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„Aber man muss halt mal sagen: Das war’s“, sagt Mario Adorf, hier auf der Berlinale.

Mario Adorf

„Ich wollte über meine Wirkung nie so genau Bescheid wissen“

Mario Adorf über ein Bühnenleben ohne Routine, über das Boxen und über Böll – und warum er „Winnetou“ fast abgesagt hätte. 

Herr Adorf, Ihre Tour, die im Mai beginnt, heißt „Zugabe“. Was bedeutet Ihnen die Zugabe – ist sie ein Geschenk ans Publikum oder eher die Erfüllung einer Erwartungshaltung?
Na ja, ich bin ja kein Popsänger. Aber ich habe einige Lese-Tourneen wie die bevorstehende gemacht, manche davon auch mit Band: Das Ende eines solchen Abends haben wir nicht „Zugabe“ genannt, sondern „Rausschmeißer“. Das war meistens „Goodbye Johnny“.

Warum dieses Lied?
Es ist eines der Lieder, die sich als sehr wirksamer Schluss eines Abends herausgestellt haben. Ich habe aber zu dem Titel keine Beziehung – außer zu Hans Albers, der ihn gesungen hat (in „Wasser für Canitoga“; Anm. d. Red.) und den ich immer mochte.

Haben Sie ein Gefühl, wer das sein könnte – Ihre Zuschauer?
Ich bin geprägt von meiner Theatervergangenheit und von meinen Anfängen hier in München. Da gab es den großen Fritz Kortner, der viele ungewöhnliche Meinungen hatte – auch über das Publikum. Der sagte immer (Adorf ahmt Kortners Stimme nach): „Misstrauen Sie dem Applaus des Publikums. Sie wissen ja nicht, wer da unten sitzt! Das sind vielleicht die gleichen Leute, die gestern einen Schwachsinn bejubelt haben und morgen eine Genietat auspfeifen werden.“

Haben Sie das beherzigt?
Es gibt Studien, die besagen, dass es eine Verbindung zwischen Schauspieler und Publikum gebe – das gleiche Atmen, der gleiche Herzschlag. Ich habe das nie untersucht, denn ich wollte über meine Wirkung auf der Bühne nie so genau Bescheid wissen.

Warum nicht?
Um der Routine zu entgehen. In dem Augenblick, in dem ich weiß, wie ich eine gewisse Wirkung erziele, bin ich verführt, diese für mich positive, schmeichelhafte Erfahrung abzurufen. Das ist nichts anderes als Routine – und Routine habe ich immer verachtet und vermieden.

Im Lebenslauf, mit dem Sie sich 1953 an der Falckenberg-Schule in München beworben haben, schrieben Sie: „Ich liebte die Einsamkeit.“ Das ist ungewöhnlich für einen angehenden Schauspieler...
Als ich neuerlich bei der Falckenberg-Schule zu Besuch war, wurde mir mein Originalbewerbungsschreiben geschenkt – ich habe es mit Erstaunen gelesen!

Wie sind Sie auf die Schule aufmerksam geworden?
Ich hatte in Mainz und in Zürich Theaterwissenschaft studiert – und wollte das in München zum Abschluss bringen. Bei einer Wohnungsbesichtigung kam ich an der Falckenberg-Schule vorbei. Da habe ich gedacht: Ach, da geh ich mal rein.

Sie haben tatsächlich in dem Moment entschieden, sich für die Ausbildung zum Schauspieler zu bewerben?
Das war ein spontaner Versuch. Der Pförtner gab mir die Bewerbungsunterlagen, die ich am Abend ausgefüllt und am nächsten Tag abgegeben habe.

Wann wurden Sie zur Prüfung eingeladen?
Ich war in den Semesterferien in meiner Heimatstadt Mayen in der Eifel als Hilfsarbeiter am Bau tätig. Eines Tages kam meine Mutter auf den Marktplatz, wo wir ein altes Haus abrissen und ich im vierten Stock herumturnte, schaute nach oben und schlug vorwurfsvoll mit einem Brief in ihre Hand. (Adorf macht es vor.) Ich bin runtergeklettert – sie hatte den Brief wohl aufgemacht und meinte zu mir: „Warum hast du mir das nicht gesagt?“ – „Was denn?“ – „Du bist zugelassen zur Aufnahmeprüfung.“

Warum hatten Sie die Bewerbung verschwiegen?
Ich habe ihr damals ehrlich geantwortet: „Ich hatte es vergessen.“ Das war ein kleiner Versuch – aussichtslos. Ich hatte das schon wieder abgehakt.

Welche Rolle haben Sie vorgesprochen?
In Zürich hatte mich der Max Piccolomini in „Wallensteins Tod“ beeindruckt. Der kam auf der großen Bühne mit gezogenem Degen nach vorne an die Rampe gestürzt: „Blast! Blast – O wären es die schwedischen Hörner!“ Das wollte ich bei der Aufnahmeprüfung auf der kleinen Bühne nachmachen – und fiel runter. Großes Gelächter.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen der Film mehr bieten konnte als das Theater – etwa Reisen in andere Länder ...
Für mich war das so, ja.

Hat Ihnen der direkte Kontakt zum Publikum gefehlt?
Für mich war das kein Problem. Ich brauchte diesen Kontakt nicht, weil ich von Kortner geprägt war. Für mich waren Kamera, Kameramann und Regisseur mein Publikum.

Bereits während Ihres Theaterwissenschafts-Studiums haben Sie nicht nur Studententheater gespielt, sondern auch geboxt.
Für mich war das Boxen kein Sport, sondern Selbstverteidigung. Meine Mutter arbeitete nach dem Krieg als Schneiderin, und wenn sie Kundschaft auf dem Lande hatte, lieferte ich die Ware aus. Dafür gab es Geld und Naturalien – die waren das Wichtigste. Wenn ich zurückkam, war da eine Bande junger Burschen, die mich abpasste, mir das Gehamsterte wegnahm und mich verprügelte. So bin ich zum Boxen gekommen.

Um sich zu wehren ...
... bin ich in die Boxschule – und die gleichen Burschen, die mich abpassten, waren da auch. Die haben mich mit Boxhandschuhen noch mal verkloppt und gesagt: „Der kommt nicht wieder.“

Herr Adorf, Ihre Tour, die im Mai beginnt, heißt „Zugabe“. Was bedeutet Ihnen die Zugabe – ist sie ein Geschenk ans Publikum oder eher die Erfüllung einer Erwartungshaltung?
Na ja, ich bin ja kein Popsänger. Aber ich habe einige Lese-Tourneen wie die bevorstehende gemacht, manche davon auch mit Band: Das Ende eines solchen Abends haben wir nicht „Zugabe“ genannt, sondern „Rausschmeißer“. Das war meistens „Goodbye Johnny“.

Warum dieses Lied?
Es ist eines der Lieder, die sich als sehr wirksamer Schluss eines Abends herausgestellt haben. Ich habe aber zu dem Titel keine Beziehung – außer zu Hans Albers, der ihn gesungen hat (in „Wasser für Canitoga“; Anm. d. Red.) und den ich immer mochte.

Haben Sie ein Gefühl, wer das sein könnte – Ihre Zuschauer?
Ich bin geprägt von meiner Theatervergangenheit und von meinen Anfängen hier in München. Da gab es den großen Fritz Kortner, der viele ungewöhnliche Meinungen hatte – auch über das Publikum. Der sagte immer (Adorf ahmt Kortners Stimme nach): „Misstrauen Sie dem Applaus des Publikums. Sie wissen ja nicht, wer da unten sitzt! Das sind vielleicht die gleichen Leute, die gestern einen Schwachsinn bejubelt haben und morgen eine Genietat auspfeifen werden.“

Haben Sie das beherzigt?
Es gibt Studien, die besagen, dass es eine Verbindung zwischen Schauspieler und Publikum gebe – das gleiche Atmen, der gleiche Herzschlag. Ich habe das nie untersucht, denn ich wollte über meine Wirkung auf der Bühne nie so genau Bescheid wissen.

Warum nicht?
Um der Routine zu entgehen. In dem Augenblick, in dem ich weiß, wie ich eine gewisse Wirkung erziele, bin ich verführt, diese für mich positive, schmeichelhafte Erfahrung abzurufen. Das ist nichts anderes als Routine – und Routine habe ich immer verachtet und vermieden.

