+
Colonelle Honorine sieht sich die Verletzungen eines Kindes an.

Doku

„Ihr müsst die Kinder gut behandeln“

  • schließen

„Mama Colonel“, ein Dokumentarfilm über eine kongolesische Polizistin.

Dieser Dokumentarfilm kommt den Menschen nahe, schaut ihnen direkt über die Schulter oder ins Gesicht, aber er tut es gleichzeitig so nüchtern, dass man meinen könnte, er beziehe gar keine Stellung. Aber das stimmt nicht. „Mama Colonel“ bezieht sehr wohl Stellung, Regisseur Dieudo Hamadi konnte gar nicht anders, nachdem er sich dafür entschieden hatte, eine vermutlich sehr außergewöhnliche kongolesische Polizistin zu porträtieren, Colonel Honorine. Fast kein Wort verliert der 2017 entstandene Film über die private Frau Oberst, nur dass die 44-Jährige vier eigene und drei Adoptivkinder hat. Von einem Mann ist nicht die Rede. Einmal sieht man sie kochen, da klingelt schon wieder ihr Handy. Man bittet sie um Hilfe, was sonst.

In Bukavu beginnt die Dokumentation, aber die Leiterin einer Polizeieinheit gegen sexuelle Gewalt und Kindesmisshandlung nimmt Abschied, wird nun ins mehr als 600 Kilometer entfernte Kisangani versetzt – dort ist es wohl schlimmer. Und während sie in Bukavu verzweifelte Frauen umringen, während eine Frau sagt „Bitte nehme meine Tochter mit, dann ist sie in Sicherheit“ und ein kleines Kind vorschiebt, beginnt Colonel Honorine in Kisangani von vorn. Erstmal ohne Strom, dafür mit einer ernsten Rede an ihre Untergebenen – von 19 Beamten fehlen 8 „entschuldigt“, so der Rapport: „Faulenzer haben in dieser Truppe nichts zu suchen“, sagt Frau Oberst.

Die Dokumentation wirft nicht mit Zahlen um sich, aber man ahnt doch bald, dass das Problem der Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Demokratischen Republik Kongo ein gewaltiges sein muss. Außerdem nicht das einzige.

Ein Mann ist mit einem Kind gekommen, das Kind wurde von der Stiefmutter übel geschlagen, angeblich ist es verhext. Colonel Honorine nimmt es an die Hand, fährt zur Stiefmutter, macht eine klare Ansage: „Du wirst vor Gott dafür bezahlen.“ Droht der Frau auch mit weltlichen Konsequenzen.

Das ist keine Polizeiarbeit, wie man sie hierzulande kennt oder aufgrund von TV-Krimi-Konsum vermutet. Eher redet die Colonelle den Menschen ins Gewissen, ruft sie zum Beispiel auf einem Markt zusammen, stellt sich vor, spricht mit Autorität ins Megaphon: „Ihr müsst die Kinder gut behandeln.“ Oder sie ist gleichsam Sozialarbeiterin, bringt Frauen, die im „Sechstagekrieg“, einem Konflikt zwischen der ugandischen und der ruandischen Armee im Jahr 2000, traumatisiert wurden, in einem leerstehenden Haus unter. Und nachdem sie und ihre Einheit Kinder befreit haben, die festgehalten und gequält wurden, fährt sie mit den kleinen Kindern zu den traurigen, müden Frauen und sagt: „Diese Kinder werden erst einmal bei euch wohnen“ und „es wird ihnen gut gehen“. Man zweifelt nicht daran.

„Mama Colonel“ ist ein Film voll Leid und voll Mut zum Weitermachen. Er erzählt von den Kriegsversehrten, die den traumatisierten Frauen nicht die Schlafmatte auf dem Boden gönnen, die sagen: „wir sind die wahren Opfer“. Er erzählt ebenso von den Marktfrauen, die ein wenig Geld gesammelt haben und es Colonelle Honorine bringen, damit sie anderen helfen kann. Und er endet mit ihren Worten des Dankes: „Gott segne euch.“

„Mama Colonel“, Arte, 21.55 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion