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"Aber auch sie selbst brauchte die Droge Aufmerksamkeit", sagt Emily Atef über Romy Schneider, über die sie "3 Tage in Quiberon" drehte.

Emily Atef

"Ich finde Schweigen wahnsinnig spannend"

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Die Filmregisseurin Emily Atef über Teenager, die sich radikalisieren. Und über Romy Schneider, die nie einen Schutzraum für sich hatte.

Frau Atef, wie kommen Sie auf die Themen für Ihre Filme?
Bei „Macht euch keine Sorgen!“ rief mich der Produzent an. Er hatte das Drehbuch von Kathi Liers und Jana Simon und wünschte sich, dass ich für den Film die Regie übernehme. Ich hatte eigentlich keine Zeit, denn ich sollte zu dem Drehzeitpunkt eigentlich einen anderen Film drehen, aber der Stoff packte mich und das Drehbuch war ausgezeichnet. Es war nur zu lang. Der Mittwochsfilm in der ARD muss exakt 88 Minuten und 30 Sekunden lang sein. Das war eine große Herausforderung, da wir viele starke Szenen streichen mussten.

Es war nicht Ihr Stoff, aber er hat Ihnen sofort gefallen?
Was der Film behandelt, ist leider ein Teil unseres Lebens geworden, unserer Gegenwart. Bei der Arbeit am Drehbuch, beim Dreh, beim Schnitt – nie war da nur der Film. Immer gab es während dieser Zeit Anschläge, Nachrichten von Leuten, die übergelaufen waren zum IS. Was mich von Anfang an gereizt hat, ist die Aktualität und Relevanz des Themas.

Und das Tempo…
Der Film hat kaum angefangen, da steht die Polizei im Hausflur und sagt: Ihr Sohn ist beim IS. Der Schock.

Mein Eindruck ist: Sie machen manches ganz schnell, um Zeit zu haben.
Zum Erzählen brauche ich Ruhe. Daher haben wir einige Nebengeschichten aus dem Buch gestrichen, obwohl die spannend waren. Ich brauche Zeit. Schweigen kann wahnsinnig spannend sein. Die Momente des Schweigens sind für mich genauso wichtig wie die Dialogszenen in einem Film, wenn nicht sogar ein bisschen wichtiger. Aus dem Schweigen heraus kann sich eine sehr große Intensität zwischen zwei oder mehreren Figuren entwickeln. Meine intensivsten Liebeserklärungs- und Liebesentfremdungsszenen habe ich in genau solchen Momenten des Schweigens inszeniert. Wenn Vater und Bruder den zum IS Geflüchteten das erste Mal wiedersehen – da brauche ich zwei Minuten, lange Minuten, nicht etwa, weil die wie die Wasserfälle reden. Auch als Zuschauer brauche ich Zeit. Ich will empfinden, mitempfinden. Das geht nicht Ruckzuck.

Da stören dann die 88 Minuten 30 Sekunden?
Sicher. Ich finde, manches geht zu schnell. Hätten wir nicht diese zeitliche Begrenzung gehabt, wäre der Film für mich idealerweise fünfzehn Minuten länger gewesen. Aber der vorgegebene Rahmen zwingt einen, sehr genau zu sein. Je mehr Ruhe ich möchte, desto schneller muss ich an anderer Stelle sein. Als der Vater und der ältere Sohn in Jordanien sind und darauf warten, dass sie Nachrichten vom jüngeren Sohn erhalten, sind sie in einem fremden Land voller Eindrücke, aber sie können nichts tun. Nichts als warten. Der Zuschauer muss spüren, wie sich das Gefühl der Hilflosigkeit ausbreitet. Dazu braucht es Zeit.

Diese Hilflosigkeit erleben alle Eltern. Man weiß nicht, was in den Kindern vorgeht. Man sorgt sich, steigert sich in Ängste hinein, weiß aber natürlich auch, dass die Kinder sich von einem trennen müssen.
Es sind junge Männer und junge Frauen, die zum „Islamischen Staat“ gehen. Es gehen nicht die Älteren, vom Leben Desillusionierten hin. Zu 90 Prozent rennen Teenager zum IS. Das ist die Zeit, in der man sich gegen die Eltern positioniert. Man ist auf der Suche. Man könnte genauso gut auch bei den Rechtsradikalen oder in einer Sekte landen. Der Anfang ist die Loslösung von Zuhause und die Orientierung an anderen Vorbildern. Dann geht es manchmal sehr schnell. Vor einem Jahr noch lieber Sohn, im nächsten radikaler Islamist. Manche sind Außenseiter, die nach einer Gemeinschaft suchen.

Die Hilflosigkeit…
Eine Freundin warf mir vor, die Eltern seien so passiv. Aber was sollen sie tun? Sie gehen in die Moschee, reden mit dem Prediger, sie gehen zur Beratung und Vater und Bruder reisen 3000 Kilometer ohne Sprachkenntnisse, ohne die geringste Ahnung, was sie tun können. Das ist doch nicht passiv. Kathi Liers und Jana Simon haben mit vielen Ex-ISlern, mit deren Eltern und Verwandten gesprochen. Daran haben wir uns orientiert und das macht die Geschichte so wahrhaftig.

2016 bekamen Sie das Drehbuch. 2017 haben sie gedreht und jetzt sehen wir den Film im Fernsehen. Das ging rasend schnell.
Schnell war es. Das stimmt. Aber es ist Fernsehen. Das geht immer relativ schnell. Das Budget ist in der Regel niedriger als bei einem Kinofilm. Die Finanzierung eines Kinofilms dauert entsprechend länger, viele müssen mitziehen, bevor man grünes Licht bekommt. Bei einem Fernsehfilm ist es der Sender, der entscheidet. Auch brauchen die einzelnen Arbeitsschritte beim Kino mehr Zeit. Beispielsweise hat man bei einem Kinofilm einen Monat Zeit für die Ton-Mischung also Ton, Musik, Geräusche zusammenzubringen. Beim Fernsehen macht man dieselbe Arbeit in drei bis vier Tagen.

Bei „Macht euch keine Sorgen!“ hat Sie interessiert, dass er heute spielt. Ihr Romy-Schneider-Film „3 Tage in Quiberon“ spielt 1981.
Die Krise einer alleinerziehenden Frau Mitte vierzig, die einen riesigen Berg an Schulden hat, Geld verdienen muss. Sie findet keine Ruhe, findet nicht zu sich. Sie ist, seit sie vierzehn ist, eine öffentliche Person. In ganz Europa ist sie ein Star. Wie soll sie da Ruhe finden? Irgendjemand stöbert sie immer auf. Aber auch sie selbst braucht die Droge Aufmerksamkeit. Das ist sehr heutig, finde ich. Es geht auch um Freundschaft und um Manipulation, Sehnsucht, Freiheit und die Vereinbarkeiten von Lebenswelten, zeitlose Themen.

Wie kamen Sie auf Romy Schneider?
Meine früheren Spielfilme basierten auf Ideen von mir. Das Romy-Schneider-Projekt wurde an mich herangetragen. Von einem französischen Produzenten, der mit Marie Bäumer befreundet ist. Sie wollte auf keinen Fall ein Biopic machen, also nicht die Lebensgeschichte von Romy Schneider darstellen. Dieser Produzent, Denis Poncet, hatte das Buch „Romy Schneider. Letzte Bilder eines Mythos“ von Robert Lebeck – und diese Aufnahmen waren die Initialzündung, sich einen Ausschnitt aus ihrem Leben zu suchen, diese drei Tage in Quiberon. Dazu kam Michael Jürgs’ Interview und auf dieser Grundlage war dann schnell klar: Das muss ein deutscher Film sein; und dann kamen sie auf mich zu. Mich hat es interessiert, ich fand Romy Schneider schon immer eine faszinierende Schauspielerin, und hier ging es um den Menschen hinter dem Star. Ein Biopic hätte auch mich nicht interessiert.

Warum?
Wegen der Zeit. Es werden Jahreszahlen abgeklappert, ein ganzes Leben im Zeitraffer gezeigt, da fühle ich zu wenig. Als ich die Bilder sah von Lebeck – so wahrhaftig, so rau – da wusste ich: So geht es. Dann las ich das Interview. Auch das ungefiltert, selbstzerstörend ehrlich. Sie wollte erkannt werden. Als Künstlerin, als Person und in Deutschland endlich nicht mehr als Sissi gesehen werden. Da sah ich einen Film. Ich habe mich viel mit Robert Lebeck und Michael Jürgs unterhalten. Mit der Freundin, die damals dabei war, nur sehr wenig. Sie wollte nicht mit hinein in den Film. Aber sie erlaubte mir, eine vollkommen fiktive Freundin zu kreieren. Das war mein Glück. So war es mir möglich, eine weitere Perspektive hinzuzufügen, die meine sein kann oder die der Zuschauer, die Romy warnen wollen: Sie soll nicht so viel trinken, sie soll sich nicht einlassen auf das Interview. Die große Drehbucharbeit bestand darin, die Realität, die Bilder von Lebeck, das Interview und die Informationen aus den vielen Gesprächen und der Recherche zur Seite zu legen und daraus einen Spielfilm zu machen, also meine Wahrheit zu erzählen.

Es gibt Interviewfilme. Gibt es einen Film über ein Interview?
Einer der bekanntesten ist sicherlich „Frost / Nixon“. Den drehte Ron Howard 2008 über das Interview, das Talkmaster David Frost 1977 mit dem Ex-Präsidenten der USA geführt hatte. Nixon gestand darin, im Zuge der Watergate-Affäre sein Land im Stich gelassen zu haben. Michael Sheen spielte den Talkmaster. Ein brillanter Film.

Ihr Film ist viel konzentrierter.
Es war eine Herausforderung. Jürgs’ Interview fand an einem Nachmittag statt. Im Film gibt es zwei Interviewtermine und die Nacht dazwischen. Zwei, drei Jahre habe ich an dem Drehbuch gearbeitet. Ich unterbrach die Arbeit, machte einen anderen Film, kam darauf zurück. Natürlich hatte ich Angst, dass das nicht aufgeht. Es wurde so viel geredet im Film. Aber ich hörte ihnen gerne zu. Schon im Drehbuch. Erst recht im Film. Aber ich machte mir doch Sorgen: so viele Worte.

Wie der Kaiser in Milo? Formans Mozart-Film erklärt: Zu viele Noten.
Der lobte an „Figaros Hochzeit“ nur, dass er etwas Neues geschaffen habe. Ich wollte keine Neuigkeiten erzählen über Romy Schneider. Ich wollte mir und dem Publikum den Luxus verschaffen, dabei zu sein. Nicht nur bei ihr, sondern bei all den Kinderstars, die niemals einen normalen Liebeskummer hatten, über den sie mit ihren Freundinnen reden konnten, die zu früh erwachsen sein mussten. Romy Schneider konnte nie ein Gefühl für Geld entwickeln, nie sich sicher sein, wer ihre Freunde waren und wer nur die Freunde des Stars. Sie hatte als Jugendliche keinen Rückzugsort, keinen Schutzraum. Sie war immer unter Erwachsenen. Wenn man später in Krisen gelangt, wird das schwierig. Emotional ist sie nie richtig erwachsen geworden.

Ist das nicht das Problem der Schauspielerei überhaupt?
Es gibt beeindruckende Gegenbeispiele. Jeanne Moreau arbeitete bis fast neunzig. Catherine Deneuve spielte schon als 13-Jährige und jetzt ist sie fast achtzig. Interessant ist, dass Catherine Deneuve niemand nur Catherine nennt oder Jeanne Moreau Jeanne. Im Gegensatz dazu sprach man über Romy Schneider meist nur als Romy und sie ist immer noch die Romy. Das liegt nicht nur am Publikum, sondern auch an ihr. Sie hatte keine Filter, sie gab sich ganz.

Sie wollte das?
Das zeigt das Interview und das zeigt auch der Film. Sie ist darin nicht nur Opfer. Ich glaube nicht, dass ihr vollkommen bewusst war, was sie tat. Aber sie wusste um ihr enormes Charisma. Im Film erreicht sie, dass dieser ehrgeizige junge Journalist ihr am Ende anbietet, auf den Abdruck des Interviews zu verzichten. Aber sie will es veröffentlicht wissen. Sie will sich zeigen. Ungeschminkt, so wie sie ist. Mein Film ist ein Spielfilm, eine Interpretation dessen, was sich an den drei Tagen in Quiberon zwischen den vier beteiligten Personen abgespielt haben könnte. Ich versuche, eine wahre Geschichte zu erzählen – das bedeutet für mich aber nicht, dass diese zu hundert Prozent mit der Realität übereinstimmen muss.

Aber die Realität da draußen ist doch sehr wichtig für Sie?
Natürlich. Ich habe mit allen gesprochen und Robert Lebeck und seine Frau haben mir Zugang zu all seinen Aufnahmen aus Quiberon verschafft – auch die unveröffentlichten Fotos, auf denen alle Protagonisten dieser Tage zu sehen sind. Davon lebt der Film, das ist seine Inspiration. Mir war das Quartett wichtig: Romy Schneider, Robert Lebeck, Michael Jürgs und Hilde, die Freundin von Romy Schneider. Die Konstellation dieser vier Personen an diesem Ort und über die drei Tage hinweg – jeder mit seiner ganz bestimmten Perspektive – die schaffen die Spannung des Films.

Warum leben Sie in Berlin?
Weil ich hier geboren bin.

Naja…
Die ersten sieben Jahre meines Lebens war ich Berlinerin. Dann zogen wir in die USA, später nach Frankreich. Mein drei Jahre älterer Bruder blieb in Paris. Ich hatte aber, seit wir weggezogen waren, ein nostalgisches Interesse an Berlin. Wenn ich in Los Angeles eine Person deutsch sprechen hörte, bekam ich lange Ohren; und ich kam als Teenager öfter zurück nach Deutschland. In den Sommerferien habe ich bei Freunden meiner Eltern hier in Berlin gearbeitet und manche meiner Freunde aus der Kinderzeit sind noch immer meine Freunde. Als ich dann in London als Schauspielerin arbeitete, wuchs in mir der Wunsch, Regisseurin zu werden. Eine Freundin studierte an der Deutschen Film-und Fernsehakademie hier in Berlin. Die sagte: komm doch hierher. Die sind gut und du wärst wieder in Berlin. So bewarb ich mich und begann dann 2001 in Berlin, Regie zu studieren.

Unser Glück. Aber warum nicht in Los Angeles, London, Paris? Was ist so fesselnd an Berlin?
Ich liebe die Stadt, die viel ruhiger, viel grüner und auch inspirierender ist als die Städte, in denen ich davor gelebt habe. Mich zieht es aber alle paar Monate nach Frankreich oder irgendwo anders hin, ich brauch’ die Abwechslung. Verschiedene Kulturen, Sprachen, die aufeinandertreffen, spielen deshalb auch in vielen meiner Filme eine Rolle. Meinen ersten Film habe ich in Polen gedreht. Mein nächster Film wird ein französischer sein. Und er wird in Norwegen und Frankreich gedreht werden. Meine Drehbücher schreibe ich oft zuerst erst auf Englisch, das ist meine „Filmsprache“.

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