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Emmeline Pankhurst und ihre Tochter haben ausnahmsweise Spaß.

"Die Hälfte der Welt gehört uns", Arte

"Ich war viel radikaler"

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In dem Arte-Zweiteiler "Die Hälfte der Welt gehört uns" werden etwas zu hastig einige Kämpferinnen um das Frauenwahlrecht vorgestellt.

Ein Dokumentarfilm, so müssen die Verantwortlichen gedacht haben, bei dem Historikerinnen und Historiker in die Kamera sprechen oder aus dem Off, während historische Bilder eingeblendet werden, das ist einfach zu dröge. Da ist ja auch was dran. Aber dann sind sie bei ihrem Rückblick auf den Kampf um das Frauenwahlrecht ins andere, ins plakative, reißerische Extrem verfallen. Eine nackte und zitternde Emmeline Pankhurst muss sich von einem Gefängnisarzt betatschen lassen. Marguerite Durand soll ihr Kind weggenommen werden. Marie Juchacz wird entlassen, bloß weil sie einer während der Arbeit verletzten Kollegin helfen will, und vom Vater ihres Kindes geschlagen. Auch an allen diesen Szenen ist was dran, Frauen wurden (und werden) schändlich behandelt. Aber als politische Köpfe werden sie in dem von Annette Baumeister gedrehten Arte-Zweiteiler „Die Hälfte der Welt gehört uns“ eben kaum einmal gezeigt. 

In zweimal 50 Minuten wird (wie im Genre üblich) permanent zwischen London, Paris, Berlin und dem Haus Anita Augspurgs   gesprungen, wo in einer Art Rahmenhandlung die Aktivistin 1919 von einem Journalisten aufgesucht wird und also zurückblickt, erklärt, Fragen beantwortet. Marguerite Durand gründet in Paris die Tageszeitung „La Fronde“ (Der Aufruhr), in Bayern zieht wenig später Augspurg ein „Fronde“-Exemplar hervor. Sichtbar wird, dass die in England, Frankreich, Deutschland kämpfenden Frauen sich gegenseitig wahrnahmen. Nicht sichtbar wird, ob sie sich zu vernetzen versuchten. 

Der Film hat es eilig, so dass Jeanette Hain gleich sagen muss: „Mein Name ist Marguerite Durand und ich ....“ usw. Paula Hans stellt sich als Marie Juchacz vor und als „aus einer Handwerkerfamilie“ stammend. Bei Esther Schweins übernimmt die Vorstellung der fiese britische Premier: „Legen Sie Mrs Pankhurst das Handwerk“, befiehlt er dem Polizeichef. Und bei Anita Augspurg, Johanna Gastdorf, zählt der sie besuchende Journalist die nötigsten Fakten auf. Aber auch die Dialoge dienen stets dazu, schnell ein paar Fakten zu vermitteln, so dass sich die Zuschauerin bald vorkommt wie in einem von jenen Krimis, in denen der Ermittlungsstand zwischen zwei Kommissaren penetrant rekapituliert wird: Jetzt fahren wir am besten zum Schwager des Verdächtigen, er hat ebenfalls kein Alibi ... 

Offenbar gehen die Arte-Verantwortlichen nicht davon aus – und leider wohl zu Recht nicht davon aus –, dass ihr Publikum bereits einiges weiß darüber, wie und von wem das Frauenwahlrecht durchgesetzt wurde. Ein im Kino recht erfolgreicher Film Sarah Gavrons über die britischen Suffragetten mag den Namen Pankhurst ein wenig bekannt gemacht haben, auch, dass die Frauen um Pankhurst weit gingen, bis zu Bombenanschlägen, bis zum Hungerstreik, bis zum Selbstmord, indem sie sich vor ein Rennpferd des Königs warfen. Aber damit man das in diesem bloßen Themenabriss auch versteht, muss Esther Schweins zwischendurch sagen: „Ich war viel radikaler.“ 

Die Französin versucht es dagegen mit Verführung und spektakulärer PR – Marguerite Durand spazierte tatsächlich mit einer Löwin am Halsband herum –, die Deutsche Marie Juchacz mit Parteiarbeit – 1908 trat sie der SPD bei – und dem sanften Hinweis, man werde die Stimmen der Wählerinnen brauchen. Friedrich Ebert wird sie schließlich zu einer Kandidatur ermutigen. 
Die Hast, mit der die Entwicklung in drei Ländern umrissen wird, führt zu Überdeutlichkeit in Bild und Wort. Und die Überdeutlichkeit führt zu einem Verlust von Nuancen, zu einem Übermaß an Schwarz und Weiß. Typisch ist eine Szene, in der Pankhurst und eine Mitstreiterin in einer dunklen Gasse zusammengeschlagen werden – aber das reichte der Regisseurin offenbar nicht, so dass ein vierschrötiger Zeuge den um Hilfe Rufenden das Fenster vor der Nase zuschlägt und sagt „Damit will ich nichts zu tun haben“. 

Ein Männer-Schuft nach dem anderen tritt auf, eine gequälte Frau nach der anderen. Und dazwischen gibt es Telekolleg. Und am Ende wünscht man sich richtig lange Filme über Pankhurst, Durand, Juchacz, Augspurg.

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