Böhmermann kocht nicht mehr und zeigt im ZDF Magazin Royale, was er am besten kann. An künstlicher Intelligenz lässt er kein gutes Haar. Die TV-Kritik.

Jan Böhmermann ist zurück. Gut, schon seit einer Woche und auch nur aus einer gleich im doppelten Sinne quälenden Sommerpause, aber immerhin. Das Wichtigste vorweg: Er macht wieder das, was er kann, soll und muss. Anders gesagt: Er kocht nicht. Zuletzt mussten wir blutsaugenden Kritiker:innen mit äußerst fader Kost auskommen.

Denn „Böhmi brutzelt“ war, seien wir ehrlich, gruselig. Um die aktuelle Folge seines ZDF Magazin Royale einmal von hinten aufzuzäumen, sei hier ein (nicht der!) Wendler zitiert, der „sagt“, was gefehlt hat: inhaltlicher Tiefgang. Weiter: „Es war uninspiriert, schlecht recherchiert und überhaupt nicht lustig. Ich bin ehrlich enttäuscht.“ Eine kleine, aber feine Selbstironie auf Metaebene, die dazu führen könnte, dass sich der ein oder andere Kritiker stellvertretend an dieser Stelle ein bisschen ertappt fühlt.

Jan Böhmermann tischt im ZDF Magazin Royale ein Drei-Gänge-Menü auf

Sei es drum. Wenn sich trotz Sommerpause eines nicht geändert hat, dann dass ein ZDF Magazin Royale zumeist als Drei-Gänge-Menü aufgetischt wird. Als Appetizer gibt es Witzchen aus der Retorte. Schnelle Schnitte, Harald-Schmidt-Gedächtnismomente. Late Night eben. Muss wohl. Genauso muss wohl, dass Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz kurz erwähnt werden. Gehört schließlich auch in jeden guten Online-Artikel. Keywords. Gut für den Algorithmus. Den eine KI ausliest. Aber dazu später mehr.

Als zweiten Gang gibt es Hausmannskost, man kennt‘s. Darf auch mal aus der Mikro sein. So wie das schwer verdauliche (und bitte bald von der Karte gestrichene) Formatchen „Thintank21“. Wer denkt sich sowas aus? Sind das dieselben Leute, die für RTL 2 Shows wie „die 10 besten Soßenbinder“ machen? So mit witziger Stimme aus dem Off und so? Und musste dieses Computer-gescriptete Klamaukstück „KI Magazin Royale“ echt sein? Geschenkt, geht vorbei, ist mehr Zahnreinigung als Wurzelbehandlung. Piekst, nervt, ist aber schnell vergessen.

Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale nach der Sommerpause

Im dritten Teil, da lässt sich Jan Böhmermann nicht lumpen, wird‘s dann meistens lecker. Quasi der (auch zeitlich) ausgedehnte Nachtisch, mit dem sich alle voll schaufeln, weil es vorher nicht so gut geschmeckt hat. Und schon wird’s inspiriert, gut recherchiert und sogar an der einen oder anderen Stelle lustig. Thema heute: Künstliche Intelligenz. Die aus dem Computer. Auch wenn die letztlich wieder nicht ganz künstlich ist, wie „Böhmi“ einer erstaunten Weltöffentlichkeit fast exklusiv eröffnet.

Weil diese künstliche Intelligenz nämlich von Menschen gefüttert wird. Also von echter Intelligenz. Oder auch irgendwie nicht, weil es (leider) keinen Intelligenzcheck gibt, bevor da jemand seinen Senf reinpfuschen darf (an dieser Stelle sei an die erste Folge des ZDF Magazin Royale nach der Sommerpause erinnert, die mit Wikipedia). Und weil diese Intelligenz gar nicht so intelligent ist, solange sie zum allergrößten Teil mit Weißbrot gefüttert wird. Von weißen Weißbrotbäckern, die dem Maschinenhirn weismachen, dass es weise wäre, nur den Weißen zuzuhören.

Jan Böhmermann zeigt im ZDF Magazin Royale die Grenzen künstlicher Intelligenz auf

Das nämlich führe dazu, zitiert Jan Böhmermann mehrere Medien und die MIT-Computerwissenschaftlerin Joy Buolamwini, dass die Gesichtszüge Schwarzer schlichtweg ziemlich suboptimal erkannt werden. Buolamwini berichtet, dass ihre Gesichtszüge erst richtig ausgelesen wurden, als sie sich wortwörtlich eine weiße Maske überstülpte. Grotesk kann man das finden. Oder beängstigend. Oder einfach falsch. Genauso falsch nämlich, wie den Umstand, dass das dazu führt, dass Gesichtserkennungssoftware Schwarze falsch zuordnet und damit einen Prozess anstößt, der darin münden kann, dass Unschuldige mit dem Gesetz in Konflikt kommen.

„ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann

„Siri, Sexbots & Staubsaugerroboter“, ZDF, von Freitag, 10. September, ab 23 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Andererseits ist das ja auch irgendwo konsequent. Das Racial Profiling, das ganz echte weiße Polizisten mit ihrer ganz herkömmlichen Intelligenz anwenden, läuft häufig auf ein ähnliches Ergebnis hinaus. Wer Lust auf einen Faktencheck hat, dem sei an dieser Stelle empfohlen, sich mal mit einem Block und einem Stift bewaffnet an einen Hauptbahnhof zu setzen und eine Strichliste anzulegen, während Freunde und Helfer ihren Dienst tun.

Jan Böhmermann führt in seinem ZDF Magazin Royale anschließend weiter durch die abstrusen Effekte einer Welt, in der wir alle Ampeln und Zebrastreifen anklicken. Um Seiten anschauen zu dürfen. Und Googles selbstfahrenden Autos damit helfen, die Dinger auch bald so gut zu erkennen, wie wir.

Im ZDF Magazin Royale filetiert Jan Böhmermann die KI-Regeln der EU

Eine dystopische Vorstellung übrigens für alle, die schon einmal im vierten Versuch einen Hydranten übersehen haben. Denn so witzig das auch manchmal sein mag: KI ist nicht harmlos. Böhmermann zeigt hier massentauglich auf, dass es eben nicht lustig ist, wenn Israel Kamikazedronen entwickelt, die per Selbsterkennung selbstgesteuert Ziele erfassen, die sie dann automatisch ausschalten können. Da kann Außenminister Heiko Maas noch so treuliebst in die Kamera denglischen, dass es guten, deutschen „ethischen Standards“ zuwiderlaufe, eine auf sich alleine gestellte KI Menschen abknallen zu lassen – so wirklich beruhigend ist das nicht. Und zwar schon allein deswegen, weil „Böhmi“ ein paar Dokumente auspackt.

Das beginnt mit dem „Future Combat Air System“, das ab 2040 laut Spiegel die Kampfjets Eurofighter und die französische Rafale ersetzen soll. Mit an Bord: „unbemannte Flugkörper“, welche die „Fähigkeiten von Lenkflugkörpern und Drohnen“ verbinden und „zumindest einige autonome Funktionen haben“ sollen. Wenigstens will die EU biometrische Massenüberwachung untersagen. So steht es immerhin in der „Verordnung über künstliche Intelligenz“, die der Spiegel im April 2021 hervorgekramt hat. Das will die EU auch. Bis auf ein paar klitzeleine Ausnahmen, versteht sich.

Jan Böhmermann liest von der Verlautbarung 2021/0106/COD der Europäischen Kommission ab, dass die Polizei in der EU KI zur automatischen Überwachung nämlich doch einsetzen darf, solange ganz, ganz, doll seltene Anlässe gegeben sind. Die da wären: Suche nach potenziellen Opfern, Gefahr für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit, Gefahr eines Terroranschlags, Identifizieren oder Verfolgen von Tätern oder Verdächtigen. Und natürlich, solange es sich nicht um eine Fernidentifizierung in Echtzeit handelt, wenn eine andere Behörde außer der Polizei die Überwachung durchführt, wenn ein Privatunternehmen von öffentlichen Autoritäten beauftragt wird, oder, wie Jan Böhmermann hinzufügt, wenn jemand auf „einem Husky-Schlitten nach Hause fährt, der von sechs Staubsaugerrobotern gezogen wird“.

Gut, dass er nicht kocht: Jan Böhmermann läuft im ZDF Magazin Royale zur Höchstform auf

Uff. Böhmermann findet, dass dieses Anti-KI-Überwachungsgesetz „mehr Schlupflöcher als die Unterhose von Didi Hallervorden“ hat. Kann man durchaus so sehen. Klar, man könnte auch finden, dass das ja alles hochgradig berechtigte Ausnahmen sind. Schließlich spielt niemand gern mit Terroristen und so. Die sind ja die Bösen. Oder? So wie all jene, die als „Terroristen“ in türkischen Gefängnissen sitzen. Weil sie Kurden oder kritische Journalisten sind. Also Terroristen. Hoch offiziell.

SendungZDF Magazin Royale
ModeratorJan Böhmermann
SenderZDF
Ausgabe10.09.2021
ThemaKünstliche Intelligenz

Dass das chinesische Unternehmen Huawei seine Gesichtserkennungssoftware darauf trainiert, Uiguren zu erkennen und diese laut der Washington Post umgehend und automatisiert an die Regierung meldet, lässt Jan Böhmermann auch nicht unerwähnt. Auch nicht das Zitat des Guardian, das sich auf einen Report von Amnesty International bezieht, wenn der Guardian davon spricht, dass diese Uiguren „in einer dystopischen Höllenlandschaft“ interniert werden. Und an denen die chinesische Polizei dann laut BBC KI-Gefühlserkennungssoftware testen lässt. Die in China handelsübliche Behandlung einer muslimischen Minderheit in Zeiten der selbstfliegenden, selbstzielenden und selbstötenden Kamikazedronen sozusagen.

Es ist also wieder einmal eine dieser Folgen des ZDF Magazin Royale, die nicht zum Lachen sind. Also eine der besten. Weil Jan Böhmermann dann zu Höchstform aufläuft, wenn er nicht den Schenkelklopfer oder Smalltalker mimt. Wenn er seine größte Stärke kultiviert. Wenn er die Kochschürze ablegt und bissige Satire mit relevanten Themen und starker Recherche mixt. Bevor er sich auf einen Husky-Schlitten setzt und sich von sechs Staubsaugerrobotern aus dem Studio fahren lässt. (Mirko Schmid)

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