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Der Terrier am Klavier: Lolabelle.

Im Kino: „Heart of a Dog“

Hundejahre

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Laurie Anderson hat den Autorenfilm neu erfunden in ihrer mitreißenden Bilderzählung „Heart of a Dog“. Es ist ihr zweiter abendfüllender Film in dreißig Jahren.

Sieht man frühere Aufnahmen von Laurie Anderson, dann scheint es, als hätte sie die Achtziger Jahre höchstpersönlich erfunden. Da steht sie mit ihren gelgestärkten Zottelhaaren im weißen Satinanzug, die Neongeige in der Hand und alle Euphorie des elektronischen Aufbruchs im Rücken. Im selben Jahr 1980 als die Buggles das Ende des „Radiostars“ besangen und zugleich das MTV-Zeitalter aus der Taufe hoben, stürmte ihre Single „O Superman“ die Charts.

Tausend Exemplare hatte sie von dem Stück gepresst, die ihr von einer neugierigen Popkultur aus den Fingern gerissen wurden. Die Performance-Künstlerin und Musikerin Laurie Anderson hatte plötzlich einen Major-Vertrag und wurde zu einer Zeit, als Videoprojektoren noch aus gewaltigen Schränken mit mächtigen Farbröhren bestanden, zur Pionierin der multimedialen Oper.

Leider haben sich die Achtziger Jahre in ihrem weiteren Verlauf dann doch nicht so recht an die Blaupausen ihrer Erfinderin gehalten und sind gehörig über die Ufer getreten. Und so stand Laurie Anderson, diese Minimalistin der Innerlichkeit bald wieder alleine da, bereit, wieder neu entdeckt zu werden: Als Performance- und Multimediakünstlerin, als Dichterin und faszinierende Essayistin. Welche Ironie, dass ihr meisterhafter Essayfilm „Heart of a Dog“ nun zeitgleich mit dem Comeback von Superman ins Kino kommt.

Hunde sind ein wiederkehrendes Thema im Werk der Künstlerin, die einmal ein ganzes Obertonkonzert für vierbeinige Gäste spielte. Der mit Tonbandaufnahmen einzelner Worte bespannte Bogen ihrer „Tape-Bow-Violin“, einer performativen Skulptur von 1977, verwandelte das Wort „dog“ in „god“ und wieder zurück, wenn man ihn in beide Richtungen bewegte. Und nun nimmt sie das Leben und Sterben eines Vierbeiners zum Anlass einer autobiographischen Bild- und Klang-Erzählung, die gleichzeitig meditativ ist wie philosophisch – und auf entspannende Art höchste Aufmerksamkeit weckt.

Ungeheure Wucht des Films

Protagonistin von „Heart of a Dog“ ist Lolabelle, der gestorbene Rat Terrier von Anderson und ihrem Mann Lou Reed. Der Tod des Musikers selbst bleibt während des ganzen Films eine unausgesprochene Referenz. Unmöglich, während der 75 Minuten dieses Montage- und Erzählfilms nicht daran zu denken.

In der Tat hat dieser Film eine ungeheure Wucht, was nicht nur an Andersons über Jahrzehnte in Vortragskonzerten und Performances erprobter Eindringlichkeit und leisen Stimmgewalt liegt. Besuchern ihrer Frankfurter Performance bei der B3-Biennale nur wenige Tage nach dem Tode Reeds ist es eine bleibende Erinnerung. Wie war es der Künstlerin nur damals möglich, einen ganzen Saal mit einem aufbauenden Appell an das kreative Potential des Einzelnen zu stimulieren? Dieser Film gibt eine Antwort.

„Man muss die Traurigkeit fühlen, ohne selbst traurig zu sein“, sagt Laurie Anderson. Von ihrem Meditationslehrer Mingyur Rinpoche hat sie diese Weisheit, aber wie sie es sagt im Bildermeer ihres Filmkunstwerks, bringt sie damit eine treibende Kraft der Kulturgeschichte auf den Punkt: die kreative Melancholie. „Heart of a Dog“, nach „Stop Making Sense“ ihr zweiter abendfüllender Film in dreißig Jahren, ist ein Film über das Erzählen. Doch für einen Film über den Hang der Menschen, Erinnerungen und Vorstellungen zu Geschichten zu verarbeiten, braucht sie zugleich auch ein Sujet. Es ist der Tod.

Ein zentrales Erlebnis ihrer Kindheit, einen langen Krankenhausaufenthalt, hat sie nachgespielt, hier hat sogar noch Lou Reed einen kurzen Auftritt als Arzt im weißen Kittel. Oft habe sie davon erzählt, wie sie nach einem missglückten Sprung im Schwimmbad fürchten musste, querschnittsgelähmt zu blieben. Doch das eigentliche Trauma blieb ihre in diesen Geschichten verborgen – die Erinnerung an die Todesgegenwart auf der Kinderstation. „In Amerika zielt alles darauf ab, das Sterben zu einem Dahindämmern zu machen“, sagte sie nach der gefeierten Vorführung.

Anderson bietet all ihre Künste auf. Sie zeichnet Animationen, bearbeitet 8mm-Bilder ihrer Kindheit subtil mit Videosoftware, um Augenblicke zum Strahlen zu bringen, und natürlich spielte sie auch den Soundtrack auf der Geige ein. Nie wirkt ihr Film dabei disparat oder wie bloßes Virtuosentum. Auch die zentrale Metapher hat sie in einem Schmalfilm aus der Kindheit gefunden, einen vereisten See, unter dessen Oberfläche sie ihren kleinen Bruder als Kind vor dem Ertrinken rettete.

Die autobiographische Perspektive drängt sich nicht in den Vordergrund, vielfach findet die Lust am Filmemachen einen ähnlich verspielten Ausdruck wie jüngst bei Jean-Luc Godards hundeverliebtem Spätwerk „Adieu au Language“: Die zweite Kamerafrau hat vier Beine. Es gibt einige der originellsten Aufnahmen des New-Yorker West Village mit der Hundekamera, wenn Lolabelle etwa den Maler von nebenan beschnuppert (Julian Schnabel spielt sich selbst). Selbst den größten Menschheitsfragen begegnet die 68-jährige mit erfrischender Unbefangenheit: „Den Sinn des Todes habe ich jetzt gefunden. Es ist das Loslassen der Liebe.“

Heart of a Dog. USA 2015. Essayfilm. Regie: Laurie Anderson. 75 Min.

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