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Fukushima Jan Böhmermann ZDF Magazin Royale
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Jan Böhmermann spricht über die Gefahren der Atomkraft.

TV-Kritik

Jan Böhmermann spottet im ZDF Magazin Royale: „Zum Glück haben wir Hendrik Streeck“

  • VonMirko Schmid
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Jan Böhmermann greift im ZDF Magazin Royale mit der tödlichen Gefahr Atommüll ein wichtiges und brandaktuelles Thema auf - und nimmt sich Hendrik Streeck vor.

  • Jan Böhmermann legt im ZDF Magazin Royale den Finger in die Wunde Atomkraft.
  • In seiner ZDF-Sendung macht sich Böhmermann über den Virologen Hendrik Streeck lustig.
  • Die TV-Kritik zum ZDF Magazin Royale von Freitag, 19.03.2021.

Es soll Miesmacher geben, die in Jan Böhmermann einen grobschlächtigen Haudrauf-Satiriker sehen, der mit Klamauk und provozierten Skandalen wie seinem Erdogan-Gedicht auf den schnellen Schenkelklopfer hofft. Doch mit dieser Meinung verraten sie vor allem eines über sich selbst: Sie lassen ihre Finger notorisch weg von der Zwei auf der Fernbedienung, wenn das ZDF Magazin Royale am späten Freitagabend den Finger in Wunden legt, bis es schmerzlich brennt.

Jan Böhmermann (ZDF Magazin Royale) nutzt Reichweite aus

Denn Jan Böhmermann nutzt seinen bissigen Humor und seine Reichweite längst, um zum Teil sträflich missachtete Themen aufzurufen und mit einem für eine rund halbstündige Sendung erstaunlichen Tiefgang zu behandeln. Besonders stark ist der „blasse dünne Junge“ immer dann, wenn er sich einer dieser Unfassbarkeiten widmet, die im allgemeinen Getöse unterzugehen drohen. Und die ihn, wie er selbst sagt, dazu veranlassen, manchmal keine Witze machen und stattdessen vom Schreibtisch aufstehen und einfach nur schreien zu wollen.

Relevant wird es, wenn eben diese Themen von einer tagesaktuellen Dringlichkeit sind und Böhmermanns fleißige Redaktion gleichzeitig in den Archiven nach Perlen taucht. Nachdem zuletzt eine gewisse Müdigkeit und auch ein wenig Motivationslosigkeit im Team Böhmermann zu drohen schien und sich seine Redaktion mit der aufbereiteten Wiederverwertung abgegriffener Standardstorys wie dem Bashing der Profifußballgilde in Corona-Zeiten abmühte, fegt Jan Böhmermann in der aktuellen Ausgabe seines ZDF Magazin Royale solcherlei Bedenken beiseite, wie es sonst nur Menschen schwäbischer Abstammung im Rahmen der Kehrwoche tun.

Jan Böhmermann knöpft sich Hendrik Streeck vor

Das liegt daran, dass es das ZDF Magazin Royale schafft, an vielen Stellen mit kleinen, fiesen Seitenhieben zu punkten und dabei tatsächlich witzig zu sein. Kostprobe? „Es läuft nicht alles glatt in dieser verdammten Pandemie - aber zum Glück haben wir Virologen, die uns mit ihrer Sachkompetenz da durchlotsen - und Hendrik Streeck.“ Gleichzeitig ruft Jan Böhmermann ein Thema auf, das so tagesaktuell wie relevant ist und sich als Wunde für das Salz des Satirikers geradezu aufdrängt.

Der CDU/CSU-Masken-Korruptionsskandal? Falsch. „Bild“-Chef Julian Reichelt? Ivanka Trump? Kardinal Wölki und der empörende Umgang katholischer Kirchenfürsten mit dem Missbrauchsskandal? Angela Merkel? Jens Spahn? Hendrik Streeck? Corona? All das streift Jan Böhmermann, befasst sich aber nicht groß damit - damit sollen sich zunächst ruhig die üblichen Verdächtigen weiter herumplagen. Stattdessen greift „Böhmi“ ein Thema auf, das die gesamte Menschheit bedroht - und zwar über zigtausende der kommenden Generationen.

