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Maybrit Illner

„Maybrit Illner: Jugend demonstriert – Politik ignoriert?“, ZDF

Irgendwas mit Jugend

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Maybrit Illner will zeigen, dass die Forderungen der Jugend nicht ernst genommen werden – und nimmt sie selbst nicht ernst. 

Ach, diese Zeiten sind eine Farce. Seit Jahrzehnten gibt es keinen ernsthaften Generationenkonflikt mehr. Gut, hier mal ein Scharmützel über „Killerspiele“ und dort mal eine Kontroverse über die Überalterung der Kultur. Aber im Großen und Ganzen waren sich Eltern und Kinder seit 1968 eigentlich erstaunlich einig. Und dann gibt es sie endlich mal, die große Protestwelle der Jugend – und zwar zu zwei Themen, wie sie konsensfähiger nicht sein könnten. Stell dir vor, die Jugend geht auf die Straße, und alle Experten geben ihnen recht. Und was machen die älteren Politiker? Tätscheln und loben und von oben herab behandeln und nichts kapieren. Angesichts der Tatsache, dass diese Jugend eigentlich nur die Meinung der Wissenschaft und der gesellschaftlichen Mitte ausdrückt, macht diese abfällige Haltung nur umso erstaunlicher.

Aber beide Seiten wissen nicht mehr, wie so ein echter Generationenkonflikt geht. Wenn man 1968 vor laufender Kamera einen Jugendvertreter so patriarchalisch behandelt hätte, wie die konservativen Politiker und Meinungsmacher es hier mit den heutigen Jugendlichen tun – man hätte den Saal zermöbelt. „Ihr könnt ja mal in unsere Parteizentrale kommen und mit uns diskutieren, das würde euch mal guttun“ wären die letzten arroganten Worte aus dem Mund von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak gewesen, bevor er mit Farbe und Gemüse eingedeckt worden wäre.

Leider weiß auch die Maybrit Illner-Redaktion offenbar nicht mehr, wie man mit solchen Situationen umgeht. Anstatt eines der beiden Themen – Klimawandel oder Urheberrechtsreform – in der Tiefe und mit Fakten zu behandeln, wirft man beide in die gleiche Sendung, obwohl sie nicht das geringste miteinander zu tun haben. Und wird damit keinem von beiden Themen gerecht. Und der Jugend schon gar nicht. Der Untertitel der Sendung hätte auch lauten können: „Was will die Jugend – und wie können wir ihr möglichst arrogant unsere Meinung erklären, anstatt zuzuhören?“ Könnte es da einen Zusammenhang zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen geben, das mit seinem Zuschauer-Altersdurchschnitt von 62 Jahren seit Jahrzehnten gewohnt ist, die Jugend zu ignorieren?

Hier ist ein Urteil, das man wahrlich nicht oft aussprechen kann: Online funktioniert die Debatte wesentlich effektiver. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner macht sich auf facebook über den Schülerstreik lustig und mansplaint, dass Klimapolitik bitte Profi-Sache bleiben sollte? In kürzester Zeit bildet sich ein offener Brief von 23.000 Wissenschaftlern, die sagen: Wir sind die Profis, die haben recht, und du bist ein Schwachkopf. Ziemiak lästert per Tweet gegen die 16jährige schwedische Gallionsfigur Greta Thunberg? Er erntet einen Shitstorm, der ihn heftig zurückrudern lässt: Alles nicht so gemeint, ich bin ja eigentlich voll ihrer Meinung. Die CDU schert sich öffentlich einen Dreck um die Proteste der Netzgemeinde gegen die Urheberrechts-Reform? Junge Polit-Ikonen wie LeFloid rufen auf: „Hm, bei der nächsten Europawahl solche Parteien vielleicht mal abstrafen?“

Im Netz funktioniert der öffentliche Ideenaustausch also ausnahmsweise mal recht gut – bullshit wird schnell erkannt; und wer denkt, dass man der Öffentlichkeit ungestraft den Mittelfinger zeigen kann, der muss sich dann fragen, wo die nächsten Generationen an Wählern herkommen sollen. Apropos: Hatten die großen Volksparteien angesichts ihrer katastrophalen Umfragewerte nicht in den letzten zehn Sendungen angekündigt, das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen zu wollen? „Mit kompetenter Sachpolitik“? Achso, da ging es nur um desillusionierte arbeitslose Altwähler, keineswegs um die politisch aktiven, einflussreichen Stimmen einer neuen Wählergeneration. Na, herzlichen Glückwunsch.

Im Gegensatz zum Netz will der Diskurs im Fernsehen nicht so recht gelingen. Es fehlt einfach die digitale Sofortreaktion auf all den Unsinn, der geredet wird. Das Publikum ist vehement auf Seiten der Jugend, aber ein bisschen Applaus hier und da sind nicht das gleiche wie die tausendfache Veräppelung, die so mancher Wortbeitrag einfach verdient gehabt hätte.

„Welt“-Herausgeber und Waldorf-und-Statler-in-einer-Person Stefan Aust findet die Proteste „modisch“, genau wie damals die Demos gegen Vietnam. Sein absurdes Argument widerlegt sich selbst, weil ihm offensichtlich egal ist, wer damals historisch recht behalten hat. Aber in einer Polit-Talkshow gehen solche Idiotien einfach unter, anstatt ein halbes Dutzend Memes zu inspirieren, in denen Rudi Dutschke oder Martin Luther King mit einem dicken Urteil „MODISCH“ abgeheftet werden. Die Moderatorin selbst vergleicht in einem Moment geistiger Verwirrung Greta Thunberg mit Che Guevara, und anstatt einige tausend Foto-Gegenüberstellungen von der freundlichen schwedischen Brillenträgerin und dem charismatisch-mörderischen Guerilla-Kämpfer auszulösen erntet sie nur belustigtes Unverständnis.

Die Sendung ist einfach im Kern falsch angelegt: Sie beginnt als Klima-Talk, in der konservative Stimmen wie Ziemiak oder Aust versuchen, mit Ablenkungsfragen, Detailkritik und als Zustimmung verschleierter Nichtbeachtung die Stimmen der Jugend niederzutolerieren: „Ja, aber.“ Aber was ist denn mit der Versorgungssicherheit? Warum haben die Demonstranten denn nicht die perfekte Lösung schon parat? Wer kümmert sich um die Verlierer solcher Reformen? Es ist ja nicht so, dass wir nichts tun. Und überhaupt: Was wir tun ist eh egal, weil Ostasien ja doch alles kaputtmacht. Jede dieser Sätze hätte eine digitale Replik verdient, die sich gewaschen hat. Das wäre erhellender, prägnanter, effektiver und ehrlich gesagt auch unterhaltsamer gewesen.

Im Fernsehen darf Eckart von Hirschhausen zurecht darauf hinweisen, dass die „Verlierer“ bald ganz andere Probleme haben werden, wenn es keine radikale Lösung der globalen Umweltkrise gibt. Aber sein Soundbite „Sie reden von Arbeitsplätzen, was ist mit Lebensplätzen?“ fällt etwas flach aus. Im Internet hätte man Ziemiak kurzerhand in eine versandete Klimawüste ge-photoshopt und ihn über die Arbeitslosigkeit der Kohlearbeiter jammern lassen. Und Carla Reemtsma darf einmal einen schönen Uppercut landen, wenn sie Ziemiak fragt: „Erwarten sie jetzt von den 14-15-16jährigen, dass wir Ihnen die fertigen Konzepte liefern? Sie haben einen Beraterstab, sie haben Wissenschaftler...“ Das ist alles völlig richtig. Noch richtiger wäre gewesen aufzustehen, ihn anzuschauen und ihn zu fragen, wofür wir Bürger ihn denn eigentlich verdammtnochmal bezahlen?

Stattdessen wird alles abgerbochen und neu aufgestellt: Die Sendung möchte urplötzlich noch über das europäische Urheberrecht diskutieren – wozu selbst Maybrit Illner nur die haarsträubende Überleitung einfällt: „Ein Thema, das damit zu tun hat, weil wir da auch nach Lösungen suchen.“ Wow. Irgendwas mit Jugend und Protesten... also gut, handeln wir es auch noch schnell ab.

Bei der Klimadebatte war kein Klimaforscher anwesend, der all diesen Schaumschlägern mal ein paar Fakten um die Ohren gehauen hätte. Der Vorteil beim Urheberrecht war, dass mit dem legendären Felix von der Laden (alias Dner) hier ein YouTuber anwesend war, der genau das machte. Unter seinem Worthagel knickte erst Aust ein, der sichtlich keine Ahnung von den Folgen der Reform hatte, und dann auch Ziemiak, der schnell versicherte, dass man die europäische Richtlinie zwar durchgedrückt hätte, aber in Deutschland natürlich eine ganz andere Lösung schaffen wollte, die... „Das ist eine Scheißlösung“, ruft Dner dazwischen. Endlich ist man auf dem Stand der Internet-Diskussion angekommen.

„Das Problem ist“, seufzte von Hirschhausen zwischendrin, „dass es bei diesen Themen ist, als würde man mit Vierjährigen diskutieren.“ Er meinte damit, und das ist das Bemerkenswerteste an der ganzen Sendung, die Politiker, nicht die jungen Menschen. Und er hatte recht. Vierjährige aber haben bei ernsthaften Diskussionen im deutschen Fernsehen nichts verloren. Ihre halbgaren Argumente sollten im Netz für Belustigung sorgen, und nicht von einer etablierten Talkshow als legitime Meinungen präsentiert werden.

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