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Der Humor rückt die Welt auf Distanz

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Auch hier wird Sprache das Thema gewesen sein.
Auch hier wird Sprache das Thema gewesen sein. © DCM Filmdistribution

Sabine Gisiger zeigt mit ihrem Dokumentarfilm „Dürrenmatt: Eine Liebesgeschichte“ einen höchst Anwesenden.

Von Cornelia Geissler

Mit seinen Stücken „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ ist Friedrich Dürrenmatt den Schulbuchtod gestorben. Das behauptete Peter Rüedi einmal, und er ist Dürrenmatt-Experte. Er war viele Jahre Chefdramaturg am Züricher Schauspielhaus und verfasste die 2011 erschienene Biografie „Dürrenmatt oder Die Ahnung vom Ganzen“. Schulbuchtod – was für eine traurige Diagnose.

Die Schweizer Filmemacherin Sabine Gisiger hat sie nicht abgeschreckt, sich des Werks und der Persönlichkeit Dürrenmatts anzunehmen. 2014 lief ein Dokumentarfilm von ihr über den großen Schriftsteller im Schweizer Fernsehen und auf Arte; der war so erfolgreich, dass sie sich an ein umfassenderes Projekt wagen konnte. Jetzt kommt „Dürrenmatt. Eine Liebesgeschichte“ ins Kino. Man kann den Film eine Wiederbelebung nennen. Denn er gibt den Texten und der Sprache Dürrenmatts Raum, während er in Bildern dessen Leben erzählt.

Vier Protagonisten hat dieser Film: Dürrenmatts Schwester Verena, geboren 1924, seine Kinder Peter, geboren 1947, und Ruth, Jahrgang 1951, schließlich Friedrich Dürrenmatt selbst. Der 1990 mit knapp 70 Jahren verstorbene Dramatiker, Prosaschriftsteller und Maler ist in unzähligen Fotos und vielen Filmaufnahmen aus verschiedenen Lebensphasen anwesend. Hinzu kommen Spielfilmsequenzen und Mitschnitte aus dem Theater.

Dürrenmatt hält Reden, gibt Interviews, wird im Alltag beobachtet, und er fährt oft Zug. Weil Gisiger auch für thematische Übergänge und als Hintergrund für längere Textpassagen Zugbilder wählt, mal die Fahrt durch einen Tunnel zeigt oder den Verlauf der Schienen in der Nacht, entsteht ein dynamischer Eindruck. Der porträtierte Mensch ist tot, aber sein Denken und seine Lebensgeschichte sind noch in Bewegung. Und die Zitate entfalten eine große Kraft, etwa wenn Dürrenmatt sich einen „geduldeten Verrückten“ nennt oder sagt: „Humor ist der letzte Versuch der Objektivierung, den man der Welt gegenüber hat. Humor braucht Distanz. “

Die Hilflosigkeit der Eltern

Ganz anders wirken die Aufnahmen der engsten Verwandten. Sie sind keine jungen Menschen mehr, sitzen stets in der gleichen Position auf Stühlen und erzählen. Verena Dürrenmatt erinnert sich an die Hilflosigkeit ihrer Eltern gegenüber dem hochintelligenten, ausdruckswilligen, wilden Kind. Dass ihr Bruder sich erst mit einer Malerin verlobte, dann eine Schauspielerin heiratete und verkündete, er werde Schriftsteller, war für die Pfarrersfamilie schwer zu verkraften. Im Presseheft zum Film steht, dass Verena als junge Frau lange in Therapie ging, um sich vom Gefühl zu befreien, vom großen, berühmten Bruder erdrückt zu werden.

Die Kinder sprechen vor allem über das Zusammenleben mit der Mutter Lotti Geißler, die sich praktisch in einer Symbiose mit ihrem Mann befand. Sie begleitete ihn nicht nur auf Reisen oder zu den Theaterproben, sie ging auch durch alle Phasen der schriftstellerischen Arbeit mit ihm, im anregenden wie im heftigen Gespräch, in Liebe und Wut. War der Vater kreativ, scherzte und spielte er mit den Kindern; war er dabei, einen Text zu korrigieren und zu überarbeiten, musste im Haus Stille herrschen. Und diese Zeit überwog.

Ruth Dürrenmatt hat die Korpulenz und den Diabetes des Vaters geerbt, aber auch seine Kreativität: Ein Teil der Klaviermusik im Film stammt von ihr. Peter Dürrenmatt spricht ähnlich wie der Vater und wurde Pfarrer wie der Großvater. Er sagt, seine Mutter habe erst sterben müssen, bis er begriff, dass er Vater und Mutter hatte, zwei Menschen, nicht nur eine Einheit. Manchmal sieht man die Gesprächspartner von den bewegten Bildern überblendet. Sabine Gisiger ließ sie das Material anschauen. Dass die Dokumentarfilmerin die Kinder überhaupt zum Reden gebracht hat, ist ihr großes Verdienst. Dem Biografen gegenüber verweigerten sie noch das Gespräch.

Die „Liebesgeschichte“ aus dem Filmtitel bezieht sich vor allem auf Lotti. In den ersten Aufnahmen spricht Dürrenmatt darüber, welchen Einbruch ihr Tod für sein Leben bedeutete, wie sehr er auf sich zurückgeworfen war. Diese Bilder hat seine zweite Frau Charlotte Kerr gedreht. Sie verliebten sich, während Kerr Dürrenmatt mit der Kamera begleitete. Aus ihrem vierstündigen Film hat sich Gisiger bedienen dürfen. Verena Dürrenmatt sagt: „Er war schon so alt, aber da wurde er wieder jung.“

Dürrenmatt. Eine Liebesgeschichte. Dokumentarfilm. Schweiz 2015. Regie & Drehbuch: Sabine Gisiger. 76 Min.

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