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"In den letzten Jahren war ich bestrebt, Fußball in meinen Filmen zu vermeiden", sagt Wortmann.
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"In den letzten Jahren war ich bestrebt, Fußball in meinen Filmen zu vermeiden", sagt Wortmann.

Sönke Wortmann

"Ich war zum Glück auch der Beste im Fußball"

  • VonUwe Mies
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  • Frank Olbert
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Regisseur Sönke Wortmann spricht im Interview über seine Superkindheit, das Genre Heimatfilm und das Ruhrgebiet.

Herr Wortmann, Ihr neuer Film „Sommerfest“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Frank Goosen. Wann haben Sie das Buch gelesen, und war Ihnen sofort klar, dass Sie es verfilmen wollen?
Ich hatte es erst einmal ein Jahr ungelesen im Schrank. Der Klappentext hatte mich ein bisschen abgeschreckt. Mich beschlich das Gefühl, dass mit Omma und Kiosk und all dem anderen wieder so ein Ruhrgebietsklischeeding bedient wird. Dann habe ich es irgendwann doch gelesen, in Holland am Strand, und es hat mich sehr bewegt. Die Figuren, die da vorkommen, die kenne ich alle. Es war relativ schnell für mich klar, dass ich das Buch verfilmen möchte.
 
Also gibt es doch Klischees? Schiebermützen, Trinkhallen, Brieftauben und Schrebergärten, Export und Ballsport.
Das Wort wird so oft im falschen Zusammenhang gebraucht, gerade wenn es ums Ruhrgebiet geht. Diese Typen gibt es ja alle wirklich, es gibt die Omma, den Kiosk, Jungs, die die Kappe falsch rum aufhaben. Und zwar nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in Hamburg und Berlin und Köln.
 
Oder war es der Lockruf, bei der Westfalia in Herne zu drehen?
Nein, letztlich haben wir da ja auch gar nicht gedreht. Das war der Platz von Schwarzweiß Wattenscheid. Aber bei einer Romanadaption packt man sowieso nicht alles rein, was im Buch steht.
 
Das leuchtet ein. Aber Fußball war wichtig diesmal.
Es stimmt schon, in den letzten Jahren war ich bestrebt, in meinen Filmen Fußball zu vermeiden. Aber die Fußballepisode im Buch endet nun mal so tragisch, dass wir das unbedingt zeigen wollten.
 
Man kann den Film auch als das begreifen, was er ist – ein moderner Heimatfilm.
So steht es vorne auf dem Drehbuch: Sommerfest – ein Heimatfilm. Für mich ist das in der Tat ganz klar auch ein Heimatfilm.
 
Wie es scheint, ist das Ruhrgebiet neben Bayern die einzig legitime Gegend für einen deutschen Heimatfilm.
Mir fallen hier erstmal Berge ein, das Genre steht ja in der Tradition von Luis Trenker und Heidi. Diesmal ist das anders. Mein Film spielt nicht in den Alpen, sondern vor Kohlehalden, die aber auch nicht im Bild sind. Nicht einmal dieses Klischee konnte ich erfüllen.
 
Gibt es ein spezielles Ruhrgebietsgefühl?
Ja, das gibt es. Man geht offen und ehrlich miteinander um und ist mit Schimpfwörtern durchaus erfinderisch. Meine Lieblingsanrede im Film ist „Du bildungsfernes Arschloch“. Trotzdem schwingt in jeder Beleidigung auch ein gewisses Maß an Respekt mit: Wer nicht beleidigt wird, den muss man wohl auch nicht ernst nehmen. Im Gegenzug regt sich keiner darüber auf, wenn er eine Verbalfuhre abbekommt. Und das ist dann so eine Art „Jeföhl“, wie der Kölner sagt, das mich von Kindheit an geprägt hat und das ich von woanders her nicht kenne.

Haben Sie eine schöne Kindheit verbracht?
Ich hatte eine Superkindheit. Ich weiß nicht, ob das am Ruhrgebiet lag oder doch eher an der Zeit, aber nach der Schule waren wir nur draußen, bis es dunkel wurde. Keiner hatte Angst um uns, dass was passiert, und entsprechend habe ich eine große Freiheit gefühlt. Ich war zum Glück auch der Beste im Fußball, was für das Selbstwertgefühl eines Jungen hoch einzuschätzen ist. Ansonsten war ich auch unglücklich verliebt, aber da muss man halt durch.
 
Wer waren Ihre Fußballhelden?
Günter Netzer und Johan Neeskens, der Holländer, der immer die Strümpfe unten hatte und die Elfmeter in die Mitte reingedonnert hat. Aber vor allem Netzer. Wegen der langen Haare, und natürlich, weil er ein guter Fußballer war.
 
Der Held in „Sommerfest“ ist kein Fußballer, sondern ein Schauspieler, der nach langen Jahren zurück in die Heimat kommt. Konnten Sie sich damit identifizieren?
Allerdings. Das ist auch eines der vielen Dinge, die mich für den Roman eingenommen haben. In dieser Figur spiegelt sich ja auch der Kontrast zwischen Großstadt und Provinz und was dabei an regionaler Befindlichkeit mitschwingt. Der Mensch im Ruhrgebiet glaubt fest daran, dass München der letzte Käse ist. Obwohl er noch nie da war, weiß er, dass die da alle Lederhosen tragen und Bayerisch sprechen. Und wenn einer von dort zurückkommt und noch dazu einen Beruf hat, der einigermaßen exotisch ist, wie Schauspieler oder – schlimmer noch – Theaterschauspieler, muss man ihn eben nicht kennen. Das kam mir sehr bekannt vor.
 
Lucas Gregorowicz ist grandios in der Rolle. Wie besetzen Sie?
In erster Linie nach Gefühl, und dann muss ich schon auch überzeugt davon sein, dass die Leute spielen können. Lucas war ja die große Entdeckung von Christian Zübert für „Lammbock“, danach war er bei mir für „Das Wunder von Bern“, und dann hat er seinen Weg gemacht. Er ist in Bochum groß geworden, und ich habe für diese Rolle überhaupt kein Casting gemacht.
 
Sie haben Anna Bederke zu ihrer ersten prominenten Hauptrolle verholfen.
Ja, die ist gut, oder? Und sieht aus wie ein französischer Filmstar. Dass sie noch keine Hauptrolle bei uns hatte, habe ich auch nicht verstanden. Keine Ahnung, was sie bei den Deutschen auslöst, dass man sie nicht umarmt. Aber mir gefällt auch Sandra Borgmann gut, die lacht ja auch in echt so toll. Und Jasna Fritzi Bauer ist toll, auch als Sängerin. Das wollte ich alles zeigen, und damit aber auch, dass es viel Kultur gibt im Ruhrgebiet. Gute Bands sowieso.

Wie weit haben Sie den Strukturwandel im Ruhrgebiet mitbekommen? Gibt es ein Bild, das das für Sie persönlich auf den Punkt bringt?
Dass Opel abgerissen wurde. Man sieht da nur noch Riesenkräne, Bauzäune und dazwischen eine gewaltige Ruine. Das, finde ich, ist ein treffendes Symbol für den Wandel. Denn von den Zechen hat man ja immer noch die Fördertürme, auch das Gasometer steht noch, wird nur jetzt eben kulturell genutzt. Aber Opel ist weg und Nokia auch.
 
Wie wichtig ist es, dass „Sommerfest“ Pathos nicht scheut?
Ich weiß nicht, ob Pathos der richtige Begriff ist. „Jeföhl“ hat er, da sind wir uns ja einig. Und ich denke, dass das nach „Das Wunder von Bern“ wieder ein Film ist, der sehr viel mit mir persönlich zu tun hat und deshalb eine Authentizität in sich trägt, wie sie die Filme davor so nicht hatten. Pathos ist dann auch im Spiel, wenn der Museumsdirektor sein Publikum mit den Worten begrüßt „Das ist das Museum der Zeche, auf der mein Vater noch gearbeitet hat.“
 
Was sind Ihre nächsten Projekte?
Vielleicht ein Film, vielleicht eine Serie, das ist noch nicht genau raus. Ich bin mit verschiedenen Projekten beschäftigt, was ja sinnvoll ist, denn wenn etwas platzt, dann sollte es einen Plan B geben. Ansonsten bin ich aktuell entspannt, weil ich zuletzt ja auch sehr fleißig war mit der Serie „Charité“ und einer Theateraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus.
 
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit X-Creative-Pool?
Die hatten schon öfter gefragt, ob wir was hätten. Und bei „Frau Müller muss weg“ wären sie auch gern dabei gewesen als Verleih und Koproduzent. Nun waren sie als erste von uns gefragt worden, und sie waren gern mit von der Partie.
 
Und dann wären Sie Söldner?
Dann wäre ich Regisseur. Das bin ich auch am liebsten. Es macht Spaß und hört auch nicht auf, Spaß zu machen.
 
Haben Sie auch mal Druck empfunden? Weil man Sie als „Starregisseur“ betrachtet?
Nein.
 
Verkrampfen Sie?
Auch nicht.

Wie schätzen Sie den deutschen Film ein?
Der deutsche Film ist sehr heterogen, das ist es, was mich daran interessiert. Es kommen gute Filme dabei heraus, und es scheinen eher mehr als weniger zu werden. Allein handwerklich ist es eine ganze Ecke besser als das meiste vor zwanzig Jahren.
 
Woran liegt das?
Ich denke, das liegt auch an einem gewissen Ehrgeiz. Die Filme werden handwerklich besser, und zwar weltweit. So etwas bleibt nicht verborgen, und die jüngeren Leute, die jetzt nachrücken, sagen sich, das will ich auch so versuchen. Auch oder vielleicht sogar, weil die Latte nun höher hängt.
 
Hat die Digitalisierung im Filmschaffen eine Demokratisierung der technischen Ausgestaltung mit sich gebracht?
Ja, solange es nicht um visuelle Effekte geht. Die kosten immer noch am meisten. Aber in anderen Bereichen hat sich manches vereinfacht. So muss man heute nicht mehr so präzise leuchten, weil man im Nachhinein in der Postproduktion noch vieles korrigieren und verbessern kann und dabei auch noch viel schneller ist. Das ist natürlich toll, weil es viel Zeit und Energie im Vorfeld spart.
 
Könnte man auch sagen, früher war die Vorbereitung die halbe Miete und heute wird diese nach hinten raus reingeholt?
Im Blick auf die Bildgestaltung ist das nicht verkehrt. Aber die logistische Vorbereitung, das hat sich nicht verändert. Man kann auch nicht alles ausradieren und neu malen am Ende, denn Postproduktion ist ja nun auch nicht billig. Manch teurer Kunstgriff am Computer hätte durch präzise Vorbereitung oder mehr Sorgfalt beim Dreh oder im Schnitt vermieden werden können.
 
Und beim Fernsehen ist der Zeitdruck nochmals höher?
Leider ist das so. Wobei man sich am Anfang schon fragt, wie das gehen soll. „Charité“ umfasste drei Folgen zu je 90 Minuten plus eine halbe Stunde, das sind bei 61 Drehtagen über fünf Minuten am Tag, und das bei einem historischen Stoff, wo noch Maske und Frisuren ins Spiel kommen. Aber dann fängt man an und es geht dann doch irgendwie. Aber eben nur mit guter Vorbereitung.
 
Herr Wortmann, sind Sie eigentlich mit Ihrer bisherigen Karriere zufrieden?
Ich bin mehr als zufrieden. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Aber es gehört schon auch eine Menge Glück dazu.

Interview: Uwe Mies / Frank Olbert

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