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Szene aus Shirley Clarkes „The Cool World“.

Festival Locarno

Wie man imaginäre Räume öffnet

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Das Festival Locarno würdigt Pedro Costa, einen zu wenig bekannten Großmeister des Autorenfilms. Und die Retrospektive zum Schwarzen Kino schreibt Filmgeschichte neu.

Es war der überragende Film bei diesem Festival, ein Kunstwerk, das jeden Rahmen sprengt und doch keinen Augenblick in seiner Konzentration nachlässt: „Vitalina Varena“, der Beitrag des Portugiesen Pedro Costa, gewann hochverdient den Goldenen Leoparden von Locarno. Alles andere wäre ein Affront gewesen, doch wer Festivals kennt, der weiß auch, dass die besten Filme nur selten die Hauptpreise gewinnen, insbesondere, wenn sie von berühmten Regisseuren stammen.

Dass der Sechzigjährige, der seit fast zwanzig Jahren immer wieder in Locarno präsent war, bislang nie gewinnen konnte, vergrößerte seine Chancen nicht. In Jurypräsidentin Catherine Breillat fand er am Samstagabend freilich eine enthusiastische Laudatorin: Für die französische Kollegin steht sein Film „Außerhalb jeder Preiskategorie“. Und auch Vitalina Varena, die Hauptdarstellerin und zugleich Namenspatronin der Titelfigur, siegte für eine Performance von rätselhafter Tiefe.

Wieviel brachte sie selbst ein in diese Reise einer Frau aus Kap Verde nach Lissabon, zum Begräbnis des Mannes, der sie vor einem Vierteljahrhundert verlassen hat? Es ist eine Reise gegen die Zeit. Auch wenn sie zu spät kommt für den eigentlichen Anlass, materialisiert sich doch Verlorenes, setzt sich zusammen aus Erinnerungen und Begegnungen mit Weggefährten. Im malerischen Halbdunkel der Fotografie wird Unbewusstes schemenhaft sichtbar, Reelles verliert seine Eindeutigkeit und die Grenze zum Jenseitigen verschoben.

Der Regisseur und seine Hauptdarstellerin und Titelfigur: Pedro Costa, Vitalina Varela

Wie Breillat schon sagt: Costas Filmschaffen steht außerhalb der üblichen Kategorien des Films: Realität und Fiktion verschmelzen in der Arbeit mit wirklichen Menschen an wirklichen Orten. Auch die Slums der westafrikanischen Minderheit in Lissabon markieren für viele eine Grenze, den sogenannten „Rand der Gesellschaft“. An diese Ränder vorzudringen gehört seit jeher zu den Arbeitsfeldern aufklärerischer Filmemacher und Fotografen, doch Pedro Costa ist alles andere als ein Realist. Die Grenzen, die er überwindet, sind auch die des Kinos: Mit minimalistischer Lichtsetzung bereinigt er Spielräume vom Ballast der Details und öffnet imaginäre Räume – gerade dann, wenn die Todesnähe in den Geschichten eine weitere Grenze in die Nähe rückt.

In der ersten Riege der Filmkünstler der Gegenwart, ganz gleich wie eng man diesen Zirkel fasst, hat Pedro Costa seit Jahren einen festen Platz. Und doch ist Portugals berühmtester lebender Regisseur auch noch immer ein Geheimtipp, deutsche Kinos erreichte er fast nie. Lediglich nachdem er mit „Horse Money“ 2014 den Hauptpreis im Münchner Filmfest gewonnen hatte, sorgte der engagierte Verleih Grandfilm für einen kleinen Kinostart dieses früheren Dramas aus der Lebenswelt der westafrikanischer Migranten in Lissabon. Es wäre mehr als wünschenswert, Costas Kino der Dunkelheit nun dort zu entdecken, wo es hingehört: im Kino.

Der würdige Gewinner krönte eine denkwürdige Festivalausgabe, mit der sich die neue Leiterin Lili Hinstin auf einen Schlag etabliert hat. Der Blick über den Tellerrand des Eurozentrismus prägte alle Programme, insbesondere die exzellente Retrospektive über „Black Light“ über Schwarzes Kino – ein Themengebiet, so breit gefasst, dass es einer Definition bedurfte. Dies geschah über die von Kurator Greg de Cuir Jr stets persönlich eingeführte Filmauswahl. Afrikanisches Kino fehlte fast vollständig, da die politische Debatte über Schwarze Identitäten im Wesentlichen in den Amerikas und in Europa geführt wurde.

Der früheste Film war naturgemäß Oscar Micheaux’ Stummfilm „Within Our Gates“, der erste Langfilm eines afroamerikanischen Regisseurs. Die Selbstfindungsgeschichte einer jungen Schwarzen, deren Kampf für Chancengleichheit im Bildungswesen nicht nur unter Weißen auf Ablehnung trifft, war schon 1920 mehr als ein Beitrag zur politischen Diskussion. Gerade in formaler Hinsicht schuf Micheaux einen Gegenentwurf zu David Wark Griffith’ bevorzugtem dramaturgischen Konzept, der Rettung bedrängter weiblicher Unschuld in letzter Minute. Eine lange Rückblende gemahnt an die vorausgegangenen Lynchmorde im Süden, war doch der Ku-Klux-Klan erst in der Nachfolge des Griffith-Films „Die Geburt einer Nation“ neu gegründet worden.

Nicht weit vom Micheaux’ Geburtsort im Mittleren Westen der USA entstand auch der jüngste Film der Reihe, der dokumentarische Experimentalfilm „still/here“ (2000) des Künstlers Christopher Harris. Schwarzweißaufnahmen verfallener Gebäude in einem heruntergekommenen, von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil von St. Louis stehen in der Tradition von Walker Evans’ artifizieller Sozialfotografie und sind zugleich frühe Warnungen vor der Gentrifizierung.

Zwischen diesen Filmen führte die Reihe Werke unterschiedlicher Genres zusammen, nicht ausschließlich von schwarzen Filmemachern, aber virtuos zwischen Klassikern und Entdeckungen pendelnd. Mehr als jedes andere große Filmfestival bemüht sich Locarno dabei, die originale Materialität der Filme zu achten: In einer erlesenen 35mm-Kopie etwa konnte man ein Werk der amerikanischen Experimentalfilmerin Shirley Clarke wiederentdecken.

„The Cool World“, 1963 entstanden, führt semidokumentarisch in die Lebenswirklichkeit von Jugendbanden in Harlem. Die ehemalige Avantgarde-Tänzerin Clarke engagierte Dizzy Gillespie für den Soundtrack. Unentwirrbar verwoben zwischen Dokument und Inszenierung, gelingt Clarkes Film eine Choreografhie der Realität. Und führt das Kino in eine Richtung, die noch immer die Avantgarde inspiriert – wie der Goldene Leopard für Pedro Costa beweist.

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