Im Lebenslauf, mit dem Sie sich 1953 an der Falckenberg-Schule in München beworben haben, schrieben Sie: „Ich liebte die Einsamkeit.“ Das ist ungewöhnlich für einen angehenden Schauspieler...
Als ich neuerlich bei der Falckenberg-Schule zu Besuch war, wurde mir mein Originalbewerbungsschreiben geschenkt – ich habe es mit Erstaunen gelesen!

Wie sind Sie auf die Schule aufmerksam geworden?
Ich hatte in Mainz und in Zürich Theaterwissenschaft studiert – und wollte das in München zum Abschluss bringen. Bei einer Wohnungsbesichtigung kam ich an der Falckenberg-Schule vorbei. Da habe ich gedacht: Ach, da geh ich mal rein.

Sie haben tatsächlich in dem Moment entschieden, sich für die Ausbildung zum Schauspieler zu bewerben?
Das war ein spontaner Versuch. Der Pförtner gab mir die Bewerbungsunterlagen, die ich am Abend ausgefüllt und am nächsten Tag abgegeben habe.

Wann wurden Sie zur Prüfung eingeladen?
Ich war in den Semesterferien in meiner Heimatstadt Mayen in der Eifel als Hilfsarbeiter am Bau tätig. Eines Tages kam meine Mutter auf den Marktplatz, wo wir ein altes Haus abrissen und ich im vierten Stock herumturnte, schaute nach oben und schlug vorwurfsvoll mit einem Brief in ihre Hand. (Adorf macht es vor.) Ich bin runtergeklettert – sie hatte den Brief wohl aufgemacht und meinte zu mir: „Warum hast du mir das nicht gesagt?“ – „Was denn?“ – „Du bist zugelassen zur Aufnahmeprüfung.“

Warum hatten Sie die Bewerbung verschwiegen?
Ich habe ihr damals ehrlich geantwortet: „Ich hatte es vergessen.“ Das war ein kleiner Versuch – aussichtslos. Ich hatte das schon wieder abgehakt.

Welche Rolle haben Sie vorgesprochen?
In Zürich hatte mich der Max Piccolomini in „Wallensteins Tod“ beeindruckt. Der kam auf der großen Bühne mit gezogenem Degen nach vorne an die Rampe gestürzt: „Blast! Blast – O wären es die schwedischen Hörner!“ Das wollte ich bei der Aufnahmeprüfung auf der kleinen Bühne nachmachen – und fiel runter. Großes Gelächter.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen der Film mehr bieten konnte als das Theater – etwa Reisen in andere Länder ...
Für mich war das so, ja.

Hat Ihnen der direkte Kontakt zum Publikum gefehlt?
Für mich war das kein Problem. Ich brauchte diesen Kontakt nicht, weil ich von Kortner geprägt war. Für mich waren Kamera, Kameramann und Regisseur mein Publikum.

Bereits während Ihres Theaterwissenschafts-Studiums haben Sie nicht nur Studententheater gespielt, sondern auch geboxt.
Für mich war das Boxen kein Sport, sondern Selbstverteidigung. Meine Mutter arbeitete nach dem Krieg als Schneiderin, und wenn sie Kundschaft auf dem Lande hatte, lieferte ich die Ware aus. Dafür gab es Geld und Naturalien – die waren das Wichtigste. Wenn ich zurückkam, war da eine Bande junger Burschen, die mich abpasste, mir das Gehamsterte wegnahm und mich verprügelte. So bin ich zum Boxen gekommen.

Um sich zu wehren ...
... bin ich in die Boxschule – und die gleichen Burschen, die mich abpassten, waren da auch. Die haben mich mit Boxhandschuhen noch mal verkloppt und gesagt: „Der kommt nicht wieder.“

Dem war aber nicht so.
Ich kam wieder. Einen nach dem anderen habe ich mir vorgenommen und konnte mich mit der Zeit rächen. An der Uni in Mainz habe ich beides parallel gemacht – aber bei der Studentenbühne verschwieg ich, dass ich boxe. Und die Boxer wussten nichts von meinem Theaterspielen.

Sie haben Ende der Siebziger, Anfang der Sechziger Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder oder Volker Schlöndorff und dem „Neuen Deutschen Film“ eine Chance gegeben. Hatten Sie keine Sorge, Ihr Publikum zu irritieren?
Ich konnte damals die Haltung der alten Stars nicht verstehen, die sagten: „Die Jungen können nichts.“ Die Einstellung der Jungen konnte ich aber auch nicht nachvollziehen, die sagten: „Weg mit den Alten, die wollen wir nicht mehr sehen.“ Film muss sich weiterentwickeln. Nur dafür habe ich mich interessiert.

