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Reza und seine Frau, Reza Akhlaghirad und Soudabeh Beizaee.

„A Man of Integrity“

Der Tod im Goldfischteich

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Das meisterhafte Korruptionsdrama „A Man of Integrity“ des Iraners Mohammad Rasoulof.

Zu den Standardmotiven der Western-Mythologie gehört die Geschichte vom rechtschaffenen Bauern, dem ein Clan von Großgrundbesitzern das Leben zur Hölle macht. Fast jeder steckt mit den Mächtigen unter einer Decke, und der Sheriff mischt sich nicht ein. Bis zum Showdown ballt sich dem Publikum die Faust in der Tasche.

Man kann diese Geschichte leicht in die Gegenwart verlegen, und wie es auf den ersten Blick scheint, hat sich der iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof die nördliche Provinz seines Heimatlandes dazu ausgesucht. Reza, ein junger Familienvater, hat sich dort mit einer Goldfischzucht etabliert, seine Frau leitet die Dorfschule. Doch ein Großfabrikant dominiert die Region. Rezas Rechtschaffenheit lässt ihn Bestechungszahlungen konsequent verweigern. Erst landet er wegen einer Bagatelle für ein paar Tage im Gefängnis, dann sind alle Fische vergiftet. Die Firma will sein Land für ein Butterbrot, vergeblich sucht er die Hilfe der Behörden.

Auch visuell erinnert Rasoulofs „A Man of Integrity“ an einen finsteren Western. Statische Scope-Panoramen unter verhangenen Himmeln betonen die Unwirtlichkeit der Szenerie. Nur das Funkeln der Goldfische weist in eine andere Sphäre. Im Iran gelten sie als Glücksbringer, die man sich zum Neujahrsfest leistet. Kennt man die Biografie des Filmemachers ein wenig, kann man freilich kaum etwas anderes in ihnen sehen als ein Symbol für die Kunst und im Teich nichts anderes als ein Bild für deren begrenzte Freiheit. Mit seinem Kollegen Jafar Panahi war Rasoulof 2010 verhaftet und später unter Hausarrest gestellt worden. Von sechs Jahren Haft, zu denen er wegen Filmens ohne Genehmigung verurteilt wurde, verbüßte er eines. Überraschend konnte er 2011 mit seinem damals aktuellen Film „Auf Wiedersehen“ nach Cannes reisen und in den folgenden Jahren in Teheran und Hamburg leben. Anders als Panahi wurde er nicht mit einem Berufsverbot belegt. Seine Situation änderte sich erst im vergangenen Jahr. Rasoulof hatte sich geweigert, die Schnittauflagen der Zensur umzusetzen, und „A Man of Integrity“ unverändert in Cannes aufgeführt. Dass er den Hauptpreis der Sektion „Un certain regard“ gewann, versöhnte die Zensoren nicht; seit der Rückreise nach Teheran darf er das Land nicht mehr verlassen.

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Mit der Konsequenz, mit dem viele iranische Gesellschaftsdramen Konfliktsituationen durchdeklinieren, beschreibt „A Man of Integrity“ eine Charakterstudie in Unbeirrbarkeit. Ist es schon Verbissenheit, wenn sich jemand allen Tributen an die Korruption verweigert? Rasoulofs Haltung gegenüber der Zensur hat den Film mit der Realität verschmelzen lassen. „Man behauptet oft, dass Begegnungen mit der Zensur zu mehr Kreativität der Künstler führen“, erklärte er vor der Premiere. „Man muss indirekte Wege zu seinem Publikum finden ... Doch der Zensurmechanismus zwingt einen auf Seitenwege, und indem man ein manipuliertes Bild seiner selbst und einer Arbeit fertigt, die das Publikum ja nicht kennt, leitet man auch dessen Gefühle in andere Richtungen.“

Tatsächlich es wohl besonders eine Nebenhandlung gewesen, die Rasoulof schon während der Dreharbeiten Schwierigkeiten machte. Eine Familie, deren Tochter die von der Protagonistin geleitete Schule besucht, wird wegen ihrer Religion diskriminiert. Obwohl nicht gesagt wird, um welchen Glauben es sich handelt, gelang es Rasoulof erst kurz vor den Dreharbeiten, eine Schauspielerin zu finden, die bereit war, die Rolle der Mutter zu spielen. Als sie der Filmemacher fragte, warum sie sich entschlossen habe, erklärte die Frau, sie wolle damit gegen ähnliche Situationen protestieren, die sie in ihrem Bekanntenkreis erlebt habe.

Auch formal ist „A Man of Integrity“ eine Studie in Konsequenz. Es hat Tradition im iranischen Kino, ein Lehrstück mit aller gebotenen Statik zu konstruieren, diese aber durch die Qualität der Dialoge und des Schauspiels zugleich der Sichtbarkeit wieder zu entziehen. Rasoulof lässt nie die Holzkonstruktion durchscheinen, Reza Akhlaghirad und Soudabeh Beizaee vermitteln den Zusammenhalt des Paares jenseits der auf das Nötigste beschränkten Dialoge. Kostbar sind einzelne Szenen von visueller Metaphorik. Ein Angriff von Vögeln auf die Fischfarm erinnert an Alfred Hitchcock und kulminiert filmisch meisterhaft im Umschnitt auf das tragische Ereignis, das sie angelockt hat, die Tötung der Fische. Eine Höhle, in die sich der Protagonist immer wieder zurückzieht, wird auch zum Rückzugsort der Filmdramaturgie: In diesen metaphorischen Momenten kommt die sich sonst so konsequent aufbauende Spannung auf poetische Weise zum Stillstand.

Ist es möglich, in einer Diktatur als Künstler so konsequent zu bleiben wie der Protagonist? Die besondere Macht der iranischen Filmpolitik ist ihre Willkür. Niemand kann wissen, wie es mit Mohammad Rasoulof weitergeht.

Der Film

A Man of Integrity. Iran/F/D 2018.
Regie: Mohammad Rasoulof. 117 Min.

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