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Ein Hundeleben

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Von: Daniel Kothenschulte

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Greta Gerwig als Dawn (rechts) sagt Ade zu ihren mexikanischen Wegbegleitern. Die Hauptfigur ist gleichwohl  der Dackel.
Greta Gerwig als Dawn (rechts) sagt Ade zu ihren mexikanischen Wegbegleitern. Die Hauptfigur ist gleichwohl der Dackel. © dpa

Der sperrige Autorenfilmer Todd Solondz überrascht mit einem Tierfilm in Starbesetzung – und bleibt sich doch treu in „Wiener Dog“.

Sie gewinnen keine Oscars und sind doch aus dem Kino nicht wegzudenken: Nicht nur Hollywood, auch das Kunstkino weiß um die Wirkungsmacht von Hunden. Erst im Mai etwa führte die Multimediakünstlerin Laurie Anderson in London ihren Filmessay „Heart of a Dog“ vor einem Publikum von fünfzig Hunden und ihren Besitzern auf. Nicht nur die subjektiv aus Hundeperspektive gedrehten Passagen fanden dabei reichlich Zuspruch. Anderson, die auch schon mal ein Konzert ausschließlich für Hunde gibt, achtet besonders bei der Filmmusik auf die Vorlieben empfindlicher Hundeohren. Kein Tier jedenfalls wählte den Brexit aus dem Kino.

Umso aufgebrachter verließen etliche Zuschauer die Sundance-Premiere von Todd Solondz’ „Wiener Dog“: Nur wenige Minuten vor Schluss trieb sie das grausame Schicksal des Titelhelden aus dem Saal. 1996 hatte der Filmemacher hier den Großen Jurypreis für „Willkommen im Tollhaus“ gewonnen. Anders als andere Sundance-Gewinner ist er im Anschluss freilich nie den Verlockungen Hollywoods erlegen. Einen gefälligen „Hundefilm“ sollte man von ihm jedenfalls nicht erwarten. Wohl eher eine herrlich verquere Antithese zu den üblichen Heldenreisen auf vier Pfoten.

Die hintere Hälfte eines Dackels ziert das Filmplakat von „Wiener Dog“. Das heißt, sofern die Teilansicht eines Dackels überhaupt darauf schließen lässt, wo dessen Mitte ist und wie weit das Tier wohl noch nach vorne weiter geht. Mit dem Film selbst verhält es sich ganz ähnlich: Ein Ende ist zu keiner Zeit in Sicht, und es ist auch nicht unbedingt so viel Hund drin, wie man anfangs denkt.

Wie meist in seinen Filmen wählt der Amerikaner eine episodische Erzählstruktur und verbindet seine bitter-ironischen, ins surreal-absurde gehenden Geschichten lediglich durch einen durchgehenden Protagonisten. In diesem Fall ist es ein Dackel, für den es im Englischen drei Namen gibt: „dachshund“, „sausage dog“ oder eben „wiener dog“. Hier ist es zugleich ein Wortspiel, findet die Hündin doch in der von Greta Gerwig gespielten Tierarzthelferin Dawn Wiener ihre Lebensretterin. Schon in „Willkommen im Tollhaus“ gab es eine Siebtklässlerin mit diesem Namen, doch die originale Darstellerin Heather Matarazzo lehnte eine Rückkehr in die Rolle ab. Mehrfach wechselt „Wiener Dog“ in diesem Film den Halter und durchquert dabei die USA. Nicht jedoch als Actionheld wie etwa Hollywoodstar „Benji“, sondern denkbar passiv – als ein recht- und willenloses Gut. Das mag zwar den Erwartungen an einen Hundefilm widersprechen, entspricht dabei jedoch weit eher der Stellung von Vierbeinern in der Gesellschaft.

Seinen ersten Besitzer findet das Tier im melancholischen Jungen Remi, dem er von einer strengen Mutter (Julie Delpy) erst geschenkt und dann wieder weggenommen wird. Die Gattin eines patriarchalischen Millionärs hat auf jede Kinderfrage eine mündelsichere Antwort. „Was macht der Tierarzt bei einer Sterilisation?“ – „Nichts Großes, es ist wie wenn der Zahnarzt dir die Zähne reinigt.“ – „Aber was, wenn sie doch noch Junge haben möchte?“ – „Das kann sie gar nicht wollen. Hunde sind anders als wir, ohne uns Menschen gäbe es sie gar nicht. Der Natur sind sie vollkommen gleichgültig.“

Es dauert nicht lange, bis das Tier durch einen bloßen Durchfall seinen Platz in dem noblen Haus verwirkt hat und ein zweiter Tierarztbesuch ansteht. „Wie ist das wenn man eingschläfert wird?“, fragt der kleine Junge. „Das ist schön“, antwortet die Mutter wie aus der Pistole geschossen: „Als würde man alles vergessen.“ Mit der Rettung des Tieres durch den einzigen wirklich liebevollen Menschen, der ihm begegnet, besagte Dawn Wiener, kommt das Hollywoodgenre nur kurz zu Ehren. Und auch von dem wunderbaren Country-Song, der das Tier in einem kurzen Pausenfilm feiert, sollte man sich nicht ins Boxhorn jagen lassen.

In den weiteren Episoden nehmen die Schicksale der menschlichen Protagonisten weit größeren Raum ein als das Los des Tieres: Da ist etwa der von Danny DeVito gespielte, depressive Drehbuchautor, der selbst ein Hundeleben führt: Unfähig, sich von klassischen Erzählmustern zu lösen, verhungert er an der langen Leine eines großen Studios. Als Filmprofessor stellt er die immergleichen Standardfragen an alle Geschichten, die ihm unterkommen: „Was wenn?“, lautet die erste. Und die zweite folglich: „Und was dann?“

In einer weiteren Episode muss sich das auch eine von Ellen Burstyn gespielte einsame Mutter fragen lassen: Die Geister ihres verpassten Lebens treten ihr in der Gestalt ihrer selbst als kleines Mädchen gegenüber.

Fast vergessen ist über diese traurigen, aus den Serienfolgen ihrer Biographien herausgeschriebenen Figuren am Ende der süße „Wiener Dog“, der offizielle Protagonist des Films. Aber so ist das nun einmal mit Todd Solondz, der diesen Film wieder von Kamerakünstler Ed Lachman in ausgefeilte Bilder fassen ließ: Er verhält sich gegenüber einem erwartungsvollen Publikum in etwa so großzügig wie die reichen Eltern am Beginn seines Films: Alles, was er uns schenkt, nimmt er uns auch wieder weg. Fast so wie im Hundeleben.

Wiener Dog. USA 2016. Regie: Todd Solondz. 88 Min.

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