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Susan (Aubrey Plaza) weiß, was sie will.

„Ned Rifle“

„Ich werde meinen Vater töten“

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Hal Hartleys „Ned Rifle“ ist der Abschluss seiner Serie über die Grim-Familie und eine Hommage an die Macke an sich.

Es gibt ganze Filmseminare, die semesterlang darüber brüten, wie man den Begriff „Independentfilm“ mit Inhalt füllen könnte. Wie man ihn also nicht nur ökonomisch definiert als einen Film, der jenseits der großen Majors produziert wird, sondern wie man ihn mit stilistischen Kategorien fassen könnte. Wie sieht ein Indiefilm aus?

Es hilft, sich einen Film von Hal Hartley anzuschauen, egal, ob alt oder neu. Der New Yorker, der 2010 nach Berlin umzog, ist mit seinen 55 Jahren so etwas wie ein Urgestein des Independentfilms. Hartleys „Henry Fool“ aus dem Jahre 1997 wird von einer eingeschworenen Fangemeinde immer wieder gern auf Netflix gesehen. Er erzählt von dem versoffenen Schriftsteller Fool, der den Müllmann Simon Grim zu einem gefeierten Beatnik-Poeten macht, selbst aber immer mehr bergab rutscht und die ganze Familie Grim, vor allem aber Simons schöne Schwester Fay, mit sich ins Debakel zieht.

„Henry Fool“ gewann 1998 den Drehbuchpreis in Cannes. Der absurd komische Film wird von einem, zugegeben, kleinen Kreis derart verehrt, dass die Geschichte der mehrfach gestörten Familie Grim zwei Fortsetzungen gefunden hat: „Fay Grim“ (2006), und jetzt, zum Abschluss, „Ned Rifle“.

Im Mittelpunkt steht Henrys und Fays Sohn Ned (Liam Aiken), der bei einer christlichen Pflegefamilie aufwuchs und jetzt flügge geworden ist. Zum 18. Geburtstag schenkt ihm der Pfarrer eine schön verpackte Bibel. Dessen Tochter hat noch rechtzeitig dafür gesorgt, dass ein Aktfoto von ihr zwischen den Seiten liegt.

Was willst Du als erstes unternehmen?, fragt der Pfarreer zum Abschied. Und Ned sagt mit der ganzen Festigkeit und Ehrlichkeit eines aufrechten Christenbubs: „Ich werde meinen Vater töten. Aus Rache dafür, dass er das Leben meiner Mutter zerstört hat.“ Fay Grim (Parker Posey) sitzt nämlich als verurteilte Terroristin im Knast. Ned sucht erst sie, dann seinen Onkel Simon auf, der keine Lust mehr hat am Dichterdasein und lieber Standup-Comedian sein möchte, wozu alle anderen seiner Mitmenschen mehr in der Lage wären als ausgerechnet er.

In der Lobby des kleinen Hotels, wo Simon seine Absteige hat, wartet die schlicht atemberaubende Susan, eine junge Literaturwissenschaftlerin und hartnäckige Simon-Grim-Bewundererin. Sie bittet seit Tagen vergebens, zum Dichter aufs Zimmer gelassen zu werden. Aber bald stellt sich heraus, dass sie gar nicht an ihn, sondern aus mysteriöse Gründen an Henry Fool will, genau wie sein Sohn Ned. Und so machen sich beide zusammen auf die Suche nach dem Trunkenbold.

Schön und unbelehrbar

Faszinierend ist die Halsstarrigkeit der Charaktere. In ihrer jugendlichen Schönheit und Unbelehrbarkeit haben sie etwas Roboterhaftes. Weil ihre Neurosen sie derart fest im Griff haben, bewegen sie sich wie aufgezogen auf das böse Ende hin. Stur folgen sie den verqueren Intentionen ihres Inneren, untermalt von einem wunderbar minimalistischen Musikscore. Ein liebevolle, ironische Hommage an die Macke an sich.

Finanziert wurde der dritte Teil der Grim-Trilogie über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Dort war über längere Zeit ein liebevoll gemachter Aufruf zur Mitfinanzierung abrufbar. Es war ein kurzer Spot, in dem die Schauspieler, die fast alle schon 1997 dabei waren, sich überzeugend für eine Fortsetzung einsetzten.

Portioniert auf drei Filme bewirkt die Grim-Saga eine Art Boyhood-Effekt. Gelänge es einem, die drei Teile gemeinsam irgendwo im Netz zu ergattern und hintereinander zu sehen, dann sähe man die Figuren, aber auch deren Darsteller über 18 Jahre altern. Durchaus zu ihrem und unserem Vorteil.

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