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In jungen Jahren zu Beuys nach Paris und zu Polke nach Zürich: Udo Kier.

Kino „Arteholic“

„Ich war einfach sehr fotogen“

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Der Schauspieler Udo Kier im FR-Gespräch über seine Liebe zur Kunst und zum unabhängigen Kino von Andy Warhol bis Lars von Trier. Mit ein paar Legenden räumt er auch auf. Und die neue Kier-Dokumentation "Arteholic" erzählt er nach, und zwar einmalig.

Herr Kier, Ihre Lebensgeschichte klingt wie ein Bohème-Roman aus dem 19. Jahrhundert – nur dass es dort immer die Frauen sind, die die Künstler kennenlernen – und es mit ihnen gar kein gutes Ende nimmt.
Dass ich entdeckt wurde, hatte aber noch weniger mit der Kunst zu tun, als damit, dass ich ein sehr fotogener Mann war. Ich kam ja nicht durch mein Können, sondern mein Aussehen zum Film. Das war mir auch bewusst. Als ich dann im Flugzeug neben Paul Morrissey saß, und er mich fragte, was ich mache, hatte ich als junger Schauspieler natürlich gleich mein Foto zur Hand. Dann wollte er meine Nummer haben und schrieb sie in seinen amerikanischen Pass. Daraus entstand ein paar Wochen später der Anruf: Er mache einen kleinen Film, Frankenstein in 3D, und er hätte eine kleine Rolle für mich. Ich fragte, was spiele ich denn? Und er sagte: „Frankenstein“.

Der Film heißt ja „Andy Warhol’s Frankenstein“. Tauchte der Meister überhaupt während der Dreharbeiten auf?
Natürlich, und er nahm auch Anteil am Dreh – während er Fotos für die Modezeitschriften schoss. Aber er hat sich nicht in die Regie eingemischt.

Paul Morrissey sagt heute, Warhol hätte gar nichts selbst gemacht. Die Filme nicht, und die Bilder hätten auch andere gemalt.
Das kann ich nicht bestätigen. Der Warhol hatte die Idee des schönen Anfangs von „Dracula“: Da habe ich eine weiße Perücke an und verwische mein Gesicht mit roter Farbe. Das hat viel zu tun mit seinen Bildern, der Marilyn zum Beispiel, dieses Verwischte und das Bunte.

Die Rolle des Blutsaugers bekamen Sie gleich im Anschluss an „Frankenstein“?
Am letzten Drehtag von „Frankenstein“ dachte ich, na jetzt ist erst mal Stillstand der Karriere, bis der Film herauskommt. Dracula sollte jemand anderes spielen. Da habe ich mir erst mal in der Kantine eine kleine Fasche Wein bestellt in einer wunderbaren Umgebung, Fellini drehte gerade nebenan mit wunderbaren Menschen, vollbusigen Frauen, spindeldürren Dreimeter-Männern. Da sagte Morrissey: Jetzt haben wir wohl einen deutschen Dracula. Allerdings musste ich zehn Wochen abnehmen. Ich habe dann nur noch Salatblätter gegessen. Deswegen sitze ich im Film dann auch im Rollstuhl. Weil ich keine Kraft hatte, wurde der Rollstuhl eingebaut.

Jetzt erzählen Sie in einem Dokumentarfilm über Ihre Liebe zur Kunst, „Arteholic“.
Haben Sie ihn etwa gesehen? Sonst erzähle ich ihn schnell: Am Anfang liege ich auf einer Bahre, durch den Schlauch läuft das Blut, ich springe dann auf, fantasiere und gehe auf die Reise der Kunst. Mit Rosemarie Trockel gehe ich ins Kölner Museum Ludwig, tausche mit ihr Hundefotos aus und rezitiere aus dem „Faust“. Hinter mir hängt ein Yves Klein, aber ich habe immer darauf geachtet, nicht in die Kunstwerke zu treten. Vor Picasso wäre natürlich jeder vorbeigehende Dialog zu viel gewesen. Also schlage ich vor, lass uns doch einfach zählen – wie bei Fellini: „Fünfundachtzig… fünfzehn…“ So ist der ganze Film. In einer Marcel-Odenbach-Ausstellung trage ich die „Glocke“ von Schiller vor, aber alles unprätentiös. Im Pariser Centre Pompidou erzähle ich dann von Warhol und Liz Taylor. Am Ende, im Berliner „Hamburger Bahnhof“, wo ich über Beuys rede, kommt dann ein Krankenwagen und holt mich ab. Ich rufe dann noch „Kunst!“ und werde davongetragen. Und das ist der Film.

