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Michel Piccoli bei einer Filmpremiere 1967 in Paris.

Michel Piccoli

Der Jäger

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Abgründige Männlichkeit: Michel Piccoli hat mehr als 220 Filme gedreht. Vom Liebhaber bis zum eiskalten Mörder hat er so ziemlich alles gespielt. Dennoch überrascht der Schauspieler jedes Mal auf Neue. Jetzt wird er 85 Jahre alt.

Als sich kürzlich eine französische Regisseurin Michel Piccoli für eine Hauptrolle in einem populären Film wünschte, winkte ihr Produzent ab: Der wohl bedeutendste lebende Schauspieler Frankreichs falle nicht mehr in die Kategorie dessen, was die Branche „bankable“ nennt – es fehle ihm an Zugkraft. Dass sich der Charakterdarsteller neben weltweiter Bekanntheit auch bester Gesundheit erfreute, spielte keine Rolle. Zu sehr verbinde das Publikum ihn mit anspruchsvollen Filmen. Na, Gott sei Dank.

Kaum ein Gesicht steht mehr für die französische Filmkunst als das des maskulinen Individualisten mit den buschigen Augenbrauen vor der eleganten Halbglatze. Piccoli wurde groß mit den Regisseuren, unter denen er arbeitete, andere machte er groß durch seine Größe. Und ironischerweise war es gerade ein Film über das Filmemachen, der das Kräftemessen zwischen Kunst und Kommerz thematisierte, der ihm den Weg zum Weltstar ebnete: Jean-Luc Godards intellektueller Augenschmaus „Die Verachtung“ von 1963. Fritz Lang spielt sich darin selbst als Regisseur eines teutonischen Monumentalfilms nach der Odyssee, Piccoli ist der Drehbuchautor, der das Projekt für die US-Geldgeber kommerzieller machen soll. Tatsächlich ist der ehrgeizige Autor bereit, einiges für seinen Erfolg einzusetzen, auch die attraktive, von Brigitte Bardot gespielte Ehefrau.

Kaum je waren sich Kunst- und Starkino so nahe wie in diesem aufwändigen Farbfilm in CinemaScope. Und mit Piccoli war ein neuer Tpyus des männlichen Filmhelden geboren, der potente Intellektuelle. Tatsächlich aber steckte noch einiges mehr in diesem auch hinter der Kamera überzeugenden Charismatiker.

Dünner junger Mann gesucht

Als der Kino-Surrealist Luis Buñuel 1956 sein Goldgräber-Drama „Pesthauch des Dschungels“ drehte, suchte er einen dünnen, jungen Mann für die Rolle eines Priesters. Piccoli war zwar eher kräftig und schon dreißig – doch die Rolle gewann er ebenso wie Buñuels dauerhafte Freundschaft. 1964 trug sie ihm – in „Tagebuch einer Kammerzofe“ – die bissig-ironische Rolle eines Jägers ein, der den Frauen mit ähnlichen Methoden nachstellt wie dem Wild. Piccoli scheint in dieser Zeit die ideale Verkörperung eines entromantisierten Don Juan gewesen zu sein, eine Rolle, die er 1965 sogar nach Molières Komödientext für das Fernsehen verkörperte. Es brauchte schon einen Romantiker wie Jacques Demy, um diesen Macho-Geist auch wieder zu vertreiben: Im Musical „Die Mädchen von Rochefort“ gibt Piccoli einen liebeskranken Musikalienhändler namens „Monsieur Dame“. Fortan war ihm alles zuzutrauen: Der empfindsame, aber dominante Maler in Rivettes „Die schöne Querulantin“ ebenso wie der elegante Mörder in „Trio Infernal“. Der Giftmischer hinter der Fassade eines Ratsherrn in Chabrols „Blutige Hochzeit“ und der Fernsehboss, der sich in Ferreris Groteske „Das große Fressen“ zu Tode amüsiert. Der urbane Neandertaler, der in „Themroc“ Polizisten am Spieß verzehrt, aber dann auch wieder Marianne Sägebrechts liebevoller Ehemann im NS-Drama „Martha und ich“.

Ja, es stimmt wohl, was der Produzent vermutete: Wo Piccoli draufsteht, ist Kunst drin. Heute feiert er seinen 85. Geburtstag. Falls er sich nicht gerade, wie in den letzten Jahren, für den Kurzfilm eines Regie-Neulings engagiert oder einem Alterswerk des Portugiesen Manoel de Oliveira auf die Welt hilft. Gut möglich, dass er sich dabei die kreative Energie des 102-jährigen Regisseurs zum Vorbild genommen hat: Gerade spielte er im Land seiner italienischen Ahnen für Nanni Moretti in der Religions-Satire „Habemus Papam“. Sein kommendes Projekt ist der neue „Alain Resnais“. Wünschen wir ihm und uns, dass er seine angeblich fehlende Zugkraft noch lange so beglückend unter Beweis stellt.

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