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Der schönste Augenblick im Musical „Der Eierwurf von Halle“ im ZDF Magazin Royale: Die „Wiedervereinigung“ von Maik mit ai und Jens.
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Der schönste Augenblick im Musical „Der Eierwurf von Halle“ im ZDF Magazin Royale: Die „Wiedervereinigung“ von Maik mit ai und Jens.

ZDF Magazin Royale

Jan Böhmermann macht Musical: Queer gedacht – weiß gemacht

  • VonMirko Schmid
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Ein ganzes ZDF Magazin Royale als Musical kann Spaß machen, solange es nicht zu relevant sein will. Denn dann wird deutlich, dass die Diversität fehlt. Die TV-Kritik.

Jan Böhmermann macht in Musical. Nun gut. Da es sich also um eine besondere Ausgabe des ZDF Magazin Royale handelt – „Böhmi“ nennt das Stück „Der Eierwurf von Halle“ bescheiden eine „Weltpremiere“ – sei den folgenden Worten ein Disclaimer vorangestellt. Denn genau wie für den ZDF-Satiriker handelt es sich dabei auch für den Autor dieser Zeilen um eine Premiere.

Anders gesagt: Ich habe mir noch nie ein Musical angesehen. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Ging komplett an mir vorbei. Gesungenes Theater ist einfach nicht meins. Ich schreibe diese Kritik also als absoluter Laie. Und damit aus einer Position, die ziemlich sicher ein gewisser Teil des Böhmermannschen Stammpublikums teilt. Dafür gibt es schon einmal den ersten Pluspunkt: Jan Böhmermann schafft Berührungspunkte mit einer Kunstform, die ansonsten zwar ihre liebende Anhängerschaft hat, im prominenten Abendprogramm allerdings lediglich im Programm einschlägiger Spartensender zu finden ist.

Vom Standpunkt eines solchen Laien aus, das sei noch vorangestellt, nehme ich es mir nicht heraus, die Darbietungen pseudo-feuilletonistisch zu bewerten. Waren die Gesangseinlagen stimmig? Das Bühnenbild ein Hingucker? War die Choreografie avantgardistisch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, ob avantgardistisch der richtige Begriff im Zusammenhang mit einem Bühnenbild ist.

Musical im ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann traut sich an einen schwulen Plot

Stattdessen beschäftigen wir uns aus den naiven Augen des Erstkontakts mit einem Musical besser mit den Inhalten. Die Einleitung hat Standing. Jan Böhmermann eröffnet als angegrauter Tagesschau-Sprecher und klaut mal eben das ARD-Logo für seine ZDF-Show. Ohne große Umwege geht es in den Plot. Der spielt im Jahr 1991 und dreht sich um Jens und Maik. Maik mit ai. Jens und Maik lernen sich gerade kennen. Zuvor haben sie ihre erste gemeinsame Nacht zusammen verbracht. Ganz offensichtlich, ohne sich einander zuvor vorgestellt zu haben.

Das kann man so stehen lassen, auch weil es immer noch Leute gibt, die kleingeistig und reaktionär genug sind, um sich daran zu stören. Was? Zwei schwule Hauptfiguren? Im Hauptprogramm? Von meinen Rundfunkgebühren bezahlt? Ok, Boomer, sei leise. Komm damit klar. Alleine der Umstand, Menschen mit einem geistigen Horizont mit der Elastizität eines Bettlakens ohne Gummizug damit zu triggern, gefällt. Ihnen vor Augen zu führen, dass queere Liebe bereits weit vor der bösen Zeit des Gutmenschentums und der Woke Culture schlichtweg eine ganz natürliche Sache war. Und damals wie heute nicht deine Angelegenheit, Boomer.

