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Ferdinand Porsche (Andreas Stadler) zwischen seiner Tochter Louise (Lea Glashauser) und seinem Sohn Ferry Porsche (Jannis Bachmann).

"Die Volkswagen-Story"

"Ich bin das Wildschwein"

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Das ZDF zeigt in seiner Reihe "Deutschlands große Clans", wie zerstritten die VW-Familie seit jeher war.

Die Überraschung war groß, als eines Tages im April 2015 Ferdinand Piëch plötzlich sagte: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Da stellte also ein Konzernchef seinen besten Mitarbeiter bloß, den er selbst vor mehr als 30 Jahren als Assistent geholt hatte und der bis dahin als sein Nachfolger galt.  Die Gründe für die Entfremdung wurden im vor allem im schlechten US-Geschäft von Volkswagen gesucht – aus heutiger Sicht aber muss man fragen: Wusste Piëch damals schon, was erst später an die Öffentlichkeit gelangte? Dass  Martin Winterkorn verantwortlich war für den größten Betrugsfall der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte, den Einbau von Schummel-Software in Dieselfahrzeuge. Diese Frage aber beantworten Annebeth Jacobsen und Manfred Oldenburg nicht in ihrem Film „Die Volkswagen-Story“, der in der ZDF-Reihe „Deutschlands große Clans“ gezeigt wird.

Vielleicht konnten die Autoren keine Antwort geben, aber fragen hätten sie müssen. Überhaupt handeln sie den Skandal um die dreckigen Diesel in verdächtiger Kürze ab. Dass die Manager des größten deutschen Konzerns wie Kriminelle handelten, hätte doch ein paar Filmminuten mehr bedurft. War das vielleicht ein Zugeständnis an die anderen Granden im VW-Konzern wie Wolfgang Porsche und Hans Michael Piëch, damit sie überhaupt vor die Kamera traten?

Das deutsche Dallas heißt Wolfsburg

Vielleicht würden  Jacobsen und Oldenburg das Versäumnis damit begründen, dass es ihnen um die Firmengeschichte gegangen sei, die sich tatsächlich so spannend wie schillernd ausnimmt: Ein weltweit erfolgreiches Unternehmen, das schon wenige Jahre nach der Gründung von der „Hassliebe“ (so Wolfgang Porsche) zweier Geschwister beherrscht wird, die sich zanken wie Hund und Katz’. Ränke, Ranküne, Erbenzwist und Ehebruch: Das deutsche Dallas heißt Wolfsburg.

Dabei gab es die Stadt noch gar nicht, als Ferdinand Porsche seine Firma gründete, um ein Auto für alle zu bauen.Jacobsen und Oldenburg zeichnen den Werdegang des genialischen Tüftlers mit Hilfe von (wie so oft nicht gerade überzeugenden) Spielszenen nach. Und sie widmen ein Gutteil ihres Films der Tatsache, dass Porsche sich Hitler und seinem Regime andiente. Ein Filmschnipsel zeigt wie Porsche-Sohn Ferry den „Führer“ chauffiert. Der ließ bekanntlich Wolfsburg bauen, wo jedoch statt Volkswagen bald Fahrzeuge für den Krieg produziert wurden.

Porsche-Biograf Wolfgang Fürweger formuliert beschönigend, Hitler sei für den Autobauer „nur Mittel zum Zweck“ gewesen, aber schließlich muss der Unternehmer doch gewusst haben, dass in den Fabriken Tausende von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangene schufteten. Heute räumt Hans Michael Piëch die unrühmliche Rolle seiner Großeltern ein: „Da gibt es nichts zu beschönigen.“

Eine bunte Mischung aus Interviews mit Porsches Nachkommen, Statements von Fach-Journalisten wie dem Spiegel-Redakteur Dietmar Hawranek und vor allem Filmschnipseln machen den Dokumentarfilm insgesamt zu einer informativen Reise in die Geschichte von Volkswagen, das bald nach dem Krieg zum führenden Autohersteller nicht nur in Deutschland wurde. Ausgiebig gewürdigt wird die Bedeutung von Ferdinand Piëch für die Entwicklung von VW zum Weltkonzern. Der verstand sich als Visionär des Autobaus und hatte schon früh auf Sportwagen gesetzt. Tatsächlich gewann er mit seinem Porsche 917 das Rennen von LeMans – mit der Folge, dass der Wagen zum Statussymbol wurde.

Unternehmenskultur von Befehl und Gehorsam

Aber Ferdinand war es auch, der mit seinem ausgeprägten Machtstreben die anderen Familienmitglieder düpierte. Bei einem Treffen 1970 sollte ein Mediator von außen, quasi als Therapeut, die zerstrittenen Parteien zusammenbringen. Von dieser Zusammenkunft, die schließlich nichts fruchtete, wird Ferdinands Ausspruch überliefert: „Ich bin das Wildschwein, ihr seid die Hausschweine!“ Er war es auch, der eine Beziehung mit der Ehefrau seines Cousins Wolfgang Porsche begann – sie aber nicht heiratete, da sonst die Mehrheitsverhältnisse im Konzern gekippt wären, wie die Autoren berichten.

Seit 1993 zum Vorstandschef bei VW ernannt, führte der schmallippige Unternehmer den Betrieb wie ein Feldherr im Krieg, schuf, so die Zeitzeugen, eine Unternehmenskultur von Befehl und Gehorsam. Bei VW habe es keine Führungskräfte gegeben, hieß es, sondern nur „Ausführungskräfte“. Doch bescheinigt der Stern-Redakteur Thomas Ammann Ferdinand  Piëch, er habe als Einzelner mehr geschaffen als jeder andere Automanager der Gegenwart.

Aber auch er musste eines Tages seinen Hut nehmen. Als Cousin Wolfgang Porsche, Chef des Sportwagenherstellers in Stuttgart,  dabei scheiterte, den viel größeren VW-Konzern zu übernehmen und seinerseits von den Wolfsburgern geschluckt wurde, waren in der dritten Generation beide Marken schließlich vereint.

Aber dann kam der Diesel-Skandal, dessen Entstehung Hawranek damit erklärt, dass die Manager Angst gehabt hätten zuzugeben, dass die von der Konzernspitze vorgegebenen Ziele nicht erreichbar waren. Kein Wort des Autorenpaars zu den Forderungen, dass die betrogenen Käufer auch in Deutschland so abgefunden werden müssten wie in den USA.

Nun seien es 34  Personen, die Volkswagen  in der vierten Generation führen müssten, berichten die Autoren. Und enden mit dem optimistischen Satz Wolfgang Porsches: „Wenn wir zusammenhalten, sind wir auch unheimlich stark.“ Was angesichts der Diesel-Krise, der verschlafenen Entwicklung zum Elektro-Auto und zu neuen Formen der Mobilität noch zu beweisen ist.

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