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„ZDF Magazin Royale“: Böhmermann übt Selbstkritik

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Von: David Segler

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ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann geht mit den Öffentlich-Rechtlichen hart ins Gericht.
ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann geht mit den Öffentlich-Rechtlichen hart ins Gericht. © Screenshot ZDF Magazin Royal

Jan Böhmermann und sein Team widmen eine Ausgabe des ZDF Magazin Royale den Problemen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – und schauen dabei auch auf sich selbst.

Es sind ohnehin keine einfachen Zeiten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und dann muss sich ausgerechnet auch noch „Kinderchor-Star“ Tom Buhrow zu Wort melden. Seine merkwürdigen Ausführungen jüngst im Hamburger Überseeclub waren ebenso wenig konkret wie zielführend, abgerundet mit dem völlig widersinnigen Statement, er mache diese Aussagen ja als Privatmensch und nicht als ARD-Vorsitzender. Was er nun eigentlich fordert? Schwer zu sagen, irgendetwas mit dem Label „Erneuerung“, wo es vor allem keine Denkverbote gegen dürfe.

Buhrows Ideen wurden erst am 03. November veröffentlicht, ein Tag vor Sendungsaufzeichnung vom ZDF Magazin Royale. Trotzdem finden sie Platz bei Jan Böhmermann und seinem Team, denn vor allem am Ende der aktuellen Folge hält der Moderator ein emotionales Statement, dass er die verkrusteten Strukturen des ÖRR nicht mehr aushält und es dringend einer Reform bedarf, um endlich die 50er Jahre hinter sich zu lassen – beteuert aber, diese Aussagen kämen rein von ihm als Privatperson …

Konstruktive Kritik am ÖRR: Böhmermann versucht es im „ZDF Magazin Royale“

Doch der Reihe nach. Das ZDF Magazin Royale, das immer mehr zu einer wichtigen Stimme im investigativen Journalismus wird (NSU-Akten, Fynn Kliemann etc.) widmet sich in der aktuellen Ausgabe dem schwer angeschlagenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dass der Redaktion dieses Thema durchaus wichtig ist, merkt man schon daran, dass es wie sonst üblich keine anderen (und oft eher albernen) Beiträge in der Sendung gibt. Nach der kurzen obligatorischen Musikeinlage („Apache“) vom Rundfunk Tanzorchester Ehrenfeld geht es die komplette Sendezeit um das komplexe und schwer zu überblickende Thema des – so heißt es immer wieder – eigentlich „staatsfernen“ ÖRR. Diese Sendezeit braucht es auch, um auf die wichtigsten Aspekte eingehen zu können, von denen die meisten vermutlich eine komplette Sendung vertragen könnten.

Wichtig und daher thematisch sinnvoll am Anfang steht die Differenzierung von dringend benötigter konstruktiver Kritik am ÖRR und den meist sehr lauten, aber völlig schwachsinnigen Beschimpfungen von den Nazis der AfD oder der Springer-Presse wie Welt, Bild und Co. Alarmierend, aber auch nicht sonderlich überraschend ist, dass sich deren Vorwürfe und Diffamierungen hier kaum unterscheiden. Böhmermanns Fazit dazu lautet dann auch folgerichtig „Ich lasse mir die Kritik an meinem ÖRR nicht von Demokratiefeinden kaputt machen.“

„ZDF Magazin Royale“: Böhmermann beleuchtet Probleme des ÖRR

Bei der Beleuchtung der zahlreichen Probleme der Sendeanstalten des Ersten oder auch des ZDF geht es dann um offensichtlichere Themen wie die Patricia Schlesinger Affäre, zu der sich auch Tom Buhrow sehr defensiv und merkwürdig geäußert hat (er habe „leider auch“ einen Massagesitz im Auto) oder die völlig veraltete Zusammensetzung der Rundfunk und Verwaltungsräte, wo Diversität auch im Jahr 2022 noch ein Fremdwort ist und zum Beispiel kaum Stimmen aus migrantischen Communities Gehör finden.

Vor allem aber ist der „staatsferne“ ÖRR in seinen Gremien oft prominent mit Politikerinnen oder Politikern besetzt, sei es Markus Söder (CSU) (der sich nicht zu schade ist, den ÖRR bei den Hetzern von der Bild zu kritisieren) oder Malu Dreyer (SPD). Und auch die anderen Vertreter:innen gehören oft einer Partei an.

SendungZDF Magazin Royale
BesetzungJan Böhmermann
GenreLate-Night-Show, Satire, Comedy
AusstrahlungsturnusJeden Freitag, 23.00 Uhr

Böhmermann beleuchtet Vetternwirtschaft im „ZDF Magazin Royale“

Stärker, weil bisher weniger beleuchtet, sind zwei andere Themengebiete. Zum einen die immer wieder schamlose Vetternwirtschaft. Hier ist vor allem ein Beispiel vom NDR eindringlich, bei der Funkhauschefin Sabine Rossbach offenbar familiäre Verbindungen spielen ließ, die dann zu abstrusen Beitragen im Programm führten, wie etwa über eine Frau, die behauptet, mit toten Hunden kommunizieren zu können. Da lässt sich Böhmermann die witzige Kommentierung dann doch nicht nehmen.

Wie so oft sind die Themen im ZDF Magazin Royale nicht neu, gewinnen aber durch aktuelle Aspekte und die kondensierte und satirisch überspitzte Darstellung an Gewicht. Das gilt etwa für die teils desaströsen Arbeitsbedienungen im ÖRR-System. Hier spart Böhmermanns Team auch nicht an Kritik am eigenen Sender, beim ZDF arbeiten fast 40 Prozent der Mitarbeitenden als freie Angestellte. Von sicheren Arbeitsverhältnissen oder Kündigungsschutz können sie nur träumen. Der MDR geht noch weiter und lagert einige seiner Bereiche an Sub- oder SubSub-Unternehmen aus. Nicht zuletzt aus der Folge zu Paketdiensten (damals noch im Neo Magazin Royale) ist weithin bekannt, dass Subunternehmertum wohl kaum zu besseren Arbeitsbedienungen führt.

ZDF Magazin Royale

Die Late-Night-Show mit Jan Böhmermann läuft jeden Freitag um 23.00 Uhr im ZDF. Hier können Sie die Folge in der Mediathek sehen.

Selbstkritik im ZDF Magazin Royale: Böhmermann liest Teambeschwerden vor

Nach der eingangs erwähnten Brandrede Böhmermanns gegen Ende folgt dann ein Element, das den Sendeanstalten allzu oft fehlt: Selbstkritik. Auch beim ZDF Magazin Royale läuft nicht alles glatt. Laut Böhmermann wurde in der letzten Woche eine anonyme Befragung unter Mitarbeitenden der Sendung durchgeführt, er liest einige der Beschwerden seines eigenen Teams vor. Dann beendet er die Sendung, bittet das Studiopublikum den Saal zu verlassen, weil es nun im Anschluss eine Betriebsversammlung geben soll.

Dass diese tatsächlich direkt nach Sendungsaufzeichnung stattgefunden hat, ist schwer vorstellbar und dient wohl eher als Schlussbild für diese Folge. Doch dass Böhmermann in seiner leitender Funktion selbstkritisch die eigenen Strukturen hinterfragt, ist eigentlich das mindeste, um ehrlichen Kritik zu üben. (David Segler)

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