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Marco Reus im Trainingslager in Marbella vor dem BVB-Clubslogan „Echte Liebe“.

TV-Kritik

„Inside Borussia Dortmund“ - faszinierender Einblick und Echte Liebe

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Aljoscha Pauses Doku-Serie „Inside Borussia Dortmund“ über die vergangene Saison gibt faszinierende Einblicke hinter die Kulissen des BVB wie auch des Profifußballs.

Wie im Rausch eilt das Team von Borussia Dortmund von Sieg zu Sieg, ein Tor ist schöner als das andere, die Musik entfacht entsprechende Euphorie: Erfolg in Bilder zu fassen ist nicht schwer. Interessant wird die Sache, wenn die Mannschaft Rückschläge verkraften muss, wenn erste Zweifel am Selbstvertrauen nagen, wenn sie innerhalb kurzer Zeit aus zwei Wettbewerben ausscheidet und am Ende sogar die angesichts von zwischenzeitlich neun Punkten Vorsprung sicher geglaubte Meisterschaft verspielt.

Aus Sicht der BVB-Anhänger und vieler neutraler Fußballfans wäre es selbstredend schöner gewesen, wenn Borussia Dortmund die letzte Bundesliga-Saison mit dem Titelgewinn beendet hätte, und vermutlich hätte auch Aljoscha Pause zum Abschluss seiner vierteiligen Doku-Serie „Inside Borussia Dortmund“ liebend gern Marco Reus und Co. mit der Meisterschale im schwarzgelben Konfettiregen gezeigt; aber die größten Bühnenstücke waren stets Tragödien.

„Inside Borussia Dortmund“ ist für Amazon Prime entstanden

Pause hat mit „Tom meets Zizou“ (2011) am Beispiel der Laufbahn von Thomas Broich einen sehenswerten Kinofilm über die Kehrseite des Profifußballs gemacht und mit „Trainer!“ (2013) eine Saison lang den Werdegang dreier junger Übungsleiter verfolgt. Anschließend hat er für den Streamingdienst Dazn die vierteilige Dokuserie „Being Mario Götze – Eine deutsche Fußballgeschichte“ gedreht; man kannte ihn also schon beim BVB. Trotzdem ist es alles andere als selbstverständlich, wie sehr ihm die Vereinsführung die Türen geöffnet hat, damit er hinter die Kulissen des Betriebs schauen kann. „Inside Borussia Dortmund“ ist für Amazon Prime entstanden; die erste Folge ist ab heute abrufbar, die weiteren gibt es an den kommenden Freitagen.

Die Serie dokumentiert die letzte Saison mit allen Höhen und Tiefen, aber sehenswert ist sie vor allem wegen der Sequenzen über den Vereinsalltag. Menschen aus Gelsenkirchen werden Pauses Arbeit zwar trotzdem boykottieren, aber selbst für die Fans des FC Bayern bieten die jeweils gut sechzig Minuten langen Episoden faszinierende Einblicke ins Profigeschäft, das bei Clubs dieser Größenordnung überall in Europa ähnlich aussehen dürfte.

„Inside Borussia Dortmund“: BVB hat eine große Tradition

Borussia Dortmund ist natürlich besonders interessant, weil der Verein eine große Tradition hat; hier ist selbst der Tape-Verband schwarzgelb, vom Clubslogan „Echte Liebe“ ganz zu schweigen. Die Vergangenheit, als der BVB 1956 und 1957 Deutscher Meister wurde und 1966 als erste deutsche Mannschaft einen europäischen Pokalwettbewerb gewann, lässt Pause in Form zeitgenössischer Aufnahmen und Interviews mit einstigen Clubgrößen einfließen; der Strukturwandel des Ruhrgebiets ist ebenfalls Thema.

Die Verwurzelung des Clubs im Bergbau ist zwar Geschichte, aber der Zeugwart zum Beispiel hat einst noch unter Tage gearbeitet. Dass der Zeugwart überhaupt zur Geltung kommt, ist ebenfalls Beleg dafür, wie wenig „Inside Borussia Dortmund“ trotz eindrucksvoller Bilder (Sebastian Uthoff) und großer Kinomusik (Schwarz) mit jenen Glamour-Reportagen gemein hat, wie sie im Umfeld des Profifußballs gern entstehen.

„Inside Borussia Dortmund“: Bombenanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus

Ein weiterer Aspekt, der zumindest die jüngere Geschichte des BVB von anderen Vereinen unterscheidet, ist der Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus im April 2017. Dieses Ereignis nimmt in der Auftaktfolge einen größeren Raum ein, weil nicht nur die Spieler, sondern in gewisser Weise der gesamte Club noch lange unter einer postraumatischen Belastungsstörung gelitten hat. Die Schilderungen des Busfahrers und der betroffenen Profis sind ein düsterer Kontrapunkt zu den Jubelbildern vom Auftakt. Weil die Aussagen für sich sprechen, kann es sich Pause leisten, auf einen Kommentar zu verzichten.

Roter Faden der knapp siebzigminütigen ersten Episode sind Aufnahmen aus dem Wintertrainingslager in Marbella (Januar 2019), als der BVB die Tabelle vermeintlich komfortabel anführt. Die Spieler ahnen, dass die Dominanz der übermächtigen Bayern nach sechs Meisterschaften in Folge endlich gebrochen werden kann. Sie haben also was zu verlieren; und prompt ist die vermeintliche Leichtigkeit dahin. Dass Mannschaft und Funktionäre auch in dieser Phase zum Interview bereit waren, ist mehr als ungewöhnlich.

„Inside Borussia Dortmund“: Marco Reus mit besonderer Rolle

Eine besondere Rolle spielt dabei Marco Reus, der in der letzten Saison nach längerer verletzungsfreier Zeit endlich zu dem Weltklassespieler geworden ist, der schon immer in ihm geschlummert hat; bis ihn eine erneute Verletzung zurückwirft. Die Gespräche mit dem Spieler sowie mit Physiotherapeut und Athletiktrainer über die behutsame Rückführung an die Mannschaft sind ähnlich interessant wie die Ausführungen von Trainer Lucien Favre, der offenbar den gesamten Verein beseelt hat.

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Wie vertrauensvoll die Beziehung zwischen Club und Pause gewesen sein muss, zeigt nicht zuletzt die Erlaubnis, dem Filmteam auch Zutritt zum Umkleideraum und somit zum sogenannten Allerheiligsten zu gewähren; und das nicht bloß zwischen den Spielen, sondern selbst während einer Halbzeitpause, allerdings ausgerechnet an jenem Spieltag, als der BVB eine 3:0-Führung gegen Hoffenheim vergeigte.

Ähnlich ungewöhnlich ist die Anwesenheit der Kamera bei einer Strategiesitzung des Kompetenzteams rund um Sportdirektor Michael Zorc; die Fachsimpelei mit Sebastian Kehl (Leiter der Lizenzspielerabteilung) und Matthias Sammer (externer Berater) verdeutlicht, warum der BVB dem großen Ligakonkurrenten FC Bayern derzeit nicht nur auf dem Platz überlegen ist.

Zur Serie: „Inside Borussia Dortmund“

vierteilige Doku-Serie, zu sehen bei Amazon Prime Video

ab 16.8., jeden Freitag eine neue Folge

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