Schlöndorff hatte Ihnen in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ eine kleine Rolle angeboten.
Ich habe das Buch gelesen und gesagt: „Nein, der Kommissar Beizmenne ist meine Rolle.“ Schlöndorff sagte zu mir: „Herr Adorf, für diese große Rolle sind Sie zu teuer.“ Ich antwortete: „Reden wir nicht über meine Gage, sondern über die Rolle.“ So haben wir es dann gemacht.

Was muss eine Rolle haben, die Sie reizt?
Damals war das auch eine politische Entscheidung: Wir waren mit Böll einverstanden – wir wollten für diesen Stoff etwas tun.

Es gibt mindestens zwei Rollen, mit denen Sie sich ins bundesdeutsche Gedächtnis eingeschrieben haben: Als Santer erschossen Sie Winnetous Schwester – und als Haffenloher drohten Sie Baby Schimmerlos in „Kir Royal“: „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld.“ Nervt es Sie, bis heute darauf angesprochen zu werden?
Nein. Der Haffenloher war eine schöne Rolle!

Und Santer?
Der hat mich hingegen nicht interessiert, den wollte ich auch gar nicht spielen.

Warum nicht?
Ich fand die Rolle uninteressant: ein Bösewicht ohne jeden Hintergrund, ohne jede Motivation, der einfach nur rumballert. Ich wollte „Winnetou“ eigentlich absagen.

Warum haben Sie es sich anders überlegt?
Es gab einen Kritiker, dem ich von dem Angebot erzählt habe: „Der Santer ist keine Rolle für mich.“ Der sagte (Adorf wird pathetisch): „Herr Adorf, das müssen Sie spielen. Karl May ist deutsches Kulturgut!“ So habe ich mich beschwatzen lassen.

Welche Rolle ist Ihnen am wichtigsten?
Das ist schwer zu sagen. Da gehört so viel dazu: die Zeit, die Partner, der Film selbst. Eigentlich ist es wie bei Theaterrollen – wenn sie abgespielt sind, werden sie abgeheftet. Ich schaue nicht zurück, schaue mir auch keine alten Filme an. Das ist Vergangenheit. Ich will wissen: Was kommt jetzt?

Jetzt startet Ihre Lesetour. Worauf freuen Sie sich?
Diese Abende haben mich nie sehr angestrengt – aber dennoch muss man halt mal sagen: Das war’s. Es wird also um Dinge gehen, die mir am Herzen liegen, die ich besonders mochte.

„Zugabe“ soll Ihre letzte Bühnentour sein ...
Ich habe vor 15 Jahren mit dem Theaterspielen aufgehört. Der Grund war nicht, dass ich mir den Text nicht mehr hätte merken können oder dass es zu anstrengend gewesen wäre, sondern weil es mich gelangweilt hat. Die lange Probenzeit und die Vorstellungszeit, zwei, drei Monate jeden Abend am Stück – das ist mir zu lang. Diese Lese-Abende, die ich seit damals gemacht habe, die haben mir immer Spaß gemacht. Aber jetzt ist es endgültig die letzte Tour – wir wollten sie nur nicht „Abschiedstournee“ nennen. Das hätte an eine Popgruppe erinnert, die zwei, drei Mal eine Abschiedstournee macht. So soll’s bei mir nicht sein.

Zur Person:
Mario Adorf, 1930 als Kind einer Deutschen und eines (verheirateten) Italieners in Zürich geboren, wuchs bei seiner Mutter in Mayen in der Eifel auf. Er studierte von 1950 an in Mainz und Zürich verschiedene geisteswissenschaftliche Fächer und wechselte dann zur Schauspielerei. An der Otto-Falckenberg-Schule in München machte er seine Ausbildung. Bis 1962 war er an den Münchner Kammerspielen engagiert und stieg auch ins Filmgeschäft ein, lange Zeit als Oberschurke. „Zugabe“ heißt die Abschiedstournee, die am 15. Mai in Stuttgart beginnt. Weitere Stationen sind Baden-Baden, Frankfurt (18. Mai, Alte Oper), Essen, Berlin, Halle, Weimar, Hamburg, Lübeck.

Interview: Michael Schleicher

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