Jana Liekam (Paula Beer) steht vor einer großen beruflichen Herausforderung.
+
Jana Liekam (Paula Beer) steht vor einer großen beruflichen Herausforderung.

"Bad Banks", Arte

Immer weiter so

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
    schließen

"Bad Banks": Christian Schwochow und Oliver Kienle erzählen dynamisch von einer dynamischen Branche ohne Skrupel.

Es beginnt mit einem Zusammenbruch. Im langen Flur, auf dem Boden verstreut nun sinnlos gewordene Papiere, trifft Investmentbanker Gabriel Fenger seine junge Kollegin und fragt sie verzweifelt: „Warum, Jana?“ Warum hat sie, die doch so etwas wie sein Mündel im Job ist, das große Geschäft platzen lassen, hat der Bank, ihrer Bank, den tödlichen Stoß versetzt? Ihr Chef bekommt keine Antwort, kann keine Antwort bekommen, denn Jana Liekam weiß es selber nicht.

Die Anfangsszene ist Vorgriff auf ein späteres Geschehen, doch dieses „Warum“ und die ausbleibende Reaktion durchziehen als Grundton die gesamten sechs Folgen der Serie „Bad Banks“ von Christian Schwochow, Regie, und Oliver Kienle, Drehbuch (Headautor). Sie haben, zehn Jahre nach der Pleite der Lehman Brothers, noch einmal zu verstehen versucht, was da geschehen ist, haben sich in das Labyrinth aus Kapital-Kauderwelsch und Kontobewegungen begeben. Und erzählen davon auf eine außergewöhnlich mitreißende und – angesichts der abstrakten Materie – auch unterhaltsame Weise. Dabei muten sie den Zuschauern zu, sich auf ein schier undurchschaubares Sujet und dessen Codes einzulassen: „Bad Banks“ ist so anspruchsvolles wie zeitgemäßes Fernsehen, ein erneuter Beleg dafür, wie differenziert Geschichte und Charaktere entwickelt werden können, wenn das Standard-Format des „Tatort“ aufgebrochen wird.

Das Grundgerüst der Handlung ist dabei recht unkompliziert: Eine erfahrene Bankerin lässt eine junge Kollegin feuern, um ihr umgehend einen Job bei der Konkurrenz zu vermitteln – nicht ohne Hintergedanken selbstverständlich, denn die Chefin will mehr als ihre jetzige Position. Sie will auch die andere Bank. Sie will: alles.

Um dieses Ziel zu verfolgen, muss sie die ehrgeizige Jung-Bankerin und deren Kollegen verschieben wie Figuren auf dem Schachbrett. Und aus diesen Zügen – und den Gegenbewegungen der Untergebenen – erwächst die von Oliver Kienle (und seinen Co-Autoren Jana Burbach und Jan Galli) geschaffene Spannung. Frank Lamms Kamera, immer in Bewegung und oft im Wechsel von Nahaufnahme zu Halbtotalen, verstärkt Tempo und Dynamik der Handlung, die Musik ist zeitgemäß und unaufdringlich.

Jana Liekam (Paula Beer) ist eine mutige, eine selbstsichere junge Frau. Sie will etwas werden im Banking Business. Sie ist risikofreudig, wirkt überzeugend, wenn sie ihrem neuen Chef Gabriel Fenger (Barry Atsma) ein Geschäft vorschlägt. Der stützt sie, fordert: „Weiter so!“ Und sie ist erfolgreich, auch weil ihr eine gewisse Härte eignet. Der Beruf geht vor, das müssen nicht nur ihr Freund und dessen Tochter spüren, sondern auch die Männer, die ihr Avancen machen. Zur Askese passt die Kleidung: Hochgeschlossene weiße Bluse unter dunklem Tuch – eine Nonne des Kapitalismus.

Paula Beer bringt das Angespannte unter der Maske der Beherrschung gekonnt zum Ausdruck, so dass ihre emotionalen Ausbrüche umso überzeugender wirken. Kein Wunder, dass die 23-Jährige gerade einen Karrieresprung erlebt (Hauptrollen in François Ozons „Frantz“ und jetzt in Christian Petzolds „Transit“). Hier steht sie sechs Folgen lang im Zentrum, und Regisseur Schwochows kann sich darauf verlassen, dass sie die Last der ständig präsenten Hauptdarstellerin schultern kann.

Und nicht nur auf sie. Barry Atsma als charismatischer Chef der Investment-Banker verkörpert die Ruhelosigkeit, das Getriebensein, aber auch die Dynamik seines Jobs mit energisch körperlichem Spiel. Albrecht Schuch als Abweichler Adam Pohl macht glaubhaft, dass ihm Krawattenknoten und Anzug zu eng sitzen. Ihnen gegenüber wirkt Désirée Nosbusch als dunkelgraue Eminenz, die sich Ausdruckslosigkeit als bevorzugte Reaktion auf die Zumutungen ihrer Kollegen über Jahrzehnte antrainiert hat.

Die Frauen sind die Stärkeren in diesem Kampf um Macht und Erfolg. Die Männer erweisen sich ein ums andere Mal als Schwächlinge, sei es strategisch, sei es weil sie ihren Süchten folgen, Sex, Alkohol und Koks. Dass Fenger und sein Chef Quirin Sydow (Tobias Moretti) sich wegen einer verstorbenen Geliebten prügeln, ist ein fast schon zu deutlicher Hinweis auf die Unterlegenheit der Spezies Mann, der von den Hahnenkämpfen nicht lassen kann.

Die Besäufnisse und Orgien sind nur der hilflose Versuch, aus den Zumutungen des Berufs für kurze Zeit auszubrechen, den Termin zu vergessen, zu dem sie „closen“ müssen. Tagsüber hocken sie in gläsernen Bürotürmen, die Transparenz vorgaukeln, während die Geschäfte im Dunkeln gemacht werden, abends in gläsernen Wohnkuben, deren edles Mobiliar nicht über Einsamkeit hinwegtäuschen kann. Tatsächlich hat diese Generation keinen Feierabend – und auch kein weitergehendes Interesse. Politik oder Fußball kommen hier kaum vor. Ameisenmäßig rödeln sie vor ihren Computern in dieser Hölle von Großraumbüro, wo nachts schon mal die Ratten über den Schreibtisch huschen, Eindringlinge aus der realen Welt.

Das Bedürfnis nach Katharsis

Die Händler hecheln immer weiter auf ihrer Jagd nach dem nächsten Abschluss. Sie wissen wohl, was sie tun, aber sie wissen nicht, warum sie es tun. So muss der skrupellose Banker Ties Jacoby seinen Sohn Luc, der sich der Liebe wegen von Deals und Drogen abwenden will, darüber aufklären, dass jede Sinnsuche vergebens sei. „Ich weiß es nicht“, sagt Jana, als die Rede darauf kommt, warum sie weitermacht. Für Selbstfindung bleibt keine Zeit, sonst liefe sie Gefahr, in ein Vakuum zu blicken, wo sie das Ich vermutet.

Bisweilen scheinen Regie und Drehbuch doch Moralvorstellungen auf den Leim zu gehen, wenn die Investmentbanker als Krämerseelen gezeigt werden – die vor allem ihre Skrupellosigkeit von Wurstverkäufern unterscheidet. Und der Zusammenbruch der unschwer als Abbild der Deutschen Bank erkennbaren „Global Investment“ scheint zu bestätigen: Auch die White-Collar-Gauner kommen nicht durch mit ihren Betrügereien. Aber das Bedürfnis des Publikums nach Katharsis, Gesetz in deutschen Fernsehkrimis, wollen Schwochow und Kienle dann doch nicht bedienen. Denn die Realität hat es ja bewiesen: Es geht immer weiter so.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare