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 Verfassungsschützer Werner Vogel (Bernd Hölscher, links) gerät bei einer Tatortbegehung mit dem Ermittler Norbert Bartels (Joachim Król) aneinander.
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Verfassungsschützer Werner Vogel (Bernd Hölscher, links) gerät bei einer Tatortbegehung mit dem Ermittler Norbert Bartels (Joachim Król) aneinander.

Im Kopf des Mörders

Mord an Walter Lübcke: Fesselndes Dokudrama „Schuss in der Nacht“ rekonstruiert den Fall

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Wenn aus Worten Taten werden: Das fesselnde Dokudrama rekonstruiert die Ermordung von Walter Lübcke. Heute ist der Film im HR zu sehen.

  • Der Hessische Rundfunk rekonstruiert den Mord an Walter Lübcke.
  • Die ARD-Koproduktion „Schuss in der Nacht“ ist eine Verbeugung vor einem Politiker, dessen Denken und Handeln von einem christlich-humanitären Weltbild geprägt war.
  • Der Film schafft es auf erstaunliche Weise, dokumentarische Elemente mit Spielszenen zu kombinieren.

Die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am 1. Juni 2019 war der erste tödliche Anschlag auf einen Politiker in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Gut ein Jahr nach der Tat begann beim Oberlandesgericht Frankfurt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter, Stephan Ernst. Mit einem Urteil ist erst 2021 zu rechnen. Umso ungewöhnlicher ist die Entscheidung des Hessischen Rundfunks, die Ereignisse der Mordnacht sowie die Ermittlungen gegen Ernst noch während des laufenden Verfahrens im Rahmen eines Spielfilms mit dem Titel „Schuss in der Nacht“ mit dokumentarischen Szenen zu rekonstruieren.

Schuss in der Nacht: Spielfilm rekonstruiert dramatischen Lübcke-Mord

Raymond Ley ist einer der profiliertesten Regisseure im Genre des Dokudramas. Sein Metier ist die Geschichtsschreibung mit anderen Mitteln, zur Perfektion gebracht in „Eine mörderische Entscheidung“ (über den Luftangriff in Kundus, Grimme-Preis 2014); seine Filme „Eichmanns Ende“ (2010) oder „Meine Tochter Anne Frank“ (2014) wurden ebenfalls mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt hat er sich gemeinsam mit Ehefrau und Koautorin Hannah Ley unter anderem mit dem ungeklärten Tod der jungen Offiziersanwärterin Jenny Böken auf dem Marine-Ausbildungsschiff Gorch Fock („Tod einer Kadettin“, 2017) und den Folgen der Finanzkrise („Lehman. Gier frisst Herz“, 2018) befasst.

In „Schuss in der Nacht“ (ARD) geht es um die Ermordung Walter Lübckes.

ARD-Koproduktion „Schuss in der Nacht“ zeigt dokumentarische Elemente mit Spielszenen

Kaum jemand versteht es so vortrefflich wie Ley, dokumentarische Elemente mit Spielszenen zu kombinieren und daraus einen ganz eigenen Reiz entstehen zu lassen. Im Grunde entspricht seine Arbeit in „Schuss in der Nacht“ der eines klassischen Ermittlers: Er sammelt Puzzleteile. Dabei enthält er sich in der Regel eines eigenen Kommentars; das Gesamtbild entsteht im Kopf des Zuschauers. In diesem Fall ist das anders. Der Film kann nicht verhehlen, dass das Ehepaar Ley, dessen Drehbuch auf einer Vorlage von Dirk Eisfeld basiert, offenkundig die Empörung vieler Menschen teilt: über das Attentat auf Lübcke natürlich, aber auch über die hessischen Staatsorgane. Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) hat bereits bei der Aufklärung der tödlichen Schüsse auf Halit Yozgat, Betreiber eines Kasseler Internetcafés, eine äußerst zwielichtige Rolle gespielt.

Nach offizieller Lesart gilt Yozgat als eines der Opfer des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds. In „Schuss in der Nacht“ konfrontiert der ermittelnde Kommissar im Fall Lübcke, Norbert Bartels (Joachim Król), den LfV-Vertreter Vogel mit seinem Verdacht, der Mörder sei damals einer von Vogels Leuten gewesen. Bernd Hölscher muss diesen schwitzenden Beamten, der offenbar nur darauf aus ist, dass Ernst als Einzeltäter bestätigt wird, fast schon übertrieben unsympathisch verkörpern. Bartels und seine Kollegin (Katja Bürkle) halten den geständigen und kooperativen Mann dagegen für einen typischen Mitläufer. Um mehr über die Hintergründe der Tat zu erfahren, wollen sie Zugang zum Kopf des Verdächtigen bekommen. Robin Sondermann spielt den mutmaßlichen Mörder, der sein Geständnis später widerruft und den Beschaffer der Mordwaffe als Täter bezichtigt, eher er die Tat in einem dritten Geständnis doch wieder auf sich nimmt, fast schon beängstigend gut.

Stephan Ernst (Robin Sondermann, ganz rechts) stellt bei der Tatortbegehung den Tathergang für den Verfassungsschützer Vogel (Bernd Hölscher, ganz links), Staatsanwältin Weber (Hannah Ley, Mitte) und den Ermittler Bartels (Joachim Król, rechts) nach.

Schuss in der Nacht: Lübcke als „Volksverräter“ beschimpft

Das erste Drittel des Films „Schuss in der Nacht“ konzentriert sich auf die Rekonstruktion des Tathergangs. Im mittleren Teil kommen ausführlich Freunde und Kollegen Lübckes sowie lokale Journalisten zu Wort. Zum Herzstück wird jedoch mehr und mehr jener schicksalsträchtige Abend im Oktober 2015, als der Regierungspräsident im Rahmen einer Veranstaltungsreihe über geplante Flüchtlingsunterkünfte in Lohfelden auftrat. Als er von organisierten Störern im Publikum als „Volksverräter“ beschimpft wurde, sagte er jene später berühmt gewordenen Sätze, mit denen er eine Saat säte, die vier Jahre später tödlich aufgehen sollte: „Wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen“. Im Saal saß damals auch Ernst.

Mindestens so wichtig wie der Tathergang war für Ley, der in Kassel aufgewachsen ist und dort an der Hochschule für Bildende Kunst studiert hat, die Frage nach dem Motiv. Ernst, einschlägig vorbestraft, spricht in der Befragung von einem Bürgerkrieg, für den er sich wappnen wollte. Das Gedankengut des Mannes, sagt Ley, sei „genährt durch jene Politik, die gern von der ‚Überfremdung der Deutschen’, von ‚Umvolkung’“ spreche. Diesen Zusammenhang verdeutlicht der Regisseur durch kurze Einschübe wie die berüchtigte Aussage des damaligen AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland nach der Bundestagswahl 2017 („Wir werden sie jagen“) oder die geistige Mittäterschaft am Lübcke-Mord durch die heute der AfD nahestehende frühere CDU-Politikerin Erika Steinbach. 

„Schuss in der Nacht“

26.12021, HR, 20.15 Uhr: „Schuss in der Nacht - die Ermordung Walter Lübckes“ oder in der ARD-Mediathek.

Schuss in der Nacht: „Die Ermordung Walter Lübckes geht uns alle an“

Die Stellungnahmen von Lübckes Weggefährten („Einer von uns“) mögen zunächst nicht viel zur Wahrheitsfindung beitragen, aber das Ehepaar Ley wollte offenbar verhindern, dass „Schuss in der Nacht“ ein reiner Täterfilm wird. Daher ist ihr Dokudrama nicht zuletzt eine Verbeugung vor einem Politiker, dessen Denken und Handeln von einem christlich-humanitären Weltbild geprägt war. Auch deshalb schreibt HR-Redakteurin Esther Schapira im Begleitmaterial zum Film, das Werk wende sich vor allem an die schweigende Mehrheit in unserem Land: „Die Ermordung Walter Lübckes geht uns alle an“, denn die Verteidigung „unserer offenen, liberalen Gesellschaft“ sei nicht delegierbar. (Tilmann P. Gangloff)

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