Atommüll und Hendrik Streeck: Jan Böhmermann teilt aus

Um was es geht, verrät Jan Böhmermann schon in seinem üblichen Blitzlicht zur Einleitung der Sendung: „Was strahlt, gefährdet die Gesundheit und heißt nicht Hendrik Streeck? Richtig, deutscher Atommüll.“ In Zeiten, in denen sich viele Experten und selbst Bill Gates dazu berufen fühlen, ausgerechnet die in Deutschland spätestens seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima weitgehend geächtete Atomkraft als segenbringende Stellschraube gegen den Klimawandel ins Feld zu führen (und damit Feuer mit Benzin bekämpfen wollen), hält der Satiriker ihnen allen den Spiegel vor.

Denn Atomkraft bedeutet nicht nur allerhöchste Gefahr für ganze Regionen, für Mensch, Tier und Umwelt im Falle einer großen Explosion. Sie bedeutet nicht nur die stetige Gefahr ausstrahlenden Mahnmale wie den Sarkophag von Tschernobyl. Sie bedeutet eben auch eine Auslagerung einer noch weit größeren Gefahr auf zukünftige Generationen. Und zwar auf ziemlich viele. Sehr viele. Enorm viele. Böhmermann zitiert aus einem Spiegel-Artikel die Zahl von 40.000 (vierzigtausend!) künftigen Generationen, die sich irgendwann einmal bei zwei, drei Generationen für den strahlenden Abfall ihrer Energiegewinnung bedanken dürfen.

Jan Böhmermann erinnert im ZDF Magazin Royale an Atommmüll-Fässer am Meeresboden

Und Jan Böhmermann schlägt den großen Bogen. Technisch ansprechend gemacht und hübsch kostümiert im jeweiligen Stil der Zeit, nimmt er sein Publikum mit auf eine Reise entlang der Meilensteine auf dem weltweiten Weg zur Atomkraft - und auf dem deutschen Weg aus ihr heraus. Anschließend geht er in seiner Rolle als investigativer Wachrüttler auf, wie zuletzt eine Weile nicht gesehen und mitunter schmerzlich vermisst. Er erinnert daran, dass Atommüll noch vor nicht allzu langer Zeit in Fässern einfach ins Meer geworfen wurde. Ins Meer. Geworfen.

Eine dreiste und unverantwortliche Tatsache, die aus dem allgemeinen Gedächtnis unfassbarer Weise längst gestrichen ist, obwohl laut Böhmermann über 100.000 Tonnen Atommüll rund um Europa verteilt auf dem Grund des Meeres um die Wette strahlen. In einem Einspieler zitiert sein ZDF Magazin Royale die Bundesregierung, die im Jahr 2012 mitteilte, dass diese Idee nicht nur sprichwörtlich nicht ganz dicht war: „Die Fässer waren nicht konzipiert, um einen dauerhaften Einschluss der Radionuklide am Meeresboden zu gewährleisten. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass sie zumindest teilweise nicht mehr intakt sind.“

Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale: Gorleben und Morsleben ungeeignet für Atommüll

Jan Böhmermann: „Die gute Nachricht allerdings ist, dass wir jetzt wissen, warum Nemo eine große und eine kleine Flosse hat. Und raten Sie mal, bis wann es erlaubt war in Europa, radioaktiven Atommüll einfach so ins Meer zu werfen. Bis 1994. Bis neunzehnhudert-fucking-vierundneunzig.“ Immerhin, zynischt Böhmermann, werde der Atommüll heute nicht mehr „so auffällig“ in Fässern ins Meer geworfen: „Atommüll wird heutzutage eingeleitet. Über Rohre. Direkt rein ins Meer.“ Hartmund Nies, ehemaliger Mitarbeiter der internationalen Atomenergie-Organisation IAEA, nennt das in einer MAZ staubtrocken eine „philosophische Frage.“ Die „Verdünnungskapazität“ werde es rund um Le Hague schon regeln. Man mag ihm zugutehalten, dass er zum Zeitpunkt der Aufnahme seiner philosophischen Abhandlung jene Studie des Europäischen Parlaments nicht kennen konnte, wonach die Krebsraten in genau dieser Region „deutlich erhöht“ sind.

SenderZDF
SendungZDF Magazin Royale
ModeratorJan Böhmermann
SendeplatzFreitags ab 23 Uhr
Thema vom 19. MärzAtomkraft und Atommüll

Auch mit viel Sarkasmus schwer erträglich ist Böhmermanns Hinweis darauf, dass die Endlager Gorleben und Morsleben von der Bundesrepublik bzw. der DDR nicht ausgewählt wurden, weil sie an Orten gelegen sind, die ihrer vermeintlich sicheren Lage wegen ausgewählt wurden, wie der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen (und Vater von Ursula von der Leyen) Ernst Albrecht laut seines Chefgeologen ohne Umschweif zugab. Sondern schlicht deswegen, um den strahlenden Müll möglichst nah an der innerdeutschen Grenze zu verbuddeln. Jan Böhmermann bringt es auf den Punkt: „Sollen doch beim Klassenfeind die Wildschweine im dunklen Leuchten.“

Jan Böhmermann lästert im ZDF Magazin Royale über genmanipulierte Katzen

Dass ins Endlager Morsleben Wasser eindringt, hielt eine ehemalige Bundesumweltministerin für gar nicht so schlimm und sprach mit einem Bauhelm ausgestattet treuherzig in einem Einspieler die Kamera: „Ich halte Morsleben in dem Maße wie wir es heute nutzen für sicher.“ Das war 1996. Die damalige Umweltministerin blickt nach der kommenden Bundestagswahl auf 16 Jahre im Amt der Bundeskanzlerin zurück. Und Jan Böhmermann wäre nicht Jan Böhmermann, wenn er die Finger davon lassen könnte, die gesamte Absurdität des alltäglichen Wahnsinns schonungslos zu veranschaulichen. Denn ein deutsches Atommüllendlager muss seine strahlende Bedrohung laut Gesetz für eine Million Jahre vor Mensch, Tier, Natur und was auch immer in dieser schier undenkbaren Zukunft die Erde bevölkert, abschirmen.

Wie das gehen soll? Und wie wir diese zukünftige Population warnen können vor der tödlichen Gefahr in ihrem Boden? Jan Böhmermann kennt die Antwort: Atomsemiotik. Also die Wissenschaft, die sich seit Anfang der 1980er Jahre den Kopf darüber zerbricht, wie das zu bewerkstelligen wäre. Und die Ideen, die der Satiriker aus ihren Kreisen präsentiert, sind durchaus, nun ja, kreativ. Auf genmanipulierte Katzen, die ihre Fellfarbe in der Nähe der Endlager wechseln, muss man ja auch erst mal kommen.

Jan Böhmermann steht im ZDF Magazin Royale auf - und schreit

Da verkommt es doch fast zur Randnotiz, dass Jan Böhmermann daran erinnert, dass vor zehn Jahren mal eben 20.000 Tennisball-große Brennelementkugeln in Jülich „schwuppdiwupp, einfach weg, futschikato“ verloren gingen. Die damalige NRW-Forschungsministerin gab sich besorgt und teilte mit: „Wir können bis heute nicht sagen, wo diese Brennelementkugeln genau liegen“. Beruhigend. Doch alles wurde gut, als die Landesregierung des bevölkerungsreichsten Bundeslandes laut Jan Böhmermann „mal ganz genau im Kartoffelkeller nachgeschaut hat.“ Schlagzeile: „Atomkugeln waren nie weg.“

„ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann

ZDF, von Freitag, 19. März, ab 23.00 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

Der Satiriker erlaubt sich eine Quizfrage und fragt, wer denn diese damalige NRW-Forschungsministerin war, „die den Atommüll nicht finden konnte.“ Er löst auf: Svenja Schulze. Die Svenja Schulze, die aktuell als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit arbeitet. Und dann steht er auf. Geht von der Bühne. Und schreit. Und schließt damit den Kreis einer ganz starken Ausgabe Neo Magazin Royale. Einer Ausgabe der man spätestens an dieser Stelle verzeihen mag, eingangs mit einem verstörend belanglosen Auftritt irgendwelcher aus einer Privatfernsehen-Dauerwerbesendung importierten D-Promi-Tanzssternchen genervt zu haben. (Mirko Schmid)

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