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Iris Berben: „Wir holen uns die Leinwand zurück“

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Von: Daniel Kothenschulte

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„Was heute passiert, ist kontraproduktiv zu dem, was wir alle wollen. Grenzt nicht schon wieder aus!“ Iris Berben in diesem Mai in Cannes.
„Was heute passiert, ist kontraproduktiv zu dem, was wir alle wollen. Grenzt nicht schon wieder aus!“ Iris Berben in diesem Mai in Cannes. © afp

Iris Berben über mehr als 50 Jahre im Film, die Freiheit der 68er-Generation, die Ausgrenzung der Cancel Culture und das Glück, ohne Strategie das Richtige zu tun.

Frau Berben, ich habe Sie gerade in Ihrem ersten Film „Detektive“ von Rudolf Thome gesehen. Das war 1969, da waren Sie 18. Das Kompliment kommt jetzt etwas spät, aber Sie waren mindestens so gut wie die erfahrenen Mitwirkenden und hatten bereits eine erstaunliche Selbstsicherheit. Wo kam das her?

Das hab ich mich kürzlich auch gefragt, warum ich heute mit 72 weniger selbstsicher bin, als ich es mit 18 war? Aber ich nähere mich dem Punkt wieder! Ich glaube, es hat damit zu tun, dass man als Generation, die in den Sechzigern aufgewachsen war, so vieles anders machen wollte, die Welt so neu definieren. Dieses Selbstbewusstsein, dass man sich so sehr von dem unterscheiden wollte, was war, von den Eltern und den Großeltern. Da war eine gewisse Chuzpe, es war auch eine Form von Naivität. Und die Überzeugung: ‚Uns gehört die Welt! Wir machen es anders, wir machen es richtig.‘

Da hatten Sie schon eine bewegte Kindheit hinter sich und gerade erst Israel bereist, nach dem Sechstagekrieg. Woher kam der Entschluss?

Ich gehörte zu der Generation, die in der Schule das Dritte Reich nicht durchgenommen hat. Es gab den Holocaust nicht, es gab keine Sprache dafür. Der Sechstagekrieg war etwas, das ich in der Oberstufe nur durch Nachrichten mitbekommen habe, jede Frage wurde abgeblockt. Und wo sich Erwachsene keine Mühe geben, etwas zu erklären, wird man als junger Mensch ganz besonders neugierig. Da habe ich irgendwann meine Mutter angerufen und gesagt: Ich beende die Schule jetzt, gehe nach Israel und bau das Land neu auf. Sie konnte mich nicht abhalten. Ich habe die Schule nie zu Ende gemacht und meinen Geschichtsunterricht in Israel bekommen, wo noch viele Überlebende waren, die mit mir geredet haben oder nicht mit mir geredet haben. Aber das macht mit dir etwas, das dich tiefer gehen lässt. Zu fragen, zu erkunden, zu wissen.

Iris Berben im Interview: „Es gab eine Welt vor Social Media und eine danach“

Wie lange waren Sie da?

Drei Monate quer durchs Land, alles war offen. Menschen aus der ganzen Welt waren zusammengekommen, wir schliefen am Strand. Man hat sich sofort zusammengetan. Es gab eine Welt vor Social Media und eine danach. Auch wir bildeten Netzwerke. Man gehörte zusammen und wusste: Das ist das Richtige hier. Ich habe mich verliebt in das Land und in die Kultur. Später habe ich über 30 Jahre eine Beziehung mit einem Israeli gehabt. Und dann habe ich Israel noch auf eine andere Weise kennengelernt, durch meinen Fonds, den ich an der Universität von Jerusalem habe. Ich unterstütze dort junge Studenten, die an der Hirnforschung arbeiten.

Wie beurteilen Sie heute die Siedlungspolitik?

Ich möchte mich öffentlich nicht politisch äußern, bringe mich zum Beispiel durch Lesungen mit Schülern ein, um das Wissen um die Verantwortlichkeit unserer Geschichte zu stärken. Aber natürlich bin ich nicht mit allem einverstanden, was dort geschieht.

Um noch einmal auf die Leichtigkeit Ihrer ersten Filme von Klaus Lemke und Rudolf Thome zurückzukommen: Frauen sind da ja immer die interessantesten Figuren, aber die Darstellung der Geschlechterrollen ist für ein junges Publikum heute vielleicht nicht gleich nachzuvollziehen. Sie sagten kürzlich: Manches, was heute als übergriffig gilt, verstanden wir als Kompliment.

Es ist immer der Kontext der Zeit. Ein Statement wie ,Me Too‘ kann man da nicht anbringen. Wir haben das nicht als sexistisch empfunden und, ganz im Gegenteil, sind ja auf die Straßen gegangen und haben uns alle Freiheiten genommen.

„Der Nachname“ mit Iris Berben im Kino: Im Film „prallen Charaktere und Welten aufeinander“

Sie haben ja immer sehr gerne komische Rollen und dabei auch das Absurde sehr glaubhaft gespielt. Wie auch in Ihrem neuen Film, Sönke Wortmanns „Der Nachname“ …

Absolut! Ich glaube auch immer, da prallen Charaktere und Welten aufeinander. Die Probleme der heutigen Zeit sind so komplex, dass viele Menschen sich in konservative Positionen flüchten. Da ist mir die Figur, die ich hier spiele, als Freigeist natürlich viel näher als die Welt, die meine Kinder im Film vertreten.

Ich habe immer bedauert, die Hippie-Zeit nicht erlebt zu haben …

Das sagt mein Sohn übrigens auch!

Wenigstens gab es Menschen wie Ihren Mitentdecker Klaus Lemke, der das immer repräsentiert hat.

Immer, ja. Aber er hat es nicht vor sich hergetragen. Er hat es gelebt. Er hat sich diese Freiheit einfach bewahrt! Es gibt nicht viele, und es ist ja auch immer wieder schwer in diesem System, sich da herauszuwinden und sich zu verweigern. Verweigerung ist übrigens der einzige Vorteil am Älterwerden.

Wie beurteilen Sie denn heute die „Cancel Culture“ im Vergleich zur Freiheit, die Ihre Generation früher hatte?

Mein Problem damit ist: Der Inhalt, um den es geht, löst sich manchmal in Luft auf, weil wir uns über die Form aufregen. Natürlich wissen wir, Sprache muss sich verändern, Verhalten muss sich verändern. Ich glaube nur, was passiert, ist auch, dass da eine arrogant-intellektuelle Blase entsteht, die etwas einfordert und dabei genau diejenigen ausgrenzt, die wir mitnehmen müssen. Das macht mich verrückt, weil ich mit jedem Satz, den ich dazu sage, schon wieder auf der falschen Seite erscheine. Da war die Spielwiese bei uns natürlich größer. Aber was heute passiert, ist kontraproduktiv zu dem, was wir alle wollen. Grenzt nicht schon wieder aus! Wir müssen auf die Straße, die verunsicherten Menschen müssen wir erreichen. Die AfD hat in Niedersachsen schon wieder 10,9 Prozent der Stimmen geholt. Wo jeder von uns gehofft hat, dass es mit dem Zulauf weniger wird.

Iris Berben (vierte v. l.) in „Der Nachname“.
Iris Berben (vierte v. l.) in „Der Nachname“. © dpa

Schauspielerin Iris Berben: „Früher hatte ich eine größere Lässigkeit“

Bereiten wir da unfreiwillig einer neuen Klassengesellschaft den Weg?

Dagegen kämpfen wir doch eigentlich – und doch ist es schon wieder Abgrenzung.

Nun haben Sie sich ja alles im Leben selbst erarbeitet. Muss man da nicht immer etwas mehr kämpfen, wenn akademische Grade vielen Leuten mehr gelten als Talent?

Ja, vor allem wenn man – wie ich – sehr ungeduldig ist. Früher hatte ich eine größere Lässigkeit. Aber man hört nicht auf zu kämpfen. Wichtig ist es, sich ein paar Komplizen zu holen.

Kann es sein, dass uns gerade der Blick auf die Kunst durch die vielen politischen Filter etwas verloren geht?

Ja, auch die Sinnlichkeit des Lebens geht verloren. Ich leb so gerne! Ich weiß nicht, ob das ein spezifisch deutsches Phänomen ist, aber uns fehlt ein bisschen Leichtigkeit und die Fähigkeit groß zu träumen.

Nun hatte aber auch der Junge Deutsche Film der 70er Jahre seine Dogmen. Hannelore Elsner sagte mir einmal, dass es dort für Schauspielerinnen ein Makel gewesen sei, schön zu sein. Da habe man die Rollen in den anspruchsvollen Filmen nicht mehr bekommen. Haben Sie das auch zu spüren bekommen?

Ja, darüber habe ich mich mit Hannelore auch oft unterhalten. Es war so. Neulich fragte mich Mario Adorf, dessen Laudatio ich in Zürich für den Europäischen Kulturpreis gehalten habe, ob ich mich an meine erste Kritik erinnern könne. Ich sagte, nein, die gab es die ersten 20 Jahre lang ja gar nicht. Ich wurde nur als schönes Mädchen wahrgenommen. Ich habe diesen „Nachteil“ dann bewusst eingesetzt, um dagegenzuarbeiten. Zum Beispiel mit „Sketchup“.

Zur Person

Iris Berben, geboren 1950 in Detmold, ist Schauspielerin und setzt sich gegen Antisemitismus ein. Sie war neben Diether Krebs Teil der Comedy-Show „Sketchup“ und spielte in der ZDF-Krimi-Reihe „Rosa Roth“ die Titelfigur.

