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TV-Kritik

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann ruft zur „Razzia“ bei deutschen Innenministern

  • vonMirko Schmid
    schließen

Zum Jahrestag des rassistischen Attentats von Hanau blickt Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale auf die Leistungen der deutschen Innenministerien. Gut kommen sie nicht weg.

  • Jan Böhmermann gedenkt im ZDF Magazin Royale den Opfern von Hanau und nennt ihre Namen.
  • In seiner ZDF-Sendung führt er eine „Razzia“ in den Innenministerien Deutschlands durch.
  • Die TV-Kritik zum ZDF Magazin Royale von Freitag, 19.02.2021.

Jan Böhmermann moderiert eine neue Sendung! Nein, nicht das ZDF Magazin Royale, liebes ZDF-Stammpublikum. Das moderiert er bekanntlich schon ein paar Tage, nachdem es der TV-Sender doch tatsächlich geschafft hat, den Satiriker nach gerade einmal sechs klitzekurzen Jährchen und trotz einer für den Spartensender gerade obszönen Durchschlagskraft in den Sozialen Medien aus der NEO-Nische ins Hauptprogramm zu befördern. Jetzt moderiert der blasse dünne Junge auch noch seine erste „Die beliebiges, viel zu hoch gegriffenes Adjektiv und beliebige Zahl“-Rankingshow.

#saytheirnames: Jan Böhmermann nennt im ZDF Namen der Opfer von Hanau

Doch bevor sich der Vorhang zu „Die 17 spektakulärsten deutschen Innenminister der Welt“ hebt, besitzt der Satiriker den gebührenden Anstand, am ersten Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlages von Hanau die Namen derjenigen zu nennen, die von einem dieser erstaunlich vielen mittels AfD-Propaganda und Pegida-Predigten konditionierten „Einzeltäter“ aus dem Leben gerissen wurden. Er nennt die Namen von Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

Jan Böhmermann widmet sich im ZDF Magazin Royale den deutschen Innenministerien.

Sie wurden nur 37, 30, 21, 35, 22, 23, 34, 22 und 33 Jahre alt. Weder die ARD noch das ZDF brachten an diesem Jahrestag einen Brennpunkt oder ein Extra zum Thema. Dem Mörder Walter Lübckes hingegen, ebenfalls ein solcher Einzeltäter mit Steinbach-Hintergrund, wurden anlässlich des Urteilsspruches im Verfahren gegen ihn Sondersendungen gewidmet.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann präsentiert 17 spektakulärste deutsche Innenminister der Welt

Jan Böhmermann vergisst auch nicht zu erwähnen, dass zumindest Vili Viorel Păun, der den politisch indoktrinierten Einzeltäter mit seinem Auto verfolgt hatte, heute vielleicht noch leben könnte, wenn beim Polizeinotruf 110 jemand abgehoben hätte. Gut, die Polizei gerade in Hessen ist schwer beschäftigt – nicht zuletzt mit Razzien in Shisha-Bars, für die sie, wie Jan Böhmermann unter Berufung auf Zeugenaussagen berichtet, Notausgänge im Rahmen dreckiger Deals verschließen lässt.

Die Opfer von HanauAlter
Gökhan Gültekin37
Sedat Gürbüz30
Said Nesar Hashemi21
Mercedes Kierpacz35
Hamza Kurtović22
Vili Viorel Păun23
Fatih Saraçoğlu34
Ferhat Unvar22
Kaloyan Velkov33

Ap­ro­pos Polizei: Wer war das doch gleich, in dessen Verantwortungsgebiet der Ordnungshüter kontrolliert? Jan Böhmermann liefert die Antwort und gibt die Bühne frei für „Die 17 spektakulärsten deutschen Innenminister der Welt“, Böhmermanns „Razzia in deutschen Innenministerien“. Was knackig klingt, wird zum Drama in 17 Akten. Denn Innenminister, stellt Böhmermann fest, das sind doch diese „kalkweißen Kartoffeln“, die aussehen wie „größenwahnsinnige TÜV-Prüfer“. Denen, wie Böhmermann sagt, Brötchenkrümel aus der aufklappbaren Leder-Handyhülle fallen, die mit Hufeisen um sich werfen und die weniger euphorisch wirken als die kahle Wand hinter ihnen.

Jan Böhmermann (ZDF Magazin Royale) kennt Motto der Innenminister

Und deren Darbietungen sind tatsächlich zum Zungeschnalzen. Kennste einen, kennste alle, sagt Jan Böhmermann. Da ist der Herr Renz (CDU) aus Mecklenburg-Vorpommern, den seine Freunde gemäß Insiderinformationen aus dem Hause Böhmermann (ZDF) Herr Renz nennen und dessen Vorgänger Caffier es für Privatsache hielt, seine Waffe in Neonazi-Kreisen zu kaufen. Da ist der Herr Lewentz (SPD) aus Rheinland-Pfalz, der den Weltrekord an Kickertisch-Bildern hält und den Flughafen Frankfurt-Hahn an einen chinesischen Hochstapler verkaufen wollte.

Und da ist der Herr Grote (SPD) aus Hamburg, dessen Polizei rigoros auf Demonstrant:innen losgeht. Dafür kann er richtig gut feiern und „grotet“ (Jan Böhmermann) mal eben mit 30 haushaltsfremden Mitmenschen seine Wiederwahl-Corona-Party. Nun ist er tausend Euro ärmer und eine ad acta gelegte Vorbildfunktion reicher.

Zu ihnen gesellt sich der Herr Pistorius (SPD) aus Niedersachsen. Jan Böhmermann kennt sein Motto: Faschismus ist schlimm, fast so schlimm wie Antifaschismus. Und dem macht er alle Ehre, indem er ein Verbot der bösen Faschismus-Gegner prüfen lässt. Zur Ehrenrettung des roten Sheriffs, der seinem Dienstgaul Gerüchten zufolge das Hufeisen selbst schmiedet, soll an dieser Stelle allerdings gesagt sein, dass er das NPD-Verbotsverfahren 2013 mit angeschoben hatte. Das kann Herr Richter (CDU) aus Sachsen-Anhalt sich nicht in den Briefkopf schreiben, was aber auch daran liegen mag, das er in seinen erst zwei Monaten Amtszeit keine Möglichkeit dazu hatte und die NPD inzwischen weiteren Gerüchten zufolge einen neuen Anzug trägt.

Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale: Stammbaumforscher Strobl sucht nach Migrationshintergrund

Keine Namenswitze will Jan Böhmermann über den Herrn Bouillon (CDU) aus dem Saarland machen. Dem ältesten Innenminister Deutschlands attestiert der Satiriker in diesem Sinne auch, 73 Jahre ordentlich bei mittlerer Hitze auf dem Herd durchgezogen zu haben. Diesen kulinarischen Leckerbissen verhackstückt, stellt Böhmermann den Frauen-Innenminister Herr, huch, tatsächlich Frau Sütterlin-Waack (CDU) vor. Die immerhin schon dritte Frau seit Gründung der Bundesrepublik, die es über alle Länder verteilt auf den Chefsessel (nicht: Chefinsessel) eines Innenministeriums geschafft hat. Respekt dafür.

Den Bowser unter den Innenministern, den Endboss, Horst Seehofer (CSU) höchst persönlich, packt Jan Böhmermann auf Platz 10 seiner Hitliste. Zu mehr hat es leider nicht gereicht, so sehr der Chef des Heimatmuseums (Seehofer) es auch versucht hat, als er sich an seinem 69. Geburtstag schelmisch lächelnd darüber gefreut hatte, ganze 69 Menschen in das völlig zerstörte Afghanistan zu verschicken. Da konnte er noch so sehr darüber kalauern, dass er die doppelte 69 „so nicht bestellt“ hatte.

Auch ein Stammbaumforscher ist unter den Herren (und der Frau). Das ist Herr Strobl (CDU) aus Baden-Württemberg, der seine Polizei in der Ahnenlinie von Tatverdächtigen nach einem etwaigen Migrationshintergrund suchen ließ. Wen wundert es da noch groß, dass er laut Jan Böhmermann im Jahr 2009 das Vorwort des Liederbuches der Baden-Württembergischen CDU schrieb, in dem das Panzerlied der Nationalsozialisten vorkommt. Eben keine Verbrecher, diese Deutschen. Frohe Stunden und viel Freude beim Singen in geselliger Runde wünschte der Herr Strobl. Ob Herr Reul (CDU) ähnlich viel Spaß dabei hatte, von einer Schande sprechen zu müssen, als in seinem Nordrhein-Westfalen mehr als 30 Polizistinnen und Polizisten – alles Einzelfälle natürlich – für Hitler-Bildchen und rechtsextreme Botschaften im gemeinsamen WhatsApp-Chat suspendiert wurden, sei einmal dahingestellt.

Bayerns Innenminister Herrmann kommt bei Jan Böhmermann im ZDF nur auf Platz 2

Nachdem Jan Böhmermann dem Herrn Stübgen (CDU) aus Brandenburg ein kugelsicheres Gesicht attestiert, wird es heimatlich für den Hansestädter. Sein Bremer Innenminister Herr Mäurer (SPD) übernahm nebenher den Posten des Chefs der Berufsfeuerwehr, weil die Staatsanwaltschaft der Hansestadt dort gegen rechtsextreme und frauenfeindliche Einzelfälle ermittelt, die sich in Chatgruppen austauschten. Der Berliner Innensenator Herr Geisel (SPD) hingegen kämpft mit politisch ganz anderen Geistern. Oder auch nicht. Dass er vier Jahre SED-Mitglied war, das macht ihn zwar nicht stolz, aber er kann und will sich dafür nach eigener Aussage auch nicht schämen. Weniger gut als seine Vergangenheitsbewältigung hat der Herr Geisel seinen Verfassungsschutz im Griff. Aus dessen Reihen nämlich wurden interne Gutachten über die AfD – noch bevor der Senator selbst einmal draufschauen durfte – an die AfD durchgestochen.

Das Podest der Top 3 im Böhmermann-Ranking der Deutschen Innenminister fällt ein bisschen fade aus. Bronze holt Herr Wöller (CDU) aus Sachsen, der immerhin Dienstherr des inzwischen als Peinlichkeit mit Anglermütze fast schon ikonischen Hutbürgers („Sie begehen eine Straftat!“) war und dessen Polizeidirektion in Leipzig konfiszierte Fahrräder illegal verschachert hatte. Silber geht an Herrn Herrmann (CSU) aus Bayern. Also an das Urgestein unter den Innenministern mit seinen 13 Jahren Amtszeit auf dem Buckel, dessen Sohn vor sich hinrappt, während Papa laut Böhmermann täglich 70.000 Joints einkassieren lässt. Er möchte am liebsten auch Kinder bundesweit überwachen lassen. Gold geht ein wenig enttäuschenderweise an den einzigen Innenminister, der sich – aber auch nur im Internet und nicht mehr im Rahmen der eigentlichen Sendezeit – von Jan Böhmermann interviewen lässt, also an Herrn Maier (SPD) aus Thüringen. Eine verschenkte Gelegenheit, da wäre mehr drin gewesen. Also noch in der Sendung selbst. So von wegen Verfassungsschutz, Höcke, Flügel, AfD und so.

Ein wenig zu kurz kam im Rückblick von Jan Böhmermann im ZDF Peter Beuth (CDU). 

Jan Böhmermann (ZDF Magazin Royale): Peter Beuth kommt zu kurz – er ist Innenminister von Hanau

Ein wenig zu kurz kam im Rückblick Herr Beuth (CDU). Das ist der Mann, in dessen Polizeiwachen in Hessen Daten abgefischt und an Neonazis verteilt werden und der mitansehen musste, wie hessische Polizei-Einzelfälle in rechtsextremen Chatgruppen widerwärtiges austauschen. Das ist der Christdemokrat, dem Jan Böhmermann sieben Leben bescheinigt, der immer auf die Marmeladenseite fällt und der trotz aller Skandale immer noch im Amt ist.

Auch wenn es für Herrn Beuth in Böhmermanns Ranking nur zu Platz 9 gereicht hat, ist er der heimliche Gewinner. Der Meister der Herzen quasi. Der gebrochenen. Peter Beuth, das ist der Innenminister von Hanau. Jan Böhmermann, so viel steht fest, hat anlässlich des Jahrestages von Hanau den Finger dennoch in die richtige Wunde gelegt. (Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © Quelle: Screenshot/ZDF

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