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Chloé Zhao, die Regisseurin des Films „Nomadland“ und Gewinnerin des Goldenen Löwen.

Filmfestspiele Venedig

Im Herz der Finsternis

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Mit einem Goldenen Löwen für das amerikanische Sozialdrama „Nomadland“ endet eine denkwürdige Ausgabe des Venedig-Filmfestivals.

Auch wenn Hollywood diesmal nicht nach Venedig kam, gibt es doch einen amerikanischen Gewinnerfilm – allerdings einen, der nicht im Studio entstand. „Nomadland“, das semidokumentarische Road-Movie über den aus der Not geborenen Pioniergeist von Menschen, die in Wohnmobilen leben, gewann am Samstag den Goldenen Löwen.

Es ist ein wichtiger und imponierender Film, der den vergessenen Verlierern des Kapitalismus eine Stimme gibt, Rentnern, die aus ihren Häusern ausziehen mussten und nun noch einmal zu amerikanischen Pionieren werden. Trotz ihrer prekären Lebenssituation entdecken viele von ihnen noch einmal die Schönheiten der amerikanischen Landschaften, schwärmen ohne Zweckoptimismus von ihrer neuen Freiheit.

Frances McDormand, die große Charakterdarstellerin, hat den Film produziert und spielt selbst eine der Realität lediglich nachempfundene Filmfigur: eine arbeitslos gewordene Fabrikarbeiterin, die nun in Amazons Versandstationen oder als Erntearbeiterin schuftet. Sie ist Anker- und Schwachpunkt des Films zugleich, ihre Szenen treten in Konkurrenz zur Authentizität, die Regisseurin Chloé Zhao um sie herum einfängt.

Auch in der gemeinsamen Dankesbotschaft, die per Video bei der Preisverleihung eingespielt wurde, redete fast nur der Star. Dabei ist die 38-jährige Zhao eine Filmkünstlerin, der die Zukunft gehört, schon 2017 bewies sie mit „The Rider“ ein Auge für die Zeitlosigkeit der Western-Ästhetik, die nun wiederkehrt. Ihr nächster Film, der aufwändige Marvel-Blockbuster „The Eternals“ ist schon abgedreht.

Es war ein denkwürdiges Festival, das schon im Umgang mit einem kleinen Skandal, der ihm vorausging, die richtige Haltung einnahm: Der rumänische Filmemacher Cristi Puiu flog wenige Tage vor Beginn aus der Jury, nachdem er erklärt hatte, seine Filme mit Schutzmasken anzuschauen, sei „unmenschlich“. Hollywoodstar Matt Dillon fand sich spontan bereit, ihn zu ersetzen. Tatsächlich herrschte während des Festivals ein Gefühl außerordentlicher Sicherheit, die Maskendisziplin war eine Selbstverständlichkeit. Die halbleeren Kinos boten beste Sicht, Zusatzvorstellungen mehr Planungskomfort, eine effiziente Platzreservierung ersetzte das übliche Gedrängel vor den Vorstellungen. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Festivals an die Filmwelt: Wenn man es richtig anstellt, kann man wieder beruhigt ins Kino gehen.

Die Preise

Goldener Löwe für den besten Film: „Nomadland“ von Chloé Zhao Großer Preis der Jury: „Nuevo orden“ von Michel Franco Silberner Löwe für die beste Regie: Kiyoshi Kurosawa für „Spy no Tsuma (Wife of a Spy)“ Preis für das beste Drehbuch: Chaitanya Tamhane für „The Disciple“ Preis für die beste Schauspielerin: Vanessa Kirby für „Pieces of a Woman“ Preis für den besten Schauspieler: Pierfrancesco Favino für „Padrenostro“ Spezialpreis der Jury: „Dorogie Tovarischi! (Dear Comrades!)“ von Regisseur Andrei Konchalovsky Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Jungdarsteller: Rouhollah Zamani für „Khorshid“ dpa

Aber auch künstlerisch hatte dieser Jahrgang einiges zu bieten. Untadelige Meisterwerke wie Gianfranco Rosis dokumentarisch-künstlerische Reise an die Randgebiete des Syrienkriegs, „Notturno“, waren rar. Aber gerade an den Randgebieten der Festivallandkarte war Erstaunliches zu finden. Indien etwa, das produktivste Filmland der Erde, schafft es nur selten in einen Wettbewerb. „The Disciple“ von Chaitanya Tamhane, nun mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet, ist zwar ein Musikfilm aber das denkbare Gegenteil eines Bollywoodfilms.

Thema ist ein auch im eigenen Land aussterbender Randbereich klassischer Musik, der Raga-Gesang. Der Spielfilm verfolgt den steinigen Weg eines Schülers dieser wirtschaftlich undankbaren Profession und findet dafür eine angemessen einfühlsame Bildsprache. Wie in den Werken des japanischen Meisters Yasujiro Ozu verhält sich die Kamera meist statisch auf Sitzhöhe der Protagonisten. Und wie bei Ozu wird das Miteinander von Tradition und Gegenwart ohne Ideologie beschworen. In all seiner Bescheidenheit ist es ein großer Film über die Vermittlung von Musik. Nicht, dass man selbst zum Experten für seltene klassische indische Musik würde, aber aus dem Fremden ist etwas Vertrautes geworden.

Ein wirklich seltenes Filmland ist das kleine Belize, der 400 000-Einwohner-Staat an den Grenzen von Mexiko und Guatemala. In „Tragic Jungle“ führt die mexikanische Regisseurin Yulene Olaizola in die tiefen Dschungel hinter den malerischen Karibikstränden und erzählt dabei einen Maya-Mythos neu. Es ist die Sage von Xtabay, einem verführerischen weiblichen Dämon, der Männer mit ähnlichen Absichten in den Urwald lockt wie hierzulande Loreley oder Undine ihre Opfer in die Fluten. Angesiedelt in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, führt der Film eine Gruppe von Männern, die Gummibäume abernten, in eine Joseph Conrad-hafte Finsternis.

Olaizola suchte für die Frauenrolle nach einer Laiendarstellerin und fand in der Debütantin Indira Andrewin ein Naturtalent von faszinierender Leinwandpräsenz. Doch die wahre Verführungskunst gelingt der Filmemacherin, ebenbürtig den großen Traumerzählern des Kinos an den Grenzen zur mysteriösen Wirklichkeit: Werner Herzog, Pedro Costa, Lucrecia Martel oder Apichatpong Weerasethakul.

Wie immer bei einem großen Festival überstrahlen Entdeckungen die Enttäuschungen. Die wohl größte kam aus Deutschland. Julia von Heinz („Ich bin dann mal weg“), die erstmals bei einem großen Festival im Wettbewerb vertreten ist, erzählt in „Und morgen die ganze Welt“ von der Radikalisierung einer jungen Adelstochter in der Antifa. Nach wenigen Wochen zweifelt die Jurastudentin im ersten Semester am Nutzen von Farbbeuteln im Kampf gegen die Neonazis; schließlich gibt es ja auch das elterliche Jagdgewehr. Über die Inhalte des linken Protestes wird kaum gesprochen, und auch zur Charakterisierung des bürgerlichen Hintergrunds braucht es nur einen Vater, der überzeugt ist: Wer unter dreißig nicht links sei, habe kein Herz, wer es danach noch sei, keinen Verstand.

Als die Protagonistin und ihre Gefährten in ein Neonazi-Domizil einbrechen, wird die Geschichte zum Enid Blyton-haften Minikrimi: Die Regisseurin von „Hanni und Nanni 2“ lässt sie gleich ein Sprengstoffversteck ausräumen, was sie vor die bange Frage stellt: Was machen wir jetzt mit dem Zeugs?

Man will der Regisseurin nicht unterstellen, linken und rechtem Extremismus bewusst gleichzusetzen, wie es in der deutschen Innenpolitik eine unselige Tradition ist, aber es fehlen die nötigen Zwischentöne in der Milieuzeichnung um das auszuschließen. Die Jurys des Festivals zeigten sich entsprechen unbeeindruckt. Das Kino ist jedenfalls zurück – in seiner ganzen Vielfalt.

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