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Charmeur: Antonio Banderas.

Antonio Banderas

„Ich glaube, wir haben in einer Lüge gelebt“

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Schauspieler Antonio Banderas spricht im Interview über die Schuldenkrise, Angela Merkel und seine Selbstverwirklichung als Actionveteran in „The Expendables 3“.

Herr Banderas, Sie haben mit einigen der besten Regisseure der Welt gespielt, mit Pedro Almodóvar, Carlos Saura, Jonathan Demme oder Woody Allen… Trotzdem können Sie es nicht lassen und spielen in einem Actionfilm wie „The Expendables 3“ mit. Aus Spaß?
Aus Spaß. Und es war interessanter, als ich dachte. Erst dachte ich, wenn mein Freund Sylvester Stallone mich fragt und mich in diese „Hall of Fame“ legendärer Actionstars aufnehmen will, dann mache ich eben mit. Aber dann sagte er auch, du kannst die Figur erfinden und spielen wie willst. Ganz wenig von meinem Dialog stand im Buch, ich habe improvisiert, improvisiert, improvisiert und die Figur komplett nach meinen Ideen geformt. Ich sagte mir: Ich kann diesem Mann nicht erlauben, innezuhalten. Und allen Schmerz, den dieser Mann in sich trägt, verdrängt er mit Humor. Den Film habe ich noch gar nicht gesehen, wer weiß, was hinterher noch drin ist. Ich habe ihnen so viel gegeben, wer weiß, was sie daraus gemacht haben. Es ist schließlich ein klassischer Action-Film, nicht so ironisch wie Tarantino oder Robert Rodriguez. Da weiß man nie, was hinterher herauskommt.

Ehrlich gesagt, fand ich Ihre Figur sogar die Interessanteste: Ein Getriebener, der immer versuch, zwanghaft den Latin Lover zu geben, um eine innere Leere zu verbergen.
Wirklich? Wenn stimmt, was Sie da sagen, würde mich das sehr freuen, da ist was Wahres dran.

Es gibt noch etwas, das diesen Film aus der Masse heraushebt: Eine Kritik an Autoritäten. Sie selbst sind bekannt für Ihre linken Ideale, wie fanden Sie denn, wie unsere Kanzlerin Angela Merkel während der Schuldenkrise gegenüber Spanien auftrat?
Ich glaube nicht, dass Deutschland aus Egoismus so agiert hat und mit seiner Politik die eigene Wirtschaft hat stärken wollen. So, nach dem Motto, die Party ist vorbei, jetzt müsst ihr aber den Gürtel enger schnallen. Die Weltwirtschaft ändert sich mit den billig produzierenden Industrien in China und Indien so rapide. Dagegen wurde Europa sehr teuer, so dass ein Weckruf nötig war. Als Kontinent müssen wir uns dagegen positionieren, sonst können wir nicht überleben. Das Problem ist nur: Bezahlen sollen dafür nur die Mittel- und Unterschicht, nicht die Oberschicht. Ich glaube, wir haben in einer Lüge gelebt, besonders Spanien: Sich so sehr auf den Immobiliensektor zu kaprizieren, war ein fataler Fehler, wir haben so viel mehr gebaut, als wir uns leisten konnten. Und die jüngeren Generationen haben keine alternativen Industrien oder Geschäftszweige aufgebaut. Als die Krise kam, traf es die Immobilienbranche wie ein Zug. Ich hoffe, wir machen den Fehler kein zweites Mal. Wir haben uns auf den Staat verlassen und brauchen eine neue Unternehmerkultur. Wir müssen aufwachen. Nicht, dass ich meine sozialistischen Ideale deshalb aufgeben würde. Natürlich muss der Staat für Bildung sorgen und ein funktionierendes Gesundheitssystem, Arbeitslosenhilfe. Aber gleichzeitig muss man die junge Generation auch aufwecken, sich um sich selbst zu kümmern. Niemand hat das gemacht.

Sie haben ja auch noch die Franco-Ära bewusst erlebt, hat das Ihr politisches Bewusstsein geprägt?
Ich war 15, als mein Land von einer Diktatur zu einer Demokratie wurde. Er erinnere mich daran sehr genau. Aber wir müssen immer noch begreifen, was dieser Wechsel wirklich bedeutet. Die Jahre nach Franco haben uns dazu gebracht, was wir „la movida“ nennen, eine Bombenstimmung. Aber es war noch nicht das, was wir sein wollten. Es war eine Riesenparty. Toll für Künstler. Endlich konnten wir sagen, was wir dachten. Aber nicht tauglich, einem ganzen Land zu vermitteln, was wir wirklich tun müssen, um uns wirklich zu verändern.

Auch das spanische Kino brauchte lange, um sich danach als eigenständige Farbe zu positionieren. Sie waren als junger Mann dabei, Carlos Saura hat Sie ja schon 1984 besetzt in seinem Politthriller „Der Fall Almeria“, kurz nachdem Almodóvar Sie entdeckt hatte für „Labyrinth der Leidenschaften“.
Es stimmt, das spanische Kino war damals obskur und lebte von banalen, frivolen Komödien. Ich hatte das Glück, die Geburt von Almodóvar zu erleben. Das war schon sehr interessant, denn er brach ja mit all den Strukturen des spanischen Kinos, das sehr armselig war, frivol und ohne Inhalte. Dann kam er mit all seinen neuen Ideen und musste schwer dafür bezahlen. Man hielt ihn lange für einen Blender. Nur seine Konsequenz und Ausdauer hat ihm geholfen. Und Deutschland! Die Anerkennung der Berlinale für „Matador“. Erst die Filmfestivals gaben ihm die Muskeln.

War der unbekannte Almodóvar denn etwa schüchtern oder zurückhaltend?
Kein bisschen. Pedro war eine Naturgewalt, genialisch, lustig, ein Denker – und er redete wie ein Wasserfall. Und er war ehrlicher, als es die meisten Leute vertragen können. Er trat in viele Fettnäpfchen. Und das betrifft auch die Regiearbeit. Er überfährt einen wie ein Zug mit seiner Meinung. Rumms! Das blockiert natürlich auch viele Schauspieler. Aber wenn man sich darauf einlassen kann, wächst man über sich hinaus. Als ich nach vielen Hollywoodfilmen mit ihm „Die Haut in der ich wohne“ drehte, habe ich eine andere Seite meiner selbst kennen gelernt. Er hat mir meine einfachen Tricks wieder abgewöhnt. Diese Dinge, die man sich aneignet, weil sie immer irgendwie funktionieren. Er sagte: Ich werde dich erst mal dekonstruieren. Und dann bauen wir diese Figur auf aus dem Nichts.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie sich zum Künstler berufen fühlten?
Ich wollte zum Theater. Unsere Eltern gingen mit uns Kindern oft in Theatervorstellungen. Für mich ist das unglaublich. Es ist ein wunderbarer Akt der Zivilisation. Sich hinsetzen, anderen Leuten zusehen und dabei die Welt begreifen.

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