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Folman zeichnet die Erlebnisse junger Rekruten nach.
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Folman zeichnet die Erlebnisse junger Rekruten nach.

"Waltz with Bashir"

Die Hunde des Krieges

Bei dem Trickfilm "Waltz with Bashir" verschmilzt realer Horror und Alptraum. Regisseur Folman verarbeitet in dem Film seine eigenen, zunächst verdrängten Erinnerungen vom Libanon-Krieg.

Frankfurt/Main. An den Krieg könne er sich kaum erinnern, sagt der israelische Filmemacher Ari Folman zu seinem Freund Boaz. Boaz, der Ari wegen seines ständig wiederkehrenden Alptraums aus dem Libanonkrieg 1982 um Rat fragte, mag dies kaum glauben.

Seine Fragen lösen in Ari eine kreative Unruhe aus, die ihn dazu bringt, seiner Gedächtnislücke auf den Grund zu gehen. Das Ergebnis ist das am 6. November anlaufende Trickfilmdrama "Waltz with Bashir", einer der eigenwilligsten und berührendsten Filme dieses Jahres.

Boaz träumt unentwegt von Bluthunden, die nachts durch die Stadt hetzen, um vor seinem Fenster Halt zu machen. Er führt den Traum auf seine Erlebnisse als junger Soldat zurück: Weil er keine Menschen töten konnte, bekam er stattdessen den Befehl, die Wachhunde am Eingang jener Dörfer zu erschießen, die von den Soldaten auf Terroristen durchsucht wurden.

Boaz' Erzählung bringt auch Ari zum Träumen; er sieht zusammen mit anderen jungen Rekruten nachts zombiehaft durch das Meer zum Strand von Beirut waten. In den zerstörten Straßen strömen den Soldaten, wie ein Schwarm panischer Krähen, schreiende und schwarz verhüllte Frauen entgegen. Woher kommen sie?

Libanesische Alpträume

"Filme sind doch wie Psychotherapie", sagt Boaz einmal, und tatsächlich verarbeitet Folman hier zunächst eigene verdrängte Erlebnisse. Doch die Träume dienen als rote Fäden zu einem Blutbad, das Schockwellen durch Israel sandte und die ganze Welt entsetzte: die von Falangisten betriebenen Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Chatila.

Bis in die Niederlande fliegt Ari, um ehemalige Kriegskameraden zu befragen. Der Mix aus subjektiver Empfindung und Recherche und aus Interviews mit in Israel bekannten Persönlichkeiten verdichtet sich zu einem dokumentarischen Trickfilm, der stärker unter die Haut geht als gewöhnliche Dokumentarfilme über den Krieg.

Dauerbeschuss

Folmans großartiges Werk über die verschlungenen Pfade kollektiver Erinnerung setzt allerdings das Wissen um die politischen Hintergründe voraus, an denen sich bis heute wenig geändert hat.

Nach dem Dauerbeschuss israelischer Städte marschierte 1982 die Armee in den Libanon ein, um die Abschussbasen der Palästinenser zu zerstören.

Verteidigungsminister Scharon plante zudem die Besetzung Beiruts, um den christlichen Verbündeten Bashir Gemayel als Präsident zu installieren. Als der charismatische Bashir jedoch bei einem Attentat ermordet wurde, drangen unter dem Schutz von Scharons Truppen christliche Milizen in die Lager ein, um Terroristen aufzuspüren. Doch diese waren zwei Wochen zuvor nach Tunesien evakuiert worden.

Was geschah in Sabra und Schatila?

Zuletzt hat die iranische Comic-Zeichnerin Marjane Satrapi mit ihrem autobiografischen Trickfilmdrama "Persepolis" vorgemacht, wie man den Horror der Vergangenheit in Animation umsetzt. Ari Folman benutzt aber keine Comics als Vorlage, sondern Realfilm.

Er hat neun Männer zwei werden durch Schauspieler dargestellt - interviewt und die Videoaufnahmen neu animiert: "Männer in mittlerem Alter, die vor einem schwarzen Hintergrund Geschichten erzählen, die vor 25 Jahren passiert sind, das wäre so langweilig geworden." Auch Träume und Kriegserlebnisse der damals 19-Jährigen hat er, untermalt von den eigenen Stimmen der Dargestellten, von Real in Trickfilm übertragen.

Die von düsteren Farben aufgelockerte grafische Schwarzweiß-Ästhetik erinnert an französische Comics im Stil des "film noir". Das Verschmelzen von Alpträumen und realem Horror, von New-Wave-Disco beim Heimaturlaub, mediterraner Landschaftsidylle und teils absurden Kriegsepisoden entwickelt einen hypnotischen Sog.

Schicht um Schicht führt die ebenso mutige wie poetische Tiefenforschung zur allgemeingültigen Frage, wie man sich im Angesicht des Bösen verhält. Der Blick der verstörten Soldaten ins Lager, wo die rachsüchtigen Falangisten alte Männer, Frauen und Kinder abschlachten, und das Gefühl des Nicht-Wissen-Wollens und Nicht-Wegschauen-Könnens, überträgt sich so auch auf den Zuschauer. (ap)

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