Im Kino ist sie aktuell zu sehen in Ruben Östlunds Cannes-Gewinnerfilm „Triangle of Sadness“. Und an diesem Donnerstag startet „Der Nachname“, eine Komödie von Sönke Wortmann, Fortsetzung von „Der Vorname“ (2018).

Interview mit Iris Berben: Die jüngeren Zuschauer haben wir „an die Blockbuster verloren“

… der Comedy-Show mit Dieter Krebs …

Dann liest man plötzlich: wie mutig! Ich denke aber: im Gegenteil. Das war das Ausbauen der Möglichkeiten, die man hat. Im Jungen Deutschen Film haben wir, wie Hannelore sagte, keinen Platz gehabt. Den haben wir erst später bekommen.

Wie gerade: Sie sind ja im Gewinnerfilm von Cannes zu sehen, „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund.

Was für ein kluger Film. Der verhandelt so viele ernsthafte Themen, und die Leute lachen sich kaputt. So ein Glück! Muss ich 72 werden, um das zu erleben.

Wie kam es denn dazu?

Casting! Mein ewiges Angstwort! Aber diesmal hat es geklappt. Ich kannte zwei seiner früheren Filme und wusste: Da möchte ich dabei sein. Ich hoffe so sehr, dass dieser Film auch in Deutschland die Leute wieder ins Kino zieht.

Bei dem Film bin ich mir sicher …

Die jüngeren Zuschauer haben wir ja leider schon an die Blockbuster verloren.

Iris Berben zum Streaming-Trend: Es gibt fantastische Filme und genauso viel Schrott

Dann spielen Sie eben dort mit.

Ich habe gerade einen Netflix-Film gedreht, einen klugen „Near Future“-Film, ich bin sehr gespannt. Er hat bislang den Arbeitstitel „Paradise“. Ich bin ja froh, dass ich noch so gefragt bin. Ich kann ja auch nichts anderes. Vielleicht noch Auto fahren und kochen.

Wie sehen Sie den Boom der Streaming-Formate?

Ich find’s spannend. Ich habe so viel gestreamt, im Lockdown. Es gab fantastische Filme, und es gibt genauso viel Schrott. Die richtigen Tipps hole ich mir von meinem Sohn. Ich glaube, wir werden uns alle neu aufstellen. Fernsehen, Streaming, Kino. Das Kino hatte es auch vor der Pandemie schwer, aber ich bin überzeugt: Wir holen uns die Leinwand zurück. Wir müssen nur aufhören, Fernsehfilme auch auf der Kinoleinwand zu zeigen. Und wir müssten über unser Fördersystem nachdenken.

Allerdings: Wird da gar nicht mehr auf Qualität geachtet?

Ein endloses Thema! Ich war sechs Jahre bei der Filmförderungsanstalt, neun Jahre Akademiepräsidentin. Wir mussten und müssen uns viele Gedanken machen, warum es bei uns nicht läuft. Der Kuchen muss anders aufgeteilt werden, aber er muss ganz dringend auch das Kino bewusster füttern.

Iris Berben (r.) in einer Szene aus „Triangle of Sadness“. Foto: Fredrik Wenzel/Alamode
Iris Berben (r.) in einer Szene aus „Triangle of Sadness“. Foto: Fredrik Wenzel/Alamode © Fredrik Wenzel/Alamode

Schauspielerin Iris Berben: „Einen Plan hatte ich nie“

Gibt es denn, wenn Sie zurückschauen, Filmangebote, die Sie abgelehnt haben, was Ihnen heute leidtut?

Nein. Was ich abgelehnt habe, habe ich aus Überzeugung abgelehnt in diesen 52 Jahren, und bei dem, was ich gemacht habe, ist nichts dabei, wo ich sagen würde: Dafür schäme ich mich. Vielleicht wüsste man heute manches besser, aber ich war alleinerziehende Mutter, und ich habe gehandelt, wie ich es verstanden habe.

Auch das ist ein Talent, das man haben muss: die richtigen Stoffe finden.

Das war mir schon ganz früh wichtig. Ich wollte nichts machen, was dem widersprochen hätte, wie ich das Leben wahrgenommen habe. Einen Plan hatte ich nie, bis heute, und strategisch habe ich nie gedacht. Lange dachte ich, vielleicht studiere ich ja doch noch eines Tages Jura.

Dafür unterstützen Sie heute NGOs. Ist das nicht der gleiche Impuls? Gerechtigkeit schaffen?

Das hat mir auch mal jemand gesagt. Du hast deinen Traum nie aufgegeben. Mal verbal, mal finanziell, da unterstützt du die Menschen. Vielleicht muss man es auch so sehen. Ich finde, dass ich ein gutes Leben habe. (Interview: Daniel Kothenschulte)

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