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Inspirationen aus dem Untergrund

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Von: D.J. Frederiksson

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Seit über 20 Jahre beleuchtet das deutsch-französische Magazin "Tracks" internationale Subkulturen. Zeit, mal wieder reinzuschauen.

1997 war ein kurioses Jahr. Die Menschheit landete kleine Roboterautos auf dem Mars und schaute zu, wie ein Boxer einem anderen das Ohr abbiss. In Schottland wurde ein Schaf geklont, und in Kyoto ein Klimaschutzabkommen unterzeichnet. In Indien starb Mutter Teresa, in Paris Prinzessin Diana. Es war das Jahr von „Titanic“, „Harry Potter“, den Spice Girls und den Teletubbies – aber das frisch geborene arte-Kulturmagazins „Tracks“ schaute lieber in den Untergrund, wo es gewaltig brodelte. Die ersten Folgen, ausgestrahlt im Januar 1997, behandelten Schock-Rocker wie Marilyn Manson und politische Bands wie Skunk Anansie.

1997 war auch das Jahr, als MTV Europe die Ambition aufgab, einen ganze Kontinent mit der neuesten Musik zu versorgen. 10 Jahre lang waren Ray Cokes, „120 Minutes“ und „Alternative Nation“ die bevorzugte Anlaufstellen für Musik-, Mode- und Kulturtrends aus den Sub- und Jugendkulturen – meist stellte sich erst später heraus, was davon kommende Trends werden und was internationale Kuriositäten bleiben sollten. Ab 1997 sprach MTV dann plötzlich deutsch, konzentrierte sich auf Grönemeyer und die Fantastischen Vier und hört irgendwann komplett auf, Musik zu spielen. Es wirkt absurd, dass ausgerechnet ein öffentlich-rechtliches Format den einstigen Jugendsender MTV beerben konnte, aber „Tracks“ war schon immer weiter voraus, tiefer im Untergrund und viel weiter draußen: Untergrundkultur in Asien, Mode in Afrika, Digitale Trends in den USA – alles, was bei „Tracks“ kam, war vielversprechend. Und wenn es nicht berühmt wurde, war es auch egal.

Und heute? Ein koreanischer Fotograph, der das ebenso rituelle wie glamouröse Leben seiner Kumpel aus der japanische Unterwelt in betörendem Schwarzweiß dokumentiert; ein indonesischer Trend zum extreme Vespa-Tuning, mitsamt bunter Müll-Verzierung; ein französischer Musiker, der auf der kleinen Insel Réunion die trance-hafte, traditionelle Malyoa-Musik aufmischt und von Kanye West remixt wurde; ein amerikanischer Künstler, der mit absurden Installationen und Apps moderne Digitaltechnik hochnimmt; und ein syrischer DJ namens „Hello Psychaleppo“, der die traditionelle Musik seiner Heimat neu mixt und auf die Tanzfläche bringt.

So sieht der Untergrund 2018 also aus: skurrile, unförmige Schulabbrecher, Einsiedler und Flüchtlinge, weit entfernt von jegliche Schönheits-Idealen oder gesellschaftlichen Standards, die sich einer fixen Idee, einer künstlerischen Vision mit Haut und Haar verschrieben haben. Sie alle bewohnen kleine kulturelle Nischen, von denen wir noch nie gehört haben und vielleicht nie wieder hören werden – erneut weiß keiner, welche Trends sich international durchsetzen und welche exotische Fußnoten bleiben werden. Aber darum ging es auch noch nie. Es ist die Existenz dieser Visionäre, die uns „Tracks“ vor Augen führen möchte: Schaut her, es gibt nicht nur die instagrammenden corporate-culture-Superstars. Wenn man genau hinschaut, dann gibt es sie noch, die Idealisten und Spinner, die Kunst und Mode und Musik machen, weil es ihnen ein tiefes Bedürfnis ist.

Manche wird man im Internet suchen und verfolgen; andere wird man wieder vergessen. Aber es ist gut, dass sie da sind. Es kann uns Mut geben, dass es auch in einer kommerziell durchgetakteten, digitalisierten Kulturwelt noch Nischen und Ecken gibt, wo Neues entsteht. Und egal, ob man sich in diesen Nischen niederlassen will oder nur Durchreisender bleibt oder ob man vielleicht selbst eine solche Nische aufbauen möchte – es ist gut, dass „Tracks“ uns zeigt, was derzeit alles möglich ist, sowohl in der Kultur als auch in der Arbeit eines echten Kulturmagazins.

   

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