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Überlebensgroß: Gandalf wacht über das Embassy Theater im Zentrum Wellingtons.

Film „Der Hobbit"

Hysterie um den „Hobbit“

Am Mittwochabend hatte „Der Hobbit“, der neue Film von Regisseur Peter Jackson, Weltpremiere in Wellington. Die PR-Maschine läuft bereits seit Jahren.

Von Sissi Stein-Abel

An der Decke der Ankunftshalle des Flughafens Wellington schwebt ein dreizehn Meter breiter Gollum, der gruselige, knochige, glatzköpfige Lendenschutzträger mit den Glubschaugen, und greift nach einem Fisch. Ein Gepäckkarussell präsentiert sich als grüne Wiese mit Hobbithöhlen. Am Flughafen-Terminal prangt der neue Name der Stadt in altertümlichen Viking-Goldlettern: „Middle of Middle Earth“.

Seit Wochen läuft die PR-Maschine in Wellington heiß. Dass sich die Hauptstadt in der Premierenwoche von „Der Hobbit“ in „Middle of Middle Earth“ umbenannt und damit zum Nabel des Mittelerde-Universums erklärt hat, ist da nur der Punkt auf dem i.

Schon Tage vor der Premiere am Mittwochabend wehen über den Hauptstraßen der Stadt bunte Fahnen mit den Porträts der prominentesten Filmfiguren, von Bilbo Beutlin über Gandalf den Grauen bis hin zu Gollum, Legolas und Galadriel.

Zur Welturaufführung des ersten Teils (Eine unerwartete Reise) wurden für Mittwochabend große Hollywood-Stars und kleinere Lichter auf dem 500 Meter langen Roten Teppich vor dem Embassy Theatre in Wellington erwartet. Über dem Haupteingang des cremefarbenen neoklassizistischen Baus steht ein neun Meter hoher Gandalf vor einem Hobbit-Höhleneingang und eine Countdown-Uhr zählt Tage und Stunden bis zur Premiere herunter. 2003 fand hier bereits die Weltpremiere des dritten Teils der „Herr der Ringe“-Trilogie (Die Rückkehr des Königs) statt. Seitdem fühlt sich Wellington als Mittelerde.

Reisegrund: Herr der Ringe

Siebzehn Oscars sprechen für sich. Sie haben Peter Jackson, dem Regisseur, Produzenten und Co-Autor, und Richard Taylor, dem Mann für die Spezialeffekte, Adelstitel beschert. Und Wellington will einen Teil des Kuchens.
„Das Interesse internationaler Besucher an allem, was mit „Herr der Ringe„ zu tun hat, ist ungebrochen, aber zweifellos wird es mit dem Hype um die Hobbit-Filme weiter steigen“, sagt David Perks, der Direktor der lokalen Fremdenverkehrsbehörde, die 80?000 Euro in den Filmtourismus investiert. Die Stadtverwaltung hat für die Schaffung des mittelirdischen Paralleluniversums vor der Premiere 700.000 Euro zugeschossen.

Das rechnet sich. Allein mit der Erstaufführung des Ringe-Finales 2003 flossen sechs Millionen Euro in Wellingtons Wirtschaft. Laut Statistics NZ machte die Filmindustrie der Hauptstadt im vergangenen Jahr 495 Millionen NZ-Dollar Umsatz und beschäftigte mehr als 3?000 Menschen. 753 Unternehmen verdienen direkt oder indirekt daran. Sechs Prozent der Neuseeland-Besucher nennen „Herr der Ringe“ und Touren zu den Drehorten als einen der Hauptgründe für ihre Reise.

Die Hysterie um den „Hobbit“ ist nur recht und billig, findet Celia Wade-Brown, die grüne Bürgermeisterin. „Wellington ist das Herz von Neuseelands innovativer und florierender Filmindustrie“, sagt sie, „und es ist die Stadt, die die Fantasiewelt J.R.R. Tolkiens auf der Leinwand zum Leben erweckt hat.“

Mehr Besucher als der Zoo

Die Leinwand-Zauberei findet in dem idyllischen Meeresvorort Miramar statt: in den Filmstudios in der Stone Street sowie bei Weta Digital und im Weta Workshop ein paar Straßen weiter. Dort werden für die Spezialeffekte Figuren, Waffen, Masken und Miniaturen hergestellt. 140 Filme (u.a. Avatar, King Kong, Tintin) sind hier mittlerweile entstanden, nicht bloß die Tolkien-Fantasien.

Direkt daneben steht die Weta Cave, die 2008 eröffnet wurde, um Normalsterblichen Einblick in die vielfältige Arbeit zu geben. Die „Höhle“ hat seither jedes Jahr 110000 bis 120000 Besucher angelockt. Zum Vergleich: Der Zoo in Wellington registrierte 2011 nur 92.000 Besucher.

Das Gebäude, das die Fantasiewelt der „Herr der Ringe“- und „Hobbit“-Filme beherbergt, ist ein unscheinbares weißes Holzhaus. Der Eintritt ist frei, aber einige der Memorabilien und Sammlerstücke – laut Taylor „keine Merchandise-Produkte, sondern Kunstwerke“ – sind alles andere als Schnäppchen. Für schmalere Budgets gibt es Premieren-Pins, Premieren-T-Shirts, Bücher, Mützen, Ringe, Halsketten, Schlüsselanhänger mit behaarten Hobbitfüßen und Briefmarken. Am Eingang kauert Gollum in Lebensgröße, der riesenhafte Gandalf steht am Eingang zum Minikino. Die Videos die dort gezeigt werden, gewähren einen Blick hinter die Kulissen von gigantischen Produktionen wie „Herr der Ringe“ und „King Kong“.

Die Dreharbeiten zum „Hobbit“ fanden, wie üblich, unter strengster Geheimhaltung statt. Aber es wurde offenbar so viel gefilmt, dass es Peter Jackson gelungen ist, den als Zweiteiler geplanten Streifen auf drei Teile aufzublähen. Ein Kunststück, denn der Roman „Der kleine Hobbit“ ist kürzer als die erste „Herr der Ringe“-Geschichte (Die Gefährten). Die englische Tageszeitung „The Guardian“ schloss daraus, dass Jackson entweder nichts mehr einfällt oder nur an Gewinnmaximierung interessiert ist – oder beides.

Am Hobbit-Fieber ändert das nichts, und die nationalen Jubelwochen haben nicht nur Wellington erfasst. Die Post hat einen Block Sonderbriefmarken herausgegeben, und wer sich in eine Maschine der nationalen Fluglinie Air New Zealand setzt, wird mit einem unerwarteten Sicherheitsvideo konfrontiert. Darin wuselt es nur so von Doppelgängern der Film-Figuren. Als „Der Eine Ring“ mit der magischen Kraft zu Boden fällt, grapscht ihn sich der echte Peter Jackson – und wird in Sekundenschnelle unsichtbar. Das wünschen sich jene Neuseeländer, die den Hobbitismus nicht ertragen können, schon lange.

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