Da kann man auch mal unter den Tisch fallen lassen, dass wir uns hier gehörig nah am Klischee der sexuell enthemmten Homo-Szene entlanghangeln. Dennoch kann man den werten Herrn Boomer geradezu laut denken hören: „Jaja, so sind sie, die Schwulen. Erst poppen, dann reden.“ Geschenkt, der Wille zählt. „Hey Maik mit ai, die Nacht war schön, werden wir uns wiedersehen?“, singt Jens. Und Maik stimmt mit ein. Aber jetzt müssen beide erst einmal ans Werk. Was sie nicht wissen (einfach, weil sie sich mehrfach singend erzählen, dass sie nun wegmüssen – nur halt nicht, wohin): Maik aus Halle ist Juso und progressiv. Jens ist Personenschützer des Einheitskanzlers Dr. Helmut Kohl und, das erfahren wir später, „ein bisschen rechts“.

Sebastian Krumbiegel gibt im Musical bei Jan Böhmermann einen wunderbar bösen Helmut Kohl

Schnitt. Im Dienstwagen treffen wir erstmals auf den besagten Herrn Dr. Kohl. Und Saumagen-Helmut sagt: „Wenn das hier eines Tages alles blühende Landschaften sein sollen, müssen wir vorher Unkraut rupfen. So macht man das in einer freien Marktwirtschaft.“ Jens, der neben ihm sitzt, entgegnet fast empört: „In einer freien und sozialen Marktwirtschaft, Dr. Kohl.“ Und Helmut Kohl sagt: „Jajaja, wie auch immer“

Moment, den kennt man doch? An dieser Stelle gehen Props raus an die Maske – bis zum Ende bleibt es (zumindest bei einigen und vor allem bei Laien wie mir) beim „den kennt man doch“, dann die Auflösung: Es handelt sich um Sebastian Krumbiegel. Sie wissen schon, der eine von den „Prinzen“. Leipziger und eine Weile wohnhaft in Ostalgie-Shows. Alles nur geklaut, eyo eyo. Und der gibt einen fantastischen Kohl ab, auch wenn er dessen Pfälzer Akzent nur anfangs mit einer gewissen Ernsthaftigkeit imitiert und nach und nach fahren lässt. Sein erstes Lied: „Bahn frei für Kanzler Kohl.“ Die Musik wirkt erst bedrohlich, dann linkisch.

„Gern geschehen, ihr werdet sehen, was euch erwartet“, singt der Kanzler der Einheit (oder mehr der Vollstrecker, an dieser Stelle sei an die herausragende Vorarbeit eines gewissen Herrn Brandt erinnert). Ob es so gewollt war oder nicht: Ganz offensichtlich ist er der Antagonist, der Bösewicht. Er verkörpert grundsätzlich die Rücksichtslosigkeit und Arroganz des Westens und im Detail die noch rücksichtslosere Arroganz der Nachwende-CDU: „Ich bin der Boss und ein Koloss der Diplomatie.“ Während ihn seine Deutschlandfahnen-schwenkenden Begleitsänger feiern, kommt Jens spürbar ins Zweifeln. Aber auch er schwenkt weiter.

Musical im ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann und die kulturelle Aneignung

Applaus. Auftritt Böhmermann. Mit ... Wiese (?) auf dem Kopf, oben ohne und in afrikanisch anmutender Tracht. Er intoniert eine ziemlich flache Persiflage des Liedes Nants‘ Ingonyama (Der ewige Kreis) aus dem Film und Musical und wieder Film „Der König der Löwen“. Aus „Nants‘ Ingonyama“ macht er „Arbeitslosigkeit“. Uff. Und veralbert die nächsten Worte des Originalsongs. Des Songs des südafrikanischen Produzenten und Sängers Lebo M. also, im Weiteren gesungen von der ebenfalls südafrikanischen Sängerin Brown Lindiwe Mkhize. Ist das, zumal aus dem Munde eines Weißbrotes wie Jan Böhmermann, witzig? Oder doch irgendwie daneben und ein bisschen zu nah dran an einem Mix aus kultureller Aneignung und Schmähung? Sollen andere entscheiden.

Der unangenehmste Augenblick im Musical „Der Eierwurf von Halle“ im ZDF Magazin Royale: Die seltsame kulturelle Aneignung des Jan Böhmermann.

Nächste Szene: Jusos im „Jugend-Style“ der frühen Neunziger. Oder späten Achtziger. „Scheiß Kapitalist“, sagt einer. Und: „Ich kriege übrigens noch Geld für die Eier.“ An dieser Stelle sei kurz gesagt, dass sich der „größere“ Plot rund um Maik mit ai und Jens um den Eierwurf von Halle vom 10. Mai 1991 dreht. All jenen, die zu dieser Zeit wahlweise noch nicht geboren, unfassbar ignorant oder noch im Wende-Saufkoma waren, sei kurz erklärt: An jenem Tag warfen junge Unzufriedene, unter ihnen der damalige örtliche Juso-Vorsitzende Matthias Schipke, vor dem Stadthaus in Halle an der Saale Eier auf Helmut Kohl.

Kohl fand das nicht witzig und rollte mit all seiner Wucht auf die Jugendlichen zu. In seinen Augen brannte das Bedürfnis, eigenhändig Köpfe abzureißen. Hätten ihn seine Personenschützer und Begleiter nicht davon abgehalten – vielleicht hätte er es gar getan.

Jann Böhmermann macht Musical: Angelika Milster singt im ZDF Magazin Royale als Frei-Ei

Zurück zu den Musical-Jusos. Die lassen kaum ein Klischee aus. Maik mit ai ist offensichtlich ihr Anführer. Er ruft: „Leute, konzentriert euch doch mal“. Und dann kommt ein Klassenkampf-Liedchen. An dieser Stelle darf erstmals eine Frau mitsingen. Zwei sogar. Wenn auch nur kurz. Doch dazu später mehr. Über den Song „Ich bin ein echter Juso“ lässt sich sagen: Irgendwann ist er vorbei. Und das ist gar nicht so schlimm so. Was, sie wollen ein paar Zeilen? Na gut: „Das Herz schlägt links, darauf können wir vertrauen. Zeit mal wieder richtig auf die Pauke zu hauen. Jetzt zeigen wir Gesicht. Wir lassen keinen Genossen im Stich.“ Selbst schuld.

Auftritt Krumbiegel-Kohl: „Gern geschehen, könnt ihr mich sehen, ich bin der Kanzler.“ Die Jusos buhen und antworten: „Lügner Kohl, weg mit Lügner Kohl!“ Doch dann! Sie sehen sich. „Jens, was machst du denn hier?“, ruft Maik mit ai über die Absperrung. „Was machst du denn hier, Maik?“, ruft Personenschützer Jens. Maik: „Mit ai!“ Ein anderer Juso: „Hast du Ei gesagt?“ Ein Wortspiel! Ich höre an dieser Stelle Marc Uwe Klings Känguru ein langgezogenes „witzig“ rufen. Und dann fliegt das Ei.

Aber es fliegt nicht nur. Es singt auch. Und zwar in Person der deutschen Sängerin, Schauspielerin, Musicaldarstellerin und Synchronsprecherin (danke, Google) Angelika Milster. Ihr Soloauftritt ist irgendwie ganz zauberhaft. Für meine ungeübten Musical-Ohren klingt es schön, wenn sie in ihrem Ei-Kostüm in gänzlich weißer Umgebung (auch dazu kommen wir gleich noch) singt: „Warum wurde ich genommen? Aus einem Sechserpack-Karton? Ich schwebe leicht wie eine Feder, ich fliege davon. Ich bin ein Ei. Und doch viel mehr. Ich bin allegorisch, bin eine Metapher.“ Und sie singt: „Stehe ich sinnbildlich für die Einheit, zerbrechliche Republik? Oder symbolisiere ich Deutschland, wenn ich durch die Lüfte flieg?“ Und dann geht es viel um Freiheit.

ZDF Magazin Royale: Süße Homo-Romantik und Einheitssmoral mit dem Holzhammer

Und zwar bis die Dramaturgie es so will, dass auf einen Karneval-Mottowagen-haften Kohl-Kopf (ja ja, Wortwitze) geschnitten wird. Und dann auf Krumbiegel-Kohl, der wütend auf die „Jusos“ losgeht: „Ich hau euch auf die Schnauze! Sozis raus! Ich bin der Kanzler! Ich mache euch platt!“ Die ganz feine Klinge der Bühnenkunst ist das nicht, denkt der Laie. Aber die Szene, das muss man allen Beteiligten lassen, sieht ihrem historischen Original verblüffend ähnlich.

Während also alle raufen, sehen sich Jens und Maik dabei, wie der Eine seinen Chef Krumbiegel-Kohl („Herr Bundeskanzler, hören Sie auf!) und der andere mit ai seine Jusos im Zaum halten wollen. Sie kommen einander näher. Gemeinsam steigen Sie nun über der Szene hinweg: „Was machst du hier?“ „Was machst du hier?“ „Was machen wir hier? Wofür kämpfen wir?“

Das mündet in einer gewollt mega-kitschigen Szene vor Schlosskulisse. Zunächst sitzen Jens und Maik mit ai in einem Boot. Um sie herum Schwäne. Sie schmachten sich an und betonen ihre Gegensätze. „Ich schütze unser Land.“ „Ich bin im Widerstand.“ „Ich bewahre die Nation.“ „Und ich will Progression.“ Naja, so geht das jetzt ein paar Minuten weiter. Irgendwann halten sie Händchen und merken irgendwie, dass sie gerade durch ihre Gegensätze ein perfektes Paar sind. Ost und West, Deutsche Einheit. „Ein Ei kann eine Brücke sein“ (kein Scheiß, singen sie wirklich). Ihre Liebe kulminiert in einem ikonischen Moment mit den wichtigsten Bildern rund um den Mauerfall und einem Kuss der beiden. Feuerwerk. Wiedervereinigung! Holzhammer. Aber süß.

Jan Böhmermann kann auch im spaßigen Musical den Zeigefinger nicht weglassen

Zum Schluss tritt Jan Böhmermann auf den Plan, verkleidet als sowas wie Papageno. Dann singen sie alle zusammen von Eiern und haben sich ganz doll lieb. Ganz offensichtlich soll noch ein Gegenwartsbezug her. Denn Böhmermann singt: „In einem Land, gespalten und entzweit, lebt ein Volk in Zwietracht und in Streit. Nein, nein, nein! Deutschland, mach dich endlich frei!“

„ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann

„Der Eierwurf von Halle - das Musical“, ZDF, von Freitag, 5. November, ab 23 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Okay. Zeit für ein Fazit. Musste das sein? Also diese ganze Musical-Nummer? Nein, natürlich nicht. War’s ein negativer Ausrutscher? Auch nicht. Es war ein gewollter Spaß, in dessen Rahmen am Ende aber leider doch nicht darauf verzichtet wurde, den Zeigefinger zu heben: „Think out of the box!“

Das Musical im ZDF Magazin Royal ist queer, aber erschreckend weiß und männlich

Dementgegen steht die Besetzung, die so gar nicht out of the box war. Zwar wurde in Reihen der Singenden und Tanzenden im Hintergrund auf Diversität geachtet, zumindest auf den ersten Blick waren da Menschen mit Migrationshintergrund dabei. Indes: Sich in den Vordergrund singen durften sie nicht. Die Darsteller:innen Jan Böhmermann, Sebastian Krumbiegel, Angelika Milster, Robin Reitsma und Mark Seibert – allesamt weiß. Für Menschen, die weniger deutsch klingende Namen führen, war erst im hinteren Feld Platz. Und: Bis auf das Solo-Ei Milster und zwei kleine „Juso“-Zuckungen waren sämtliche Sing- und Sprechrollen männlich.

Grundsätzlich sollte so etwas eine untergeordnete Rolle spielen. Kunst ist nicht Schwarz oder Weiß, nicht männlich oder weiblich, nicht hetero oder queer. Aber wenn ein solches Stück sich schon mit einem queeren Plot darum bemüht, der Einheitsgeschichte eine darüber hinausgehende gesellschaftlich-kulturelle Relevanz hinzuzufügen, dann bitte auch konsequent. (Mirko Schmid)

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