+
Kunst und Arbeitswelt. Sandra Hüller in „Toni Erdmann“.

„Woche der Kritik“

Inhalt oder Form? Impuls!

  • schließen

Diesmal lautet das Thema „Lost in Politics – müssen Filme politisch sein?“ Ein hochaktuelles Motto, und dennoch mag es zunächst seltsam anmuten, denn: Muss Film überhaupt irgendetwas?

Von Jean-Luc Godard stammt der Satz: „The problem is not to make political films, but to make films politically.“ Diese Sentenz zitierte am Mittwochabend auch Filmkritiker Nino Klingler beim Auftakt der dritten „Woche der Kritik“, die parallel zur Berlinale stattfindet.

Diesmal lautete das Thema „Lost in Politics – müssen Filme politisch sein?“ Ein hochaktuelles Motto, und dennoch mag es zunächst seltsam anmuten, denn: Muss Film überhaupt irgendetwas? Doch erwies sich genau diese Fragestellung als spannend. Am Anfang stand eine Beobachtung: Denn die Gewinner des Vorjahres von Berlin („Fuocoammare“ von Gianfranco Rossi) und Cannes („I, Daniel Blake“ von Ken Loach) könnten als Beispiele dafür gelten, dass zunehmend Filme ausgezeichnet werden, die als politisch wichtig gelten, weil sie ein aktuelles Thema haben. Ausschnitte aus beiden Filmen und aus „Deephan“ von Jacques Audiard, der 2015 damit den Wettbewerb in Cannes gewann, wurden ausgewählt, weil sie ihren Inhalt über ihre Form stellen.

Klingler sagte in seiner Einführung, diese Filme wollen nichts entdecken, sie wüssten schon, was sie zeigen wollten, bevor sie sich auf die Suche machten. Er kritisiert „Fuocoammare“ auch deshalb, weil Rossis Arbeit als wichtiger Film über Geflüchtete gesehen wird, seine Protagonisten aber dennoch ausstelle. So wird eine Frau gezwungen, ihr Kopftuch vor zwei Kameras abzunehmen – der von den Polizisten und von Rossi.

In der Debatte, an der unter anderem die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari und der Philosoph Alexander Garcia Düttmann teilnahmen, fragte man vor allem auch, ob es nicht gefährlich für den Film sei, seinen Inhalt über seine Form zu stellen. Dafür hätte er als Beispiel den jüngsten letzten Oscar-Gewinner „Spotlight“ nennen können, der inhaltlich akkurat und zweifellos wichtig ist, aber kaum eine eigene Bildsprache entwickelt.

Erwartungsgemäß fand sich in der Debatte keine Lösung – zumal sie an der Uneinigkeit darüber krankte, was eigentlich genau diskutiert werden sollte. Moderator Rüdiger Suchsland fragte dann auch, ob es überhaupt irgendetwas gebe, das nicht politisch sei. Tsangari hat die Erfahrung gemacht, dass es in diesen Zeiten schwer ist, nicht politisch zu deuten oder zu handeln. Ihr Film „Chevalier“ spielt größtenteils auf einem Boot, in dem ausschließlich junge Männer sitzen. Allein deshalb, so habe man ihr gesagt, ihre Arbeit sei sehr politisch – eine Frau macht einen Film über Männer...

Wenn man sich am Ende auf irgendetwas einigen konnte, dann darauf, dass der alles überstrahlende „Toni Erdmann“ von Maren Ade ein Beispiel dafür sei, wie man politisches Kino machen kann, ohne dass der Inhalt klar politisch konnotiert sein muss: eine Vater-Tochter Geschichte, die zugleich viel über aktuelle Konzern-Politik und Europa erzählt. Düttmann formulierte den Anspruch, das Politische in einem Film solle keine Intention sein, sondern eine Art Impuls. Etwas, dass einen von hinten überrolle und erst dann erkannt werde. Dazu braucht es wohl Zustände, in denen etwas für den Filmemacher nicht mehr aushaltbar ist. Dann können – im Sinne von Godard – Filme auf politische Art entstehen anstatt politische Filme.

Woche der Kritik: bis 16. Februar. Berlin, Hackesche Höfe Kino. www.wochederkritik.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion