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In seiner Bildsprache fällt „Der illegale Film“ weit hinter die Errungenschaften der zwanziger Jahre zurück.

„Der illegale Film“

Die Menge ist die Message

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Der ebenso rauschhafte wie widersprüchliche Filmessay „Der illegale Film“ warnt zugleich vor digitaler Überwachung und dem Urheberrecht.

Schwer zu sagen, wann zuerst vor einer „Bilderflut“ gewarnt wurde. Wohl nicht erst im Videoclip-Zeitalter der achtziger Jahre. Die früheste Erwähnung, die wir schnell mit digitaler Hilfe finden, ist bei Wilhelm Ostwald, dem Chemiker und Philosoph. 1927 schreibt er in „Lebenslinien“ über seine Kindheit in der Mitte des 19. Jahrhunderts: „Von der Bilderflut, die den heutigen Menschen zu ersäufen droht, war noch nicht das geringste Vorzeichen sichtbar.“ Kein Wunder, dass uns die zwanziger Jahre, die Kleinbildfotografie, illustrierte Zeitschriften und das Montagekino hervorbrachten, heute wieder so modern erscheinen.

In ihrem Filmessay über den Image-Overkill im digitalen Zeitalter halten sich Claus Wischmann und Martin Baer nicht lange mit der Vorgeschichte der entfesselten Kameras auf. Fünf Jahre sollen sie das Quellenmaterial dazu gesammelt haben, etwa 400 Bild- und Ausschnitttitel listet ihr Abspann auf. Ganz scheinen sie dieser juristischen Absicherung dennoch nicht zu trauen und nennen ihr Werk vorsichtshalber: „Der illegale Film“. Einen Großteil der Clips macht dabei Produktwerbung aus, deren schnelle Schnittfrequenz den ganzen Film bestimmt. Nicht das Medium, die bloße Menge des Materials ist die wichtigste Message.

Ein roter Faden zeigt sich ab und an. Einer der beiden Filmemacher hat seine kleine Tochter mit einer Fotokamera beschenkt und filmt immer wieder den Knirps beim Knipsen. Geistiges Eigentum ist im Kommentar ein großes Thema. Sicher dürfe er kaum das für ihn und seine Kinder so prägende Disney-Dschungelbuch zitieren, mutmaßt er – und zeigt dann mutig einen Disney-Trailer.

Ein wenig selbstzweckhaft wirken die vielen Aufnahmen der Mädchen; für den Filmemacher sind es Oasen seltener Rechtssicherheit, denn ihre Abbilder gehören allein ihren Eltern.

Leicht ist es nicht, sich durch den Bilderberg aus Internetfundstücken zappen zu lassen, von denen nicht immer klar ist, was sie in diesem Kontext gehoben hat – mal stehen sie für die bloße Prominenz populärer Ikonen oder bekannter Firmenlogos im kollektiven Bewusstsein. Mal transportieren sie Kernsätze von Industriellen wie Steve Jobs, Medienwissenschaftlern wie Norbert Bolz oder Kulturkritikerinnen wie Susan Sontag. Allein dem großen Fotografen und Fotolehrer Timm Rautert gelingt es, durch seine bedachtsame Ansprache auch das Tempo des Films vorübergehend zu humanisieren. Und nebenbei das Wesen der Fotografie in zwei Sätze zu fassen: „Dann sagt der Mensch: So war’s. Aber es war ja eigentlich gar nicht so.“

Die interessanten Fundstücke sind Werbefilme über neuartige Bildverarbeitungssysteme – etwa ein Gerät, das vermutlich bald dem Quotenfernsehen neue Möglichkeiten eröffnet. Es analysiert die Gesichter der Zuschauer in Realzeit nach emotionaler Beteiligung. Wenig von dem, was Kameras heute potentiell an sich reißen, bleibt ausgespart: Vom Nippelgate im Wohnzimmer bis zur Hinrichtung. So verkürzt bereits der Kommentar formuliert ist („anthropologische Aufzeichnung – oft mit Völkermord verbunden“) – alles muss synchron bebildert werden, und sei es für Sekundenbruchteile. Das gilt für ein Kinderopfer in Auschwitz ebenso wie für Leichenfunde aus jüngerer Zeit. Das alles unterlegt mit effektheischende Filmmusik ohne jeden künstlerischen Anspruch.

In seiner Bildsprache fällt der Film weit hinter die Errungenschaften der zwanziger Jahre zurück. Schon damals arbeitete die Filmmontage mit Kontrapunkten und Leerstellen, hier herrschen nunmehr die einfachen Gesetze von Analogie und Horror vacui. Offenbar im Bemühen, nicht als Kulturpessimisten dazustehen, überlassen es die Filmemacher ihren Interviewpartnern, vor den Gefahren der allgegenwärtigen digitalen Augen zu warnen. Ihr sorgloser Umgang mit Bildern, die offensichtlich Rechtsverstöße gegenüber den Abgebildeten dokumentieren, lässt indes vermuten, dass ihnen etwas anderes noch größere Sorgen macht – das Urheberrecht.

Die Argumentation erreicht ihren naiven Tiefpunkt, wenn sie im Schöpfer des Trickfilm-Dschungelbuchs ihr Feindbild finden. Der Disneykonzern, so argumentieren sie, hindere sie daran, zu zeigen, was er selbst bei Rudyard Kipling und anderen gestohlen habe. Gestohlen? Man nannte es schon damals lizensieren. Disney erwarb bei Kiplings Erben die Rechte am „Dschungelbuch“, so macht man das bis heute. Merkwürdig, dass ausgerechnet ein Film über die Auswüchse der Bilderflut etwas dagegen einzuwenden hat.

Der illegale Film. Dokumentarfilm, D 2018. Regie: Martin Baer, Claus Wischmann, 85 Min.

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