1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„Italo Disco – Der Glitzersound der 80er“ (Arte): In 15 Minuten zum Erfolg

Erstellt:

Von: Harald Keller

Kommentare

Sabrina Salerno taucht in der letzten Phase des Italo Disco als dessen Ikone auf.
Sabrina Salerno taucht in der letzten Phase des Italo Disco als dessen Ikone auf. © Alpenway Media

Arte zeigt einen übertrieben verklärenden Dokumentarfilm über die Italo-Disco-Welle der 80er-Jahre.

Frankfurt am Main – Mitte der 1980er konnte man Hitparadenstürmern wie „Vamos a la playa“, „Dolce Vita“, „I Like Chopin“, „Boys“ kaum entkommen. Italo Disco hieß die Sparte, die, für viele in der Branche etwas überraschend, zum Trend geworden war. Auch heute noch gibt es Fans dieser Richtung, und die schauen gern mit romantisch verschleiertem Blick auf die Anfänge.

Die Hits des Italo Disco, die bis heute auf Samplern weitergereicht werden, waren Bubble-Gum-Musik. Schlichte Texte, geträllert zu eingängigen Melodien. Mitunter von anderen Menschen als jenen, die zum Playback vor Publikum als Sänger agierten.

Im Dokumentarfilm „Italo Disco – Der Glitzersound der 80er“, einer Produktion des Bayerischen Rundfunks für Arte, räumt der italienische Sänger und Produzent Savage alias Roberto Zanetti freimütig ein, dass er seinen Charterfolg „Don’t Cry Tonight“ in fünfzehn Minuten komponierte und dann noch schnell einen Text verfasste.

Die Brüder Michelangelo und Carmelo La Bionda hatten einen Synthesizer in der Küche stehen, wo 1983 ad hoc „Vamos a la playa“ für die Gruppe Righeira entstand. Immerhin ein Titel mit zeitkritischem Text, der aber auf Spanisch gesungen und deshalb selten verstanden wurde. Entscheidend für den Erfolg war sicherlich der simple Refrain, der auch in trunkenem Zustand noch mitgesungen werden kann.

„Italo Disco – Der Glitzersound der 80er“ (Arte): Mit artifiziellen Sounds in die Charts

Synthesizer ist ein entscheidendes Stichwort, denn die Produzenten des Italo Disco machten ausgiebig Gebrauch von synthetischen Klängen. 1979 war das Fairlight Computer Musical Instrument vorgestellt worden, der erste Synthesizer, mit dem man sampeln konnte. Peter Gabriel, Kate Bush, Trevor Horn machten Gebrauch von dem Gerät, in den USA Stevie Wonder, Jan Hammer, Herbie Hancock – lange vor den ersten Veröffentlichungen der Italo-Welle.

In den 1980ern erweiterte sich das Angebot synthetischer Klangerzeuger. Selbst bei Bruce Springsteen hörte man Maschinentöne.

Eine interessante Entwicklung, die sich keineswegs auf den Italo Disco beschränkt und schon gar nicht in Italien ausgelöst wurde. Da geht denn doch der Enthusiasmus mit dem dänischen DJ und Italo-Disco-Fan Flemming Damlum durch, wenn er vor der Kamera angibt: „Der Synthesizer ist um 1980 herum plötzlich in vielen britischen Musiksongs aufgetaucht. Aber als die Italiener mit den Synthesizern angefangen haben, haben sie sich mehr getraut.“

„Italo Disco – Der Glitzersound der 80er“ (Arte): Die Spur zum deutschen Schlager

Der Autor Alessandro Melazzini lässt das unkommentiert stehen und unterschlägt damit unter anderem die französischen Vorläufer The Peppers, die mit „Pepper Box“ bis in die USA erfolgreich waren. Den Landsleuten von der Band Space gelang ein Hit mit „Magic Fly“. Relevant auch deshalb, weil sie im zugehörigen Video gesichtslos und in Fantasie-Raumanzügen auftraten, eine Ästhetik, die hernach im Italo Disco sehr verbreitet war und sich bis Daft Punk erhalten hat.

Zur Sendung

„Italo Disco – Der Glitzersound der 80er“, Freitag, 29.7.2022, 23:15 Uhr, Arte. Die Sendung in der Arte-Mediathek.

Der in München tätige Giorgio Moroder findet, völlig zu Recht, im Film am Rande Erwähnung. Von da könnte man sogar einer Spur zum deutschen Schlager folgen: Moroder produzierte mit Mary Roos „Arizona Man“, einen lupenreinen Synthiesong. Das war im Jahr 1970. Mit einem anderen Schlagerstar, Michael Holm, schrieb Moroder „Son of My Father“, 1972 als Coverversion ein Riesenhit für die britische Band Chicory Tip.

„Italo Disco – Der Glitzersound der 80er“ (Arte): Das Bild widerlegt den Text

Nur ein paar Stichworte zur Geschichte der elektronischen Popmusik, die belegen sollen: Es gibt in der Popkultur keine abrupten Neuerungen, geschweige denn Revolutionen, sondern stets komplexe Geflechte unterschiedlichster Einflüsse. Ein Thema für sich, das in gut 52 Minuten – die Kinofassung umfasst 62 Minuten – nicht aufgearbeitet werden kann. Das legitimiert aber nicht den Hang zu übertriebenen Aussagen, die Italo Disco als revolutionäre unikale Erscheinung darstellen, wenn beispielsweise Sätze fallen wie „Die Italiener waren mit die Ersten, wo der Diskjockey ein Kreateur wurde, der komplett neue Soundwelten geschaffen hat. Der Diskjockey als Künstler ist, glaube ich, eine Erfindung der Italiener.“ Im Film geäußert von Mathias Modica, Produzent, Musiker, Kurator, dessen Glaube in dieser Sache nicht mit den Fakten übereinstimmt.

„Italo Disco – Der Glitzersound der 80er“ (Arte): Verkaufsfördernde Freizügigkeit

An anderer Stelle lässt der Autor Melazzini sehr viel Nachsicht walten, als er das Frauenbild des Italo Disco thematisiert und einer – übrigens von einem US-Amerikaner zusammengestellten – Retortenband wie The Flirts emanzipatives Potenzial andichtet. Der Autor widerlegt sich selbst, wenn er zeitgenössische Bilder von leichtbekleideten Tänzerinnen einblendet, weil die damaligen Kameraleute augenscheinlich ein Faible für Körperteile unterhalb der Gürtellinie hatten.

Und die Sängerin Sabrina Salerno, deren erste Single „Sexy Girl“ betitelt war und die auch in sogenannten ‚Herrenmagazinen’ zu sehen war, räumt offen ein, dass ihr Körper dazu bestimmt war, „ein Produkt zu verkaufen“.

Dokumentarfilme über Aspekte der Populärkultur müssen nicht zwingend philosophisch-tiefschürfend aufgemacht sein. Aber Genauigkeit in der Darstellung und verständnisfördernde Einordnungen darf das Publikum erwarten. (Harald Keller)

Auch interessant

Kommentare