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„Ithaka“ – Die Odysseen der Assange-Familie

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Von: Daniel Kothenschulte

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John Shipton, Julian Assanges Vater. Foto: Aktion gegen den Hunger GmbH
John Shipton, Julian Assanges Vater. © Aktion gegen den Hunger GmbH

Der Dokumentarfilm „Ithaka“ eröffnet heute das Berliner Human Rights Film-Festival.

In einer gerechten Welt feierte die dokumentarische Annäherung an Julian Assange aus der Perspektive seiner Familie nicht erst heute ihre Deutschlandpremiere. Nachdem kein Verleih, keine Fernsehanstalt und kein Streaming-Anbieter zugegriffen haben, sprang das Berliner Human-Rights-Film-Festival der NGO „Aktion gegen den Hunger“ in die Lücke. Und kommt so mit „Ithaka“ zu einem wirklich bemerkenswerten Eröffnungsfilm, nicht nur politisch, sondern durchaus auch künstlerisch. Aber in einer gerechten Welt sitzen Journalisten ja auch nicht in Gefängnissen und müssen lebenslange Haftstrafen fürchten, weil sie unliebsame Wahrheiten veröffentlichen.

Die Zeit ist vorbei, sich dem wohl bekanntesten Enthüllungsjournalisten der Welt mit der Interviewkamera zu nähern. Seit er im strengsten Hochsicherheitsgefängnis Großbritanniens einsitzt, ist er für die Öffentlichkeit weitestgehend unsichtbar. In diesem Film ist er – abgesehen von Archivaufnahmen – nur eine schemenhafte Stimme am Telefon. Tatsächlich hatten in der Vergangenheit selbst wohlwollende Dokumentaristen oft unfreiwillig der Gegenseite in die Hände gespielt – indem sie mit den Assange-Auftritten dem Medienbild eines durchaus fehlbaren Selbstdarstellers zuarbeiteten.

Produziert von seinem Bruder Gabriel Shipton und inszeniert vom australischen Dokumentarfilmer Ben Lawrence, folgt der Film, sein Haupterzählstrang, den Reisen, die John Shipton, Julian Assanges Vater, seit Jahren unternimmt. Bald wird deutlich, dass der fragile, mit sanfter Stimme sprechende Pensionär dabei an seine Grenzen geht. Die titelgebende griechische Insel Ithaka gilt als mythische Heimat des Odysseus. Ihre eigene Odyssee vollzieht eine weitere Protagonistin, Assanges damalige Verlobte und heutige Ehefrau Stella Morris. Diese umfasst auch einen entwürdigenden und letztlich erfolglosen Bittgang zum Profiteur von Assanges geleakten Hillary-Clinton-Mails, Donald Trump.

Subtil und stets maßvoll musikalisch begleitet von Brian Eno, ist dies also zum einen ein Film über die fast übermenschlichen Anstrengungen, zu denen familiäre Liebe befähigt: Der Gang an eine zunehmend abweisende Öffentlichkeit ist für die Beteiligten sichtbar schmerzvoll. Absurd erscheint im Rückblick der Vorwurf an Assange, auch er habe sich im Boulevard-Licht einmal sonnen wollen. Der UN-Folterberichterstatter Nils Melzer erklärt eingangs, wie sehr er von der einseitigen Berichterstattung beeinflusst gewesen sei, Assange hätte sich in der ecuadorianischen Botschaft vor den (später fallengelassenen) Vergewaltigungsvorwürfen verstecken wollen.

Zum anderen ist dies aber auch eine aktualisierte Chronik der Ereignisse seit Assanges Enthüllungen zum Irak-Krieg. Dazu werden auch Bilder der Kameras gezeigt, die ihn in der Botschaft permanent beobachteten.

Es ist ein leiser, intimer Film, der wohl nicht zuletzt als Gegenentwurf zum kritischen Porträt „Risk“ zu verstehen ist, das Laura Poitras 2016 über Assange drehte. Verfolgt wird dabei mehr denn je die Pressefreiheit selbst. Einen letzten Trumpf aber gibt es, Daniel Ellsberg, der 1971 die Pentagon Papers leakte, legt ihn dar: Noch nie wurden in den USA Journalisten oder Journalistinnen wegen Spionage verurteilt. Stets wurde die Meinungsfreiheit höher angesetzt.

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