Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Meeting the Man. James Baldwin in Paris“: Der Schriftsteller Baldwin, bedrängt von dem Filmteam. Foto: Mubi
+
„Meeting the Man. James Baldwin in Paris“: Der Schriftsteller Baldwin, bedrängt von dem Filmteam.

Rassismus

James-Baldwin-Dokumentation: „Ich schreibe für Menschen, Baby“

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
    schließen

„James Baldwin in Paris“ – ein Filmdokument als Lehrstück.

Mubi bringt ein Fundstück von 1970 zur Ansicht, das es in sich hat. „Meeting the Man. James Baldwin in Paris“ ist der Titel des 27-minütigen Dokumentarfilms, der vergangenen Herbst für das New York Film Festival ausgegraben wurde, ein missglücktes und gerade in diesem Scheitern lehrreiches Porträt des New Yorker Schriftstellers, damals im erneuten Pariser Exil. Baldwin ist 1987 gestorben, seine Romane, Theaterstücke und Essays haben eine verdiente Konjunktur, denn sie lesen sich wie aktuelle Kommentare zu rassistischen Ausschreitungen und Diskriminierungen in den USA und weltweit. Baldwins Wiederentdeckung, auch durch den Dokumentarfilm von Raoul Peck „I Am Not Your Negro“ aus dem Jahr 2017 (verfügbar in der Mediathek der Bundeszentrale für Politische Bildung) wird durch dieses Filmdokument ex negativo bestätigt.

Das ist der Plot: Ein britisches Filmteam ist angereist, um in Paris eine literarische celebrity zu verhören. Nur als Verhör nämlich kann man die Impertinenz des Regisseurs Terence Dixon und seines Kameramanns Jack Hazan bezeichnen, in den Worten des Kritikers Nathaniel Brimmer-Beller agieren sie „als Musterexempel des hoffnungslos schlecht vorbereiteten, selbstgerechten Filmemachers, der auf schwarzes Gebiet stolpert, als würde er ein exotisches Tier jagen, um es einzufangen, auszuweiden und der weißen Gesellschaft als schmackhafte Kuriosität zu kredenzen“.

Dixon beklagt sich über die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Autors und attackiert ihn vor laufender Kamera, dass er sich nicht als Schriftsteller porträtieren lassen möchte, sondern als politischer Weltbürger zu sprechen gedenkt. Und nicht als Exot, sondern als Überlebender eines Kampfes, von dem seine Interviewer keine Ahnung haben.

Die Szene spielt an der Bastille. Besserwisserisch unterstellt der Interviewer ihm auch noch gegenrassistische Überzeugungen. Baldwin, konsterniert zwischen Zorn, Verzweiflung und Flucht schwankend, kontert bewundernswert geduldig. Am Anfang, unter algerischen Migranten, die den Amerikaner mit vierzig Dollar in der Tasche 1948 angenommen haben, dann in der schwarzen Freundesgruppe, findet Baldwin sein Lachen zurück und bekräftigt, der damals kompromissloser gewordene Aufstand der Schwarzen in den USA werde nur Erfolg haben, wenn die Weißen sich nicht in Sicherheit bringen, sondern sich endlich selbst retten wollen. „Ich kann keinen Truck lenken und keine Bank leiten, aber ich weiß etwas über euch, das ihr nicht wisst“, bescheidet er das Filmteam.

Schon an der Bastille hat er den Engländern klar zu machen versucht, sie seien seine Gefängnisaufseher. Der Sturm einer Handvoll Weißer auf die Bastille, 1789, wird als Befreiungstat der Französischen Revolution gefeiert - wenn nunmehr Schwarze Gefängnisse stürmten, gelte das jedoch als ein Akt wilder Barbarei. Baldwin nennt die politischen Gefangenen in den USA beim Namen und identifiziert sich mit Angela Davis, Bobby Seale und Medgar Evers, dem 1963 in Mississippi getöteten Bürgerrechtsaktivisten, dessen Mörder damals noch frei herumlaufen. Und immer noch könne jeder Afro-Amerikaner morgen tot sein, weil er dunkle Haut hat. Das endet erst, wenn die Weißen das Gefängnis niederreißen. Man muss dem Filmteam dankbar sein, dass sie diesen Disput nicht herausgeschnitten haben.

Baldwin wollte „Zeugnis ablegen“ von der großen Lüge, in der sich das Land, das er in Richtung Frankreich verlassen hat, verfangen und die auch die schwarze Gemeinschaft nicht unberührt gelassen hat. Fünfzig Jahre später, angesichts des brutalen, von einem weißen Präsidenten angestachelten Hasses, ist bei vielen die Geduld zu Ende, und weiter führen Weiße den rhetorischen Eiertanz zwischen arroganter Überidentifikation und bösartiger Ignoranz auf. Es gibt keinen Grund, auf Dixon zu schimpfen, sein Film spiegelt eine immer noch prekäre Kommunikation. Und die entmutigend gering veränderte Lage.

Sie schreiben für Weiße? wird Baldwin gefragt. „Ich schreibe für Menschen, Baby“, lautet seine Antwort. „Ich glaube nicht an weiße Menschen und auch nicht an schwarze. Aber glaub mir, ich kenne den Unterschied nur zu gut.“ Die ihm angebotene Pose des verzweifelten Existenzialisten im Pariser Exil verweigert er: „Ein Verzweifelter schreibt nicht. Wenn du unter dem Schatten des Todes lebst, gibt es dir eine gewisse Freiheit. Deshalb bin ich vollkommen glücklich und relativ frei. “

Meeting the Man, James Baldwin in Paris. GB, Frankreich, 1970. Regie: Terence Dixon. 27 Min. Zu sehen beim Streaminganbieter Mubi.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare