Sene aus dem Film "An ihrer Stelle".
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Sene aus dem Film "An ihrer Stelle".

Interview Rama Burshtein

"An ihrer Stelle"

Die ultra-orthodoxe jüdische Regisseurin Rama Burshtein spricht über Toleranz gegen konservative Rollenverteilungen, über die Romane von Jane Austen und ihren Film „An ihrer Stelle“.

Von Anke Westphal

Die ultra-orthodoxe jüdische Regisseurin Rama Burshtein spricht über Toleranz gegen konservative Rollenverteilungen, über die Romane von Jane Austen und ihren Film „An ihrer Stelle“.

Frau Burshtein, Ihr Film „An ihrer Stelle“ macht den Zuschauer mit der ultra-orthodoxen jüdischen Kultur bekannt. Er erzählt von einer 18-Jährigen, die ihren Platz sucht innerhalb dieser geschlossenen Gemeinschaft. Sie selbst gehören ihr an. Wie wurden Sie Filmregisseurin?

Ich habe Film studiert, bevor ich religiös wurde. Denn das war ich vorher nicht; ich stamme aus einer sehr weltlichen Familie. Mein Vater ist Seemann, meine Mutter war Künstlerin. Ich hatte alle Freiheiten, führte ein wildes Leben, war aber immer auf der Suche. Ein paar Monate nach meinem Abschluss an der Sam-Spiegel-Schule für Film und Fernsehen in Jerusalem wurde ich religiös. Und tat erst einmal gar nichts. Dann unterrichtete ich Mädchen im Filmemachen. Und schließlich begann ich für unsere Filmindustrie zu arbeiten. Ultra-orthodoxe Juden haben nämlich eine eigene Filmbranche; sie wird ausschließlich von Frauen betrieben und produziert ausschließlich für Frauen. Filme mit weiblichen Figuren.


„An ihrer Stelle“ ist also nicht Ihr erster langer Film. Was haben Sie vor ihm gedreht?

Zum Beispiel Melodramen, Komödien. Die Filme, die ich für unsere Gemeinschaft gedreht haben, sind Gebrauchsfilme; sie haben nichts mit irgendeiner künstlerischen Vision zu tun. Sie sind einfach aufgebaut, dienen nur der Unterhaltung – von Frauen. Unsere Frauen finanzieren diese Filme aus ihrer eigenen Tasche. Also sorgen sie auch dafür, dass die Filme gesehen werden! Dafür werden dann eigens Filmtheater angemietet. – Aber auch die große Kunst ist in meiner Welt eine Sache der Frauen. Frauen sind die Autoren, Maler, Theaterleiter, Köche und eben Regisseure. Männer betreiben andere Sachen; sie vertiefen sich in die Thora, die heiligen Schriften.

Und wenn nun auch mal ein Mann Kunst machen möchte?
Dann kann er das tun. Aber es ist nicht die Regel.

Betreiben Sie auch eigene Fernsehkanäle?
Nein. Fernsehen ist kein Teil unserer ultra-orthodoxen Kultur. Und zwar, weil Zeit in ihr das Kostbarste überhaupt ist. Mit Zeit geht man in meiner Welt überaus sorgsam um. Bei uns gibt es keine „Freizeit“ nach westlichen Begriffen: Wenn man die Wahl hat, entweder etwas für jemand anderen zu tun oder einen Film zu sehen, dann tut man selbstverständlich etwas für eine andere Person.

Dennoch drehen Sie ja Filme.
„An ihrer Seite“ musste ich machen, weil es anhaltend schmerzlich für mich war zu erleben, dass die ultra-orthodoxen Juden in der Weltöffentlichkeit kulturell stumm sind. Sie kommen eigentlich nur in den Nachrichten vor: als Siedler, verbohrte Typen, sogar Aggressoren. Neulich haben einige von denen an einem Freitag Steine geworfen. Aber WIR fassen an einem Freitag, also am heiligen Shabbat, keinen Stein an. An Freitagen dürfen wir überhaupt nicht aktiv sein.

"Männer habe das Geld, Frau den Schlüssel zum Safe"


Sehr traditionell ist in Ihrem Film die Welt der Frauen und die der Männer geteilt: Frauen wollen verheiratet werden, die Männer religiöse Weisheit durch Bücher erlangen. Das hat bei der Premiere von „An ihrer Stelle“ in Venedig 2012 für Kritik des Publikums gesorgt. Der Vorwurf lautete „reaktionär“.
Warum sollen Frauen nicht den Wunsch haben dürfen, verheiratet zu werden und einem Haushalt vorzustehen? Das nicht auch gelten zu lassen, neben anderen Lebensmustern, ist doch intolerant. In unserer ultra-orthodoxen Kultur mögen die Männer das Geld haben, aber die Frauen haben den Schlüssel zum Safe. Und sehen Sie doch mal: Ich als ultra-orthodoxe Jüdin reise in der Welt herum und sitze hier mit Ihnen, während mein Mann daheim in Tel Aviv unsere Kinder hütet. – Interessanterweise ist Shira, die Heldin von „An ihrer Stelle“, die einzige Person, die in meinem Film außer Haus arbeitet, nämlich in einem Kindergarten. Nicht einmal die Männer tun das! Ich glaube aber, dass gegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern existieren. Frauen sind kreativer, haben mehr als Männer das Bedürfnis nach Kultur.

Die Frauen in Ihrem Film ziehen entscheidende Fäden. Etwa Shiras Mutter: Sie will, dass Shira ihren Schwager Yochay heiratet, nachdem dessen Frau, Shiras ältere Schwester, bei der Geburt des ersten Kindes starb. Damit die Lücke geschlossen wird und der Enkel in der Nähe bleibt. Es geht bei allem um den Erhalt der Gemeinschaft. Ist das nicht hart?
Shira will Yochay zunächst nicht. Aber es wird keinerlei Zwang ausgeübt. Man erwartet von der jungen Frau jedoch, dass sie sich selbst ergründet und prüft. Dass sie also erwachsen wird. Davon handelt der Film auch. Im übrigen brauchen Frauen bei uns nicht viel Aufhebens zu machen, um etwas zu gelten. Es genügt auch, im Stillen zu wirken. Und zwar miteinander. Als ich noch nicht religiös war, hatte ich ständig das Gefühl, die moderne Welt zwingt mich, gegen die Männer zu kämpfen. Dieser Kampf ergibt eine unendliche Kette von Verletzungen. Darum geht es mir nicht mehr. Es geht mir um das Miteinander.

Sie erwähnten, dass Sie erst nach der Filmschule religiös wurden. Warum? Was ist passiert?
Es ist unmöglich, das am Beispiel eines Moments zu beschreiben. Ich war eben immer auf der Suche. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich die Antwort im Judentum finden würde. Ich hätte eher angenommen, ich würde irgendwann Buddhistin. Aber man wählt in dieser Hinsicht ja nicht. Es geschah einfach; ich kam nach Hause – es ist einfach unmöglich, das zu beschreiben.

Fanden Sie nicht nur Ihr Thema, sondern auch Ihre Schauspieler in der ultra-orthodoxen Community, als Laien?
Nein, das im Film sind professionelle, weltliche Schauspieler. Yiftach Klein, der Yochray verkörpert, hat vorher einen Zuhälter, dann einen Polizisten und dann einen Homosexuellen gespielt. Die einzigen ultra-orthodoxen Schauspieler in „An ihrer Stelle“ sind der Rabbiner und der Heiratsvermittler.

Innerhalb den Regeln leben


Shiras Weg zur Selbsterkenntnis beinhaltet auch eine Erziehung der Gefühle, die mich an Jane Austens Romane erinnert hat. Wie bei ihr gibt es das Mitgefühl mit den Helden und die Komik. War das beabsichtigt?
Jane Austen habe ich gelesen, aber schon vor 30 Jahren. Beim Drehen des Films habe ich nicht an sie gedacht. Aber es gibt tatsächlich Gemeinsamkeiten: Es geht bei uns um zurückgehaltene, geheime Gefühle, sogar Leidenschaften. Und auch Austens Charaktere brechen ja nicht aus ihrer Welt aus. Sie suchen vielmehr nach Möglichkeiten, in ihr zu leben, innerhalb der Regeln. Jane Austens Erzählweise enthält immer einen Haufen Verwicklungen in der Art: Ich weiß, dass sie weiß, dass er weiß… So ist das in meinem Film auch.

In „An ihrer Stelle“ sparen Sie alles Politische aus. Es gibt darin keine Siedler, Eiferer, keinen Palästinenserkonflikt. Warum?
Mein Herangehen an den Film, an Kunst ist strikt persönlich. Es hat mich nie interessiert, Teil eines Kampfes zu sein. Ich weiß, dass meine Leute Teil eines Kampfes sind. Aber ich nicht. Ich hätte nichts zu sagen über Politik. Da ist vieles so ungeheuer kompliziert. Zu vielem habe ich nicht mal eine Meinung!

Das glaube ich Ihnen nicht. Sie wirken überlegt und beredt.
Aber mir fehlt diese besondere politische Intelligenz. Wer, bitteschön, versteht schon wirklich den Palästinenserkonflikt?! Die Palästinenser verstehen ihn mitunter ja nicht mal selbst. Warum soll ich etwas sagen oder meinen, wenn ich doch den wahren Kern einer Sache wie etwa dieser nicht ergründen kann! Ich verstehe viele Dinge nicht und sage das offen. Aber plötzlich wollen mich alle möglichen Leute für ihre Sache einspannen, sogar jene Araberin, die den arabischen Frauen das Wahlrecht brachte. Das will ich nicht. „An ihrer Stelle“ ist wirklich, wie man so sagt, ein sehr persönlicher Film.

Die spezielle Kultur, die Sie dort zeigen, sind die Chassidim. Was zeichnet diese Leute aus?
Das wollen Sie wissen? Genau so könnten Sie fragen, was Nonnen sind – im Rahmen des Christentums. Chassidisch sein ist eine Art zu leben. Und innerhalb des Chassidismus mit den hohen moralischen Standards, der besonderen Gottesnähe und seinem unbedingten Einhalten religiöser Gebote gibt es wiederum viele verschiedene Arten, chassidisch zu sein. Chassidische Juden fragen sich: War ich ein guter Mensch? Habe ich den Menschen genügend geholfen? War ich glücklich? Denn es ist ein Gebot, glücklich zu sein! Chassidismus ist daher eine sehr individuelle Weise zu leben. Und neben diesen Spielarten des Chassidismus haben Sie noch mindestens 15 andere Arten, jüdisch zu leben.

Der Rabbi ist sehr wichtig in Ihrem Film. Alle gehen zu ihm mit ihren Fragen. Er ist gelehrter, religiöser Führer, aber er ist auch Therapeut.
Vor allem das letztere ist er für mich. Ich habe meinen Rabbi zwar nicht gefragt, ob ich diesen Film machen soll und darf. Und er hätte dazu auch nichts gesagt; denn darum geht es nicht in der Beziehung zum Rabbi. Aber ich habe immer wieder mit meinem Rabbi über meinen Film gesprochen und dadurch meinen Weg, habe Klarheit gefunden. Der Rabbi ist der weise Mann der Gemeinschaft. Und weil er sehr weise ist, ist er demütig.

„An ihrer Stelle“ war erfolgreich auf Filmfestivals, beim israelischen Publikum. Was machen Sie als nächstes, einen neuen Film?
Ich versuche, Gottes Plan mit mir zu verstehen.

Interview: Anke Westphal

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