1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„L’Immensitá“, „Bones and All“, „Master Gardener“: Die Blumen des Bösen

Erstellt:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Taylor Russell und Timothée Chalamet in „Bones and All“.
Taylor Russell und Timothée Chalamet in „Bones and All“. © Yannis Drakoulidis / Metro Goldwyn

Verführerisches zwischen Kunst und Genre: Das Filmfestival Venedig mit einer strahlenden Penélope Cruz in „L’Immensitá“ von Emanuele Crialese, Blutigem von Luca Guadagnino und Meisterlichem von Paul Schrader.

Schönheit ist vergänglich, aber nicht für alle. Das ist ungerecht, aber auch erfreulich, wenigstens für das Publikum von Penélope Cruz. Sieht man sie auch noch in einem italienischen Film wie „L’Immensitá“ von Emanuele Crialese, der in den siebziger Jahren spielt, erinnert sie dabei an eine andere in dieser Hinsicht stets Begünstigte – die große Sophia Loren. Als liebevolle Mutter von drei Kindern, die sie vergeblich vor den Trümmern ihrer zerfallenden Ehe schützen will, spielt Cruz tatsächlich eine Rolle, die in dieser Zeit auch die römische Diva hätte spielen können.

Aber vielleicht nicht ganz so gut. Denn die lebensvolle Energie einer Frau, die sich während eines Dinners lieber zu den zu Streichen aufgelegten Kindern unter dem Tisch gesellt, ist gleichfalls endlich. Und so wird schließlich neben der Ehe die eigene Depression zur mühsam versteckten Tragödie.

Doch ebenso wenig wie sich potemkinsche Dörfer endlos aufrechterhalten lassen, kann eine großartige Hauptdarstellerin die Schwächen eines Films im Alleingang vergessen lassen: Völlig unterbelichtet ist die Rolle des von Vincenzo Amato gespielten Vaters, eher aufgesetzt eingestreute musikalische Traumsequenzen im San-Remo-Stil. Und auch der wichtige Nebenstrang der Tochter, die sich als Junge fühlt, hätte weit mehr in den Vordergrund gehört.

Manchmal wird das Schönste am Venedig-Festival – die überall spürbare Erinnerung an die Glanzzeit des italienischen Kinos – eben auch zur Bürde: als Messlatte in unerreichbarer Entfernung.

Wieder da ist die im vergangenen Jahr auf Eis gelegte Klassiker-Sektion mit restaurierten Fassungen. Dazu gehört Luciano Salces in Vergessenheit geratene Komödie „Lockende Unschuld“ („La voglia matta“) von 1962. Es ist eine Art unechter Fellini im Gewand eines scheinbar federleichten Unterhaltungsfilms. Ugo Tognazzi spielt einen alternden Ingenieur, der auf einer Autofahrt von einer Horde junge Leute aufgehalten wird. Verwirrt durch die schelmischen Schein-Avancen einer 16-Jährigen (gespielt von der im vergangenen April verstorbenen Catherine Spaak) wird er zum hilflosen Spielball der Gruppe.

Es ist eine Art Nachmittags-Version von Federico Fellinis „Dolce Vita“ – ohne die Melancholie dieses Films, aber mit erstaunlich scharfem Blick für die neue Jugendkultur. Während Tognazzi versucht, mit einer Kriegs-Erinnerung zu punkten, hören die Jugendlichen amüsiert die 45er-Single einer Hitler-Rede als schrille Kuriosität neben den Schlagern der Saison.

Aber die kreischenden Teenagerinnen des letzten Jahres sind auch wieder da, und wieder kommen sie nur für Timothée Chalamet. In „Bones and All“ von Luca Guadagnino gibt der Hollywoodstar mit Taylor Russell das vielleicht verstörendste Kino-Liebespaare seit „Wild at Heart“. Eine merkwürdige Veranlagung führt sie zusammen, die sie zu einem Leben im Untergrund verdammt – sie sind Kannibalen. Anders als Vampirismus ist das zwar nicht ansteckend, aber dafür lassen sie auch nichts von ihren Opfern übrig, das weiteren Schaden anrichten könnte.

„Mit Haut und Haaren“ könnte man den Titel übersetzen, doch das ist eine Variante, die sie einem wirklich gruseligen Artgenossen überlassen, der zu einem lästigen Weggefährten wird. So sinnlich wie sein Film „Call Me By Your Name“ und so Genre-verliebt wie in seinem „Suspiria“-Remake verbindet Guadagnino beider Filme Qualitäten zu einer tiefschwarzen Romanze. Oder vielleicht sollte man lieber sagen: tiefrot.

Es ist wohl der bislang umstrittenste Wettbewerbsfilm dieser Venedig-Ausgabe, aber eine würdige Fortschreibung einer filmhistorischen Linie im phantastischen Kino: Von Todd Browning und Jacques Tourneur führt sie zu Dario Argento und David Cronenberg. Wie diese Meister nimmt auch Luca Guadagnino das Abseitige derart ernst, dass man es beim Zuschauen fast in der Wirklichkeit verortet.

Paul Schrader hat es nicht ganz so weit, wenn er das Abseitige in der Gegenwart verortet, er findet es in den finsteren Vorgeschichten seiner gebrochenen Helden. Der 76-jährige „Taxi Driver“-Autor und Regisseur von Klassikern wie „Mishima“ wird in diesem Jahr mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk geehrt. Ein größerer Tribut wäre wohl ein echter Löwe für „Master Gardener“, doch leider läuft der krönende Abschluss einer Trilogie über Schuld und Vergebung außer Konkurrenz.

Schauspieler Joel Edgerton beackert darin so gewissenhaft die kostbare Landschaftsarchitektur eines Südstaaten-Anwesens, wie in den Schrader-Vorgängerfilmen „First Reformed“ und „The Card Counter“ Prediger und Spieler ihrer Dinge walteten. Die von Sigourney Weaver gespielte Patriarchin des Anwesens hält ihn wie einen bezahlten Lakaien – wohl auch, weil sie sich von den verstörenden Tätowierungen auf seinem Oberkörper angezogen fühlt. Doch von welcher Geschichte auch immer das Erbe aus Tinte kündet – erst die Begegnung mit einer jungen Drogenabhängigen, der verhassten Nichte seiner Chefin – lässt die Fassade bröckeln.

Paul Schrader, diesem großen Literaten unter den US-amerikanischen Filmautoren, gelingt mit „Master Gardener“ ein finster-verführerischer Gegenentwurf zu „Lady Chatterleys Liebhaber“. Und er sorgt damit dafür, dass noch immer Qualitätsmesslatten für die Zukunft weit oben hängen bleiben.

Penélope Cruz und Laura Giuliani in „L’Immensitá“. Foto: Angelo Turetta
Penélope Cruz und Laura Giuliani in „L’Immensitá“. Foto: Angelo Turetta © Angelo Turetta

Auch interessant

Kommentare