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Das Geschäft des Teppichmachers Haghighi befindet sich im zweiten Torbogen direkt neben der weltberühmten Imam-Moschee in Isfahan.

"Iran bittersüß ? Reise durch ein Land voller Widersprüche", ZDF

"Im Islam gilt schwarz als hässliche Farbe"

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Jörg Brase und Niloufar Taghezadeh zeigen bunte Seiten des Lebens im Land der Mullahs.

Von einem Land oder einer Stadt zu behaupten, es oder sie sei „voller Widersprüche“, gehört auf den Index. Denn zum einen gibt es wohl keine größere Ansammlung von Menschen, bei der sich nicht Widersprüche auftäten. Zum anderen ist die Phrase durch Tourismusindustrie und Medien derart abgenutzt, dass sich der Gebrauch verbieten sollte. Dennoch nennt Jörg Brase seinen Film „Iran bittersüß – Reise durch ein Land voller Widersprüche“. Und man kann dem Autor zugute halten, dass sein Berichtsgebiet tatsächlich wohl mehr Antagonismen bereit hält als andere Staaten.

Brase und seine Autorin Niloufar Taghezadeh haben sich dabei auf eine Seite konzentriert: die Menschen, die ihr Dasein abweichend von der staatlich diktierten Norm zu leben versuchen. Dabei ist ein buntes Mosaik entstanden, das den Eindruck vermittelt: Den Wunsch nach individueller Freiheit kann die öffentlich sichtbare Gleichschaltung nicht zerstören. Frank Henneckes Kamera schwelgt denn auch in Farben und Formen, etwa von der Teppichherstellung beim Teppichfabrikanten Feyzollah Haghighi in Isfahan, der touristischen Hochburg. Er gehört fraglos zur Oberschicht, doch weist sein Werdegang auch typische Merkmale auf. Er konnte immerhin seine drei Söhne im Ausland studieren lassen, aber sie kamen zurück und wollen nun das Geschäft des heute 76-Jährigen weiter führen.

Zwar hat der absurde Boykott-Erlass des US-amerikanischen Präsidenten schwerwiegende Folgen für die Menschen – Haghighi zufolge haben 60 Prozent in seinem Metier ihre Arbeit verloren, aber die Hoffnung auf Besserung geben sie nicht auf. Das gilt auch für die Modeschöpferin Mahla Zamini, die ihre von bunten Stoffen dominierte Kollektion abseits der Laufstege präsentiert. Schwarz, so sagt sie, sei im Islam übrigens eine hässliche Farbe und werde nicht getragen – soviel zum Diktat der Mullahs, nachdem sich die Frauen in das schwarze Tuch des Tschador hüllen müssen.

Bei religiösen Festen, etwa dem zu Ehren des Imam Reza in der Stadt Mahhsad sieht man das denn auch, nicht aber bei den Aufnahmen in den Straßen von Teheran. Gegen die Vorstellung, Männer dürften durch Kleidung „nicht gereizt“ werden (was für ein Männerbild...) opponieren die jungen Iranerinnen vorerst nur im Privaten, etwa bei Ausflügen mit Freunden, wo sie ohne Kopftuch feiern: „Man zeigt bei Euch nicht, dass die Menschen im Iran auch glücklich sind“, sagt eine junge Frau.

In Mahhsad ist es Brase und seiner Autorin gelungen, gewissermaßen eine Personifizierung der Widersprüche vor die Kamera zu bekommen, den Musiker Andisheh Hozhabr und den Theologie-Studenten Seyyed Reza Gohari. Der Heavy-Metal-Virtuose kann mit seiner Band „Out of Nowhere“ nur irgendwo in einem Keller spielen – während obendrüber immer eine Schmiere stehen muss.

Der Student versorgt die zahllosen Pilger auf dem Weg zum Heiligtum mit Nahrung. Auf einer Parkbank versuchen sie, einander ihren Standpunkt zu erklären. Die Dialogstücke sind allerdings zu kurz, um aufschlussreich zu sein, aber dass die Begegnung überhaupt möglich ist, scheint schon ein Fortschritt.

Die Autoren haben sich etwas zu stark auf die bunten Seiten des Daseins im Iran konzentriert, eine Stimme der Herrschenden fehlt bei der Darstellung der im Titel genannten Widersprüche; Politik, Machtpolitik gar (etwa bei irans Kriegsbeteiligung im Jemen oder der Feindschaft zu Israel) wird ganz ausgeblendet. Zugleich aber bedarf das westliche Klischee-Bild vom unterdrückten Volk auch einer Korrektur. Und das ist Brase und Taghezadeh gelungen. Der Teppich-Künstler Haghighi findet denn auch ein schönes Bild für sein Land: den Granatapfel, der von außen bitter, im Innern aber süß ist. Und die vielen Kerne darin halten zusammen...

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