TV-Kritik: Anne Will

Interessant und vergnüglich

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Werden nur die Reichen immer reicher? Dieser Frage widmete sich die Talkrunde bei Anne Will. Die Debatte war dieses Mal nicht nur interessant, sondern auch vergnüglich.

Thema war bei Anne Will: „Boomende Börse, große Erbschaften – Werden nur die Reichen immer reicher? Teilnehmer der Diskussion waren die ZEIT-Journalistin Julia Friedrichs, der Chef des Wirtschaftsteiles der Sonntags FAZ Rainer Hank, Steuer- und Erbschaftsanwalt Wolfgang Kubicki, der Staatssekretär im Finanzministerium Michael Meister und Ralf Stegner, stellvertretender Vorsitzender der SPD.

Von der boomenden Börse war keine Rede, die Frankfurter Demonstrationen anläßlich der Einweihung des EZB-Gebäudes wurden kurz angesprochen. Doch dann ging es schnurstracks aufs eigentliche Thema zu: die sehr ungleiche Besteuerung von Arbeit, Kapital und Vermögen in Deutschland. Dazu kommen noch die 250 Milliarden Euro, die in Deutschland jährlich vererbt werden. Die Konzentration ist immens: 850 Personen erben 30 Prozent dieses Betrages. Ein Prozent der Vermögenden verfügt über 30 Prozent des Vermögens in Deutschland, 50 Prozent der Vermögenden über ein Prozent. Die Vermögenssteuer wird seit 1997 ausgesetzt. Man sieht zu wessen Gunsten da Politik intervenierte. Die Obergrenze der Einkommenssteuer wurde auf 42 Prozent gesenkt. Die Steuern auf Löhne und Gehälter wurden nicht gesenkt.

Diese Zahlen zog niemand in Zweifel. Auch Kubicki fand es nicht richtig, dass Kapitaleinkünfte weniger stark als Arbeitskünfte besteuert werden. Gestritten wurde über die Interpretation. Stegner zeichnete Deutschland als ein Land mit verfallender Infrastruktur, mit ungenügenden Bildungseinrichtungen, ein Land, in dem inzwischen mehr als 10 Prozent unter der Armutsgrenze leben, ein Land der Reichen mit einem armen Staat. Meister intervenierte an dieser Stelle. Der Staat sei selten so reich gewesen wie zur Zeit, Deutschland gehe es gut. Hank sieht nichts Schlimmes darin, wenn Eltern ihre Kinder versorgen.

Julia Friedrichs meinte, sie wolle nicht in einer Gesellschaft leben, in der die Herkunft darüber bestimmt, was aus einem wird. Mit ein wenig Abstand betrachtet war das die entscheidende Differenz bei Anne Will: Auf der einen Seite saßen die, die den Einzelnen und seine gesellschaftlichen Aufstiegschancen im Blick hatten. Ihnen gegenüber die, die die Familien als die entscheidende Einheit betrachteten. Erbschaftssteuer macht so gesehen keinen Sinn. Denn das Geld, das Eigentum, der Besitz soll in der Familie bleiben. Die Leistung besteht gerade darin, den Nachkommen ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

Dass das bedeuten würde, dass über Generationen hinweg die wesentlichen Entscheidungen in einer Gesellschaft von immer den selben Gruppen getroffen würden, wurde angesprochen, aber nicht scharf genug. Von Umverteilung wollte niemand sprechen. In Wahrheit aber gibt es ohne Umverteilung Stagnation. Die Klüngel, die dann entstehen, wenn über Jahrzehnte immer dieselben bestimmen, was wo gemacht wird, leben davon, ihre Besitzstände zu wahren. Sie reagieren nicht mehr auf technologische, organisatorische Innovationen. Denn sie sind in der Lage, deren Auswirkungen sich für eine viel zu lange Zeit vom Leib zu halten.

Gegen Ende wurde der Chef der DM-Märkte gezeigt, der seine Firmenanteile nicht an seine Kinder vererben, sondern in eine Gemeinnützige Stiftung überführen möchte. Kubicki lachte. Das sei nichts als ein sehr gerne genutzter Trick zur legalen Umschiffung der Erbschaftssteuer.. Stegner wirkte doch sehr schwach, als er dagegen hielt: „Danach sah es aber nicht aus.“

Einen Höhepunkt unfreiwilliger Komik gab es, als Rainer Hank uns aufforderte, Jane Austen zu lesen, um zu sehen, wie eine Gesellschaft sich transformiert. Er pries uns das neunzehnte Jahrhundert an. Bei Balzac könnte man sehen, wie die jungen Männer aus der Provinz nach Paris kommen und dort aufsteigen und eine reiche Erbin heiraten. Da war er vom Teufel seines Widerspruchsgeistes geritten, in Windeseile in ein völliges Abseits gehetzt.

Will war also diesmal nicht nur interessant, sondern auch vergnüglich.

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