Entdeckt hat Sie aber ursprünglich nicht Andy Warhol, sondern Jean Marais, der große französische Schauspieler.
Es war ja so: Ich war mit siebzehn in Cannes, ging spazieren, da war am Strand Jean Marais, ich bat um ein Foto. Drei Jahre später hatte er eine Premiere in Köln mit „Fantômas“, da bat ich um ein Autogramm. Er sah mich, und stieß den Regisseur André Hunebelle an – und das war’s. Jahre später spielte ich dann bei ihm im TV-Mehrteiler „Cagliostro“ neben Jean Marais. Zu ihm kann ich nur sagen: einer der liebsten Kollegen, die ich je hatte. Als mir während der Dreharbeiten ein Hollywood-Angebot gemacht wurde, musste ich wegen der Karriere ablehnen. Er sah, dass ich traurig war und ließ den Drehplan ändern. Er hätte seine Karriere ja schon hinter sich, ich aber noch vor mir. Das ist mir nie wieder passiert.

Mit Jean Marais haben Sie eines gemeinsam – die Liebe zu Künstlerkreisen.
Sein bester Freund war Jean Cocteau. Da war die Kunst etwas Exklusives. Heute, mit diesem Internet ist es ja was anderes.

Die alte Zeit haben Sie ja noch mitbekommen.
Den Schluss. Als ich nach Köln kam, lernte ich dann Kunst kennen und fühlte mich den Künstlern näher: Polke, Palermo, Buthe, Paeffgen, Klauke – die Künstler wussten ja genau, dass ich diese Filme gemacht hatte. Wenn ein Freund eine Ausstellung hatte, sind wir hingefahren. Zu Beuys nach Paris, zu Polke nach Zürich, zu Buthe nach Karlsruhe. Und wir haben gefeiert. Für Buthe habe ich eine Performance gemacht, in einem goldenen Käfig gesessen, dafür bekam ich eine Arbeit geschenkt, und so fing das alles an. Ich habe mich dann dafür interessiert, und in Paris für 100 Mark einen kleinen Man Ray oder Magritte gekauft. Etwas teuer war eine Grafik von Giacometti, „Mutter des Künstlers am Fenster“. Oder in Köln von Warhol eine signierte Einkaufstüte mit der Campbell-Suppendose, 1964. Das habe ich alles noch. Später kamen Filme von Robert Longo hinzu, immer bekam ich Arbeiten geschenkt. Dann lernte ich Hockney kennen, der hatte Leute herumgeschickt, um mich zu finden. Die Zeichnung habe ich auch noch.

Wenn Sie in Künstlerfilmen spielten oder bei Schlingensief – ist das reines Mäzenatentum oder werden da eigentlich auch Gagen bezahlt?
Bezahlt wird da schon, aber nicht sehr viel. Bei Lars von Trier kriegt jeder das Gleiche – die gewerkschaftliche Mindestgage. Schlingensief habe ich zufällig in Berlin in einer Bar kennengelernt, wir setzten uns unter den Tisch, Füße gucken, und haben uns unterhalten. Drei Wochen später drehten wir „Egomania“.

Gleich nach Ihren Warhol-Erfolgen sah man Sie dann im Skandalfilm „Die Geschichte der O“.
Ich war mit Polanski bei der Pariser Premiere von „Dracula“, da machte jemand dieses Angebot. Empört lehnte ich ab: Ich drehe doch keinen Porno! Aber Polanski trat mich unter dem Tisch ans Bein, der Film würde mich doch weltberühmt machen. Den Film fand ich dann furchtbar. Fassbinder sagte später zu mir: Hätte ich die Regie, hätte ich dich nicht genommen. Ich sagte, kann ich verstehen. Der hätte das härter gemacht. Fassbinder kannte ich vom Kölner Neumarkt, aus einer Arbeiterkneipe, im Thiebolds Eck, wo Lastwagenfahrer verkehrten und die ersten Transvestiten, die uns ihre Brust zeigten. Da war Fassbinder fünfzehneinhalb und ich war sechzehn. Ich war in der kaufmännischen Lehre, Fassbinder ging ins Gymnasium. Wir haben aber nicht über das Theater und den Film gesprochen. Viel später, nach etlichen gemeinsamen Arbeiten, bot er mir die Ausstattung von „Lola“ an, ich hätte ja diese Zeit erlebt. Es gab dann noch einen Geburtstag, wo er uns alle zu Pellkartoffeln und Kaviar eingeladen hatte, und dann war er tot.

Haben Sie es geahnt?
Das hört sich immer so komisch an. Nee, aber ich wusste, dass dieses Arbeiten nicht gutgehen konnte. Es war wie eine Kerze von beiden Enden. Und ich wollte bei dem Knall nicht dabei sein.

Aber gerade faul sind Sie ja auch nicht …
Wo ich jetzt älter werde, verlagert es sich: Mit siebzig freue ich mich, dass mein Privatleben wichtiger wird. Ich habe jetzt eine Ranch gekauft. Ich freue mich, dass ich mit siebzig auf meiner Ranch sitze. Zwar ohne Kühe, aber mit Tieren, die da sind. Da laufen Hasen mit ganz langen Ohren rum, Vögel, Roadrunner, die ganz schnell rennen, und ich bin glücklich.

Interview: Daniel Kothenschulte

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