1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Filmfest Venedig: Jafar Panahi „No Bears“ – Von Löwen und Bären

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Szene des Films „Khers Nist“ („No Bears“) von Regisseur Jafar Panahi.
Szene des Films „Khers Nist“ („No Bears“) von Regisseur Jafar Panahi. © dpa

Mit „No Bears“, dem heimlich realisierten Spielfilm des inhaftierten Jafar Panahi, hat das Venedig-Festival einen weiteren Favoriten.

Venedig – Im Jahr 1932, vor neunzig Jahren, wurde in Venedig das erste Filmfestival der Welt gefeiert. „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ war der Eröffnungsfilm. Preise wurden noch nicht vergeben, aber das Publikum wählte in einer kleinen Demokratie-Übung im faschistischen Italien seine Lieblingsfilme.

Nicht alle Festivalausgaben lässt man heute noch gelten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde erst ein „deutsch-italienisches Filmfestival“ daraus, dann wurde es vorübergehend eingestellt. Nichts deutet freilich im Jubiläumsjahr darauf hin, dass seine Tage gezählt sein könnten. Die Vorstellungen sind prall gefüllt, Hotelzimmer am Lido nicht zu finden.

Filmfest Venedig: Überraschungsbesuch von Brad Pitt

Schaulustige und Paparazzi kommen durch eine ungewöhnliche Dichte an Hollywoodfilmen auf ihre Kosten, und wann hat man es zuletzt erlebt, dass ein Star vom Kaliber eines Brad Pitt sogar unangekündigt auftaucht? Am Freitagabend stand er in seiner Eigenschaft als Produzent des Marilyn-Monroe-Biopics „Blonde“ plötzlich auf dem roten Teppich – mit schwarzer Maske eigens fürs Autogramme-Schreiben. Sogar die Standing Ovations brachen an diesem Abend Rekorde: Nach 14 Minuten rollten Hauptdarstellerin Ana de Armas die Tränen über das Gesicht.

Ihrer Marilyn bleiben solche Ehren in dieser melodramatisch aufbereiteten Lebensgeschichte verwehrt, auch wenn immer wieder große Filmpaläste darin vorkommen – digital generiert samt Publikum wie in einem Historien-Blockbuster. An diesen Anblick wird man sich wohl gewöhnen müssen: Volle Riesenkinos kann man sich dann als VR-Simulation zu einem Streamingfilm dazuschalten. „Echte“ Kinos gibt es – abgesehen vom Filmpalast von 1937 – auch am Lido nicht mehr, wo die meisten Kinosäle aus Holz und Zeltstoff nur für die Festivaldauer hochgezogen werden. Auch das könnte ein Zukunftsmodell sein: Wenn Filmfestivals bald keine Kino- sondern Streamingfeste sein werden, braucht man Filmtheater nur noch als temporäre Hülle.

Jafar Panahi „No Bears“: Spielfilm trotz Arbeitsverbot realisiert

Die Filmkunst selbst wird trotzdem überleben – jedenfalls in der freien Welt. Jafar Panahi, der inhaftierte iranische Meister, hat es noch einmal geschafft: Trotz seines seit langem verhängten Arbeitsverbots hat er einen abendfüllenden Spielfilm realisieren und außer Landes schmuggeln können. Und wieder gelingt es ihm, gleichzeitig den Blick auf die Fesseln der Diktatur zu lenken und dem für ihn so typischen humanistischen Optimismus treu zu bleiben.

In der komplexen, aber leichthändig arrangierten Filmerzählung übernimmt er selbst die Rolle des Regisseurs Jafar Panahi, der sich in einem Dorf an der Grenze zur Türkei eingemietet hat. Über eine wacklige Internetverbindung leitet er eine Filmcrew, die auf der anderen Seite ein Flüchtlingsdrama dreht. Doch die Wirklichkeit will sich aus dem Film nicht aussperren lassen: Die Hauptdarstellerin, ein Folteropfer, rechnet fest damit, wie im Film dargestellt tatsächlich mit ihrem Lebenspartner nach Paris fliehen zu müssen. Doch wenn auch der Regisseur gehofft haben sollte, die Fäden des wirklichen Lebens zum Besseren hin zu ziehen, stößt er an die Grenzen seiner Utopie.

Filmfest Venedig: Nicht viel Konkurrenz für Jafar Panahi

Im Dorf macht eine verschworene Gemeinschaft das Leben schwer. Man verdächtigt ihn, beim Fotografieren im Ort auch ein heimliches Liebespaar abgelichtet zu haben. Als er das gewünschte Beweismaterial schuldig bleibt, erweisen sich die urigen Dörfler und ihre angeblichen Traditionen als nicht weniger bedrohlich als die Diktatur, die sie umgibt.

„No Bears“ heißt Jafar Panahis erster großer Spielfilm seit fünf Jahren, der Titel verweist auf eine Beschwichtigungsfloskel gegenüber unsichtbaren Gefahren. Welche Angst muss die iranische Regierung vor seinem freien Geist haben und sicher auch vor einem Löwen, den er nun in Abwesenheit gewinnen könnte. Es wäre sein zweiter seit „Der Kreis“ im Jahr 2000.

Nach einem attraktiven, aber an Meisterwerken armen Wettbewerb gibt es nicht viel Konkurrenz für Jafar Panahi. Der vollkommenste Film des Festivals in Venedig kam aus Japan: Koji Fukadas „Love Life“, diese entwaffnend unkonventionelle Dreiecksgeschichte um die Hinterbliebenen eines verstorbenen Kindes, stellte hier alles in den Schatten. Am Samstagabend wird die von der US-Schauspielerin Julianne Moore geleitete Jury ihre Preise vergeben. (Daniel Kothenschulte)

Auch interessant